Kultur

Premiere von Coelhos Stück im Theater Tropfstei
Wer ist hier eigentlich verrückt?

  • Lesezeit: 4 min
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Veronika (Selma Güntert) erhält nach ihrem Selbstmordversuch in der privaten Psychiatrie «Villete» von Dr. Igorova (Fredrika Wikland) und ihrem Team (v.l. Jarina Müller, Jrina Ledermann, Daniela Erni-Bachman) Bescheid, dass ihr Selbstmordversuch erfolglos war.  (Bild: Jodok Achermann)

Mit einer dramaturgisch äusserst kreativen und temporeichen Inszenierung feierte das Theater Tropfstei Ruswil am Samstagabend Premiere von Paulo Coelhos «Veronika beschliesst zu sterben». Sinnlich, berührend und humorvoll sorgen die Schauspieler mit ihren weissen Plüsch-Sitzsäcken für tolle Bilder, die man nicht so schnell vergisst.

Die Türen der privaten Psychiatrie «Villette» öffnen sich und wir werden persönlich von der Chefärztin Dr. Igorova (gespielt von Fredrika Wikland Werder) in Empfang genommen und auf unsere Plätze in der dritten Etage begleitet. Wie bei einer Modeschau verteilt sich das Publikum allmählich auf zwei Seiten eines weissen Laufstegs. Doch der Laufsteg endet nirgends, er verläuft über die Wände und über die Decke weiter und schliesst sich im Kreis.

In der Mitte der Bühne liegt weich gebettet auf weissen Plüsch-Sitzsäcken eine junge Frau. Es ist Veronika (gespielt von Selma Güntert), die jetzt von einem penetranten Alarm aus dem Schlaf gerissen wird. «Wenn ech morn morge verwache, lütet de Wecker zor genau gliche Ziit, wie ner höt glütet het.»

Veronika, gerade einmal 24 Jahre alt, ist des Lebens überdrüssig und landet nach einem missglückten Selbstmordversuch in der psychiatrischen Klinik «Villette». Dass sie aber nicht ganz erfolglos war, bestätigt ihr bald Dr. Igorova. Der Tablettencocktail hat ihr Herz irreparabel beschädigt und es bleiben ihr nur noch wenige Tage.

Michelle Blum schwebt als Wirbelwind Zedka gerade auf einem Medikamententrip.

Michelle Blum schwebt als Wirbelwind Zedka gerade auf einem Medikamententrip.

(Bild: Cassandra Schurtenberger)

In Anbetracht des herannahenden Todes entdeckt Veronika plötzlich wieder lang verdrängte Gefühle, Leidenschaften und Wünsche und lässt mit ihrem Schicksal auch die anderen Insassen nicht unberührt.

Tolle schauspielerische Leistung

Da ist einmal die quirlige Zedka (gespielt von Michelle Blum), die in Veronika eine neue Freundin zu finden hofft. «Ech be no nie öpperem begägnet, wo sech umbrocht hed ond etz no läbt.» Köstlich naiv und unverblümt wirbelt sie mit Veronika durch die Gänge der Anstalt und führt sie in die scheinbar verrückte Gesellschaft ein.

Dass Verrücktheit eine Frage der Perspektive ist und sich die meisten der Klienten freiwillig gerade deshalb in «Villette» aufhalten, weil sie der wahnsinnig verbitterten, normierenden und eintönigen Gesellschaft entfliehen wollen, wird Veronika nach und nach klar. Michelle Blum, die bereits als Katze im letztjährigen Willisauer Theaterstück «Der Drache» eine wundervoll aufgeweckte Performance hinlegte, ist wie geschaffen für die Rolle der Zedka und überzeugt ausdrucksstark und mit einer tollen Stimme.

Musikalischer Balsam

Doch auch Selma Güntert in der Hauptrolle der Veronika zeigt, was sie kann. Im Wechselbad der Gefühle wird ihr allmählich bewusst, dass sie gar nicht mehr sterben möchte. Sie fällt in einen endlosen Weinkrampf und wird von allen umarmt und gehalten, bis der Druck zu gross wird und sie sich aufbäumt. Schreiend, ausser sich vor Wut und voller existenzieller Verzweiflung schickt sie alle zum Teufel. Die Szene ist äusserst erdrückend und fährt ein.

Weisse Plüsch-Sitzsäcke sorgen für ein sich ständig verändertes Bühnenbild.

Weisse Plüsch-Sitzsäcke sorgen für ein sich ständig verändertes Bühnenbild.

(Bild: Jodok Achermann)

Erst als das Klavier auf die Bühne gerollt wird, kann sich Veronika – die ihren Traum, Pianistin zu werden, auf Kosten von mütterlichen Vorstellungen von etwas Vernünftigerem aufgegeben hat – langsam in der Musik wieder beruhigen. Der musikalische Balsam wirkt Wunder, nicht nur bei ihr.

Auch der bis dahin ruhig in der Ecke sitzende, an Schizophrenie leidende Eduard (gespielt von Robert Pitaci) tritt aus der Dunkelheit hervor und ans Klavier. Pitaci verkörpert mit fast spastischer Gestik und Mimik den gefühlvollen Eduard, der sich in der Musik gehen lassen kann.

Unter der musikalischen Leitung von Dominic Röthlisberger entstand eine facettenreiche Begleitung des Stücks, die sich sowohl durch die stimmungsverstärkenden Streicher als auch durch die Wahl von eindringlichen Liedern wie «Death to Everyone» von Bonnie «Prince» Billy oder «Mantra» von Susanne Sundfør auszeichnet.

Kreative Inszenierung mit starken Bildern

Dem jungen Team rund um Regisseur Robin Andermatt gelingt eine vielschichtige und dramaturgisch äusserst kreative Inszenierung von Coelhos Stoff. Mal wird mit lautstarkem Gurgeln verrücktes Sprechen imitiert, mal mit leisem, sich überlagerndem Geflüster die Gedanken Veronikas dargestellt.

Toll gewählt sind die plüschigen Sitzsäcke, die sich sogar in tanzende Wolken verwandeln lassen. Generell ist das Tempo des Stücks relativ hoch und wird durch zahlreiche Sprünge in szenische Bilder noch beschleunigt. Während die Wechsel jedoch relativ schnell vor sich gehen, hat das Publikum mehr Zeit, die starken Bilder auf sich wirken zu lassen. Mit tosendem Applaus wird das ganze Team verabschiedet und die Premierenfeier eröffnet.

Hinweis: Weitere Vorstellungen von «Veronika beschliesst zu sterben» im Tropfstei in Ruswil: Vom 31. Oktober bis  24. November jeweils mittwochs, freitags und samstags um 20 Uhr, sonntags um 17 Uhr.

Robert Pitaci spielt einen äusserst sensiblen Eduard.

Robert Pitaci spielt einen äusserst sensiblen Eduard.

(Bild: Jodok Achermann)

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