Kultur
Die Klassik sucht neues Publikum

Wer will das noch hören?

Im KKL ist der Altersdurchschnitt des Publikums meist relativ hoch – ein Problem? (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Klassische Musik hat in unserem Leben nicht mehr denselben Stellenwert, wie das bei unseren Grosseltern der Fall war. Steckt die Klassik in der Krise? Johanna Ludwig vom Luzerner Sinfonieorchester sieht die Veränderung vor allem als Chance. Trotzdem muss sich die klassische Musik auch mal aus ihrem Turm wagen.

Graumeliertes Haar, schicke Abendgarderobe und ein Cüpli in der Hand – so passt man perfekt ins KKL bei einem Sinfoniekonzert. Das jüngere Publikum wird hier oftmals vermisst. Die Klassik-Branche weiss das. Sie ist heute nicht mehr so unumstritten wie früher. Und es ist nicht mehr gegeben, dass jeder von klein auf Beethoven oder Mozart, geschweige denn die weniger «populären» Klassikkomponisten kennt oder überhaupt jemals in einem Konzertsaal war.

Aktiv auf die Leute zu

Deshalb gehen Veranstalter vermehrt auf das Publikum zu und versuchen, neue Formate und Möglichkeiten zu finden, Klassik in den Alltag zu integrieren.

So auch das Luzerner Sinfonieorchester LSO – zum Beispiel mit einem Nachtkonzert im Bourbaki. Johanna Ludwig ist Musikvermittlerin und leitet den LSO Musikwagen und den Club U25. Ein Club, der den jungen Leuten die klassische Musik näherbringen will. zentral+ hat mir ihr über die Veränderungen gesprochen.

LSO im Bourbaki

Das Nachtkonzert im Bourbaki findet am Freitag, 29. Januar, um 21 Uhr statt.

Die norwegischen Geschwister Mari und Hakon Samuelsen überzeugen mit klassischem Duo-Repertoire für Violine und Cello aber auch mit modernen Arrangements. Die jungen Ausnahmemusiker zeigen ihr Können von Bach bis in unsere Zeit im gemütlichen Ambiente.

Von Klischees und Generationengrenzen

Die Klischees über klassische Musik und ihre Konzertbesucher sind nicht neu: Die Elite, alte Leute, Reiche, Steife, Intellektuelle. Das ältere Publikum jedoch, welches man dominierend wahrnimmt, ist mit der klassischen Musik aufgewachsen, betont Johanna Ludwig. In dieser Generation spielte diese Musik schon immer eine Rolle. Früher war die Klassik auch die Musik des «Fussvolkes». Damals war sie zeitgenössisch. «Heute haben junge Leute eine andere Beziehung dazu. Sie ist überliefert, Jahrhunderte alt. Und sie begegnet uns selten im Alltag», erklärt Ludwig.

Doch nicht nur das ist ein Grund für die «Überalterung» des Publikums. «Es geht auch um die Lebensphase, in welcher man sich befindet. Im Alter hat man doch eher die Zeit und die Muse dazu, sich in Ruhe einen Abend lang nur hinsetzen und ein Konzert zu geniessen. Diese Musik braucht einen Rahmen – Konzentration und die perfekte Akustik», so Ludwig.

Das Heilige entfernen

Was nach der jetzigen, älteren Konzertbesucher-Generation kommt, sei völlig offen. «Ich sehe diese sogenannte Krise aber vor allem als Chance», betont Ludwig und erklärt: «In Zukunft werden sich die Menschen bewusst dafür entscheiden ein klassisches Konzert zu besuchen. Sie gehen nicht mehr hin, weil es einfach dazu gehört.»

Doch das junge Publikum braucht vor allem erst mal Berührungspunkte mit dieser Art von Musik. «Dafür suchen wir den Austausch», erklärt Ludwig. «Wir können nicht erwarten, dass die Leute automatisch immer weiter klassische Konzerte besuchen. Auch wir müssen uns bewegen, um die Menschen zu erreichen.»

Johanna Ludwig

Johanna Ludwig

Man wolle sichtbar sein in der Stadt und sich zeigen. Deshalb geht das LSO dorthin, wo die Menschen sind, beziehungsweise wo vor allem gemischtes Publikum vorzufinden sei, wie im Bourbaki.

Man wolle offen sein, Konzertbesuche allen ermöglichen. Auch über den Preis. «Wir wollen nichts Abgehobenes sein, das sich nicht alle leisten können», so Ludwig. 10 Franken kostet daher der Eintritt für 16 bis 25-Jährige bei allen Sinfoniekonzerten. Nachtkonzerte sind sogar kostenlos.

Dazu gibt es Angebote mit Workshops – oder Backstage-Führungen. Ludwig erklärt: «Damit können wir nahe am Mensch dran sein. Publikum und Künstler einander näher bringen. Die Personen und die Geschichten hinter den Werken zeigen. Das ist wichtig, um das Heilige an dieser Musik zu entfernen.»

Intimität statt protzen

Obwohl auch die Konzertsituation im KKL mit dem ganzen Drumherum, seinen Regeln und Vorgaben eine Anziehungskraft hat. «Auch Jugendliche verbringen gerne mal einen speziellen Abend in einem schönen Saal. Auch sie mögen es, sich schick zu machen», so Ludwig.

«Die Musiker sehen sich im Dienst des Werkes, des Komponisten und seiner Vision.»
Johanna Ludwig, Musikvermittlerin LSO

Warum geht man denn überhaupt raus aus dem KKL – für das Konzert im Bourbaki beispielsweise? «Wir haben Orte gesucht, wo Künstler und Publikum näher zusammenkommen. Gerade bei kleinen Besetzungen ist die Wirkung gross, wenn man Nähe und Intimität schaffen kann.»

Musiker im Dienste des Werkes

Dies gerade auch, weil es in der Klassik weniger der Fall ist – die Musiker geben wenig über sich selbst preis. Das liege daran, dass die Musik einen sehr hohen Stellenwert geniesse, so Ludwig: «Die Musiker sehen sich im Dienst des Werkes, des Komponisten und seiner Vision.»

Doch auch hier finde eine Veränderung statt. Gerade bei den jungen Nachwuchsstars könne man beobachten, dass man sich individueller gibt. Charakter und Aussehen der Musiker und Sänger werden auch mal Thema. Etwas, das in der Popmusik schon lange Tradition hat.

Wie viel Moderne verträgt die Klassik?

Aber nicht nur über Personen und Orte öffnet man sich dem jüngeren Publikum. Gabriela Montero ist ein weiteres Beispiel dafür. Die Pianistin wird am Neujahrskonzert Klassik improvisieren. Auch kürzere Konzerte wie Lunch- und Nachtkonzerte oder Konzerte, bei welchen die Grenze zwischen Bühnen- und Zuschauerraum durchbrochen wird – all das ist im Frühling geplant.

Doch Klassik im Club, wilde Beleuchtungskonzepte, Crossover-Projekte mit Tanz, Videokunst oder elektronischer Musik sind beim LSO noch kein Thema. «Das kann alles toll sein, ist aber auch immer Geschmackssache. Da scheiden sich die Geister.»

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