Kultur
Podium zum Neubau

Neues Theater: Warum die Jesuitenkirche nicht verdrängt wird

Klärten das Publikum angeregt auf: Stadtpräsident Beat Züsli, Landschaftsarchitektin Rita Ilien, Moderator Emanuel Christ, Denkmalpflegerin Cony Grünenfelder, Betriebsdirektor des Luzerner Theaters Stephan Vogel, die Architekten Andreas Ilg und Marcel Santer, Stiftungsrtaspräsidentin Luzerner Theater Gabriela Christen und Jurypräsident Patrick Gmür (v.l.) (Bild: Michael Flückiger)

Aha-Erkenntnisse gewinnen, Augen öffnen, verstehen. Über 200 Personen wollen sich am Podium des Theaterclubs ein fundierteres Bild zum Neuen Luzerner Theater machen.

«Ein Glas Weisswein dürfen Sie sich zum Apéro gönnen, kein zweites.» Das Neue Luzerner Theater interessiert brennend. Doppelt so stark wie angenommen. Dem Zuschaueraufmarsch von über 200 Interessierten - nachgezählt über 250 - an der Podiumsveranstaltung in der Kornschütte begegnet Philipp Zingg, Präsident des Theaterclubs Luzern, souverän. In der humorig-launigen Art, wie man sie bestens von ihm kennt.

Er steigt vorsichtig in den Abend ein: «Viel Information erwartet Sie heute», begrüsst er das Publikum, in dem neben einer Mehrzahl von älteren Semestern auch überraschend viele Jugendliche zu entdecken sind.

«Das hier ist übrigens das Gegenteil von Pro und Kontra.» Seine Sorge erweist sich als gegenstandslos. Durch den ganzen Abend hindurch zeigt sich: Hier sitzen Leute, die sich ein Bild machen wollen. Die Auswahl der geladenen Podiumsgäste zeigt: Ihr Anliegen wird ernst genommen.

Wesentliche Beteiligte erklären sich

Patrick Gmür, Prasident der Jury, die den Entscheid für das Siegerprojekt «überall» gefällt hat, ist da, und er legt die Karten offen auf den Tisch. Die Architekten Andreas Ilg und Marcel Santer erklären die Beweggründe, die sie zu ihrem Siegerprojekt geführt haben.

«Die Luzerner sagen, wir machen es. Bei uns läuft es anders: Die Zürcher zerreden es.»

Andreas Ilg, Architekt, Wettbewerbsgewinner und Partner im Architekturbüro Ilg/Santer

Stefan Vogel, Betriebsdirektor des Luzerner Theaters, und Gabriela Christen, Stiftungsratspräsidentin Luzerner Theater, stellen sich folgender Frage: Erfüllt der Projektvorschlag die Anforderungen an das Betriebskonzept? Und was meint Cony Grünenfelder, die kantonale Denkmalpflegerin, oder die Landschaftsarchitektin Rita Ilien?

Siegerarchitekten schätzen Luzerner Pragmatismus

Sie seien sehr überrascht, den Wettbewerb gewonnen zu haben, meint Architekt Andreas Ilg. Und er setzt gleich mit einer starken Aussage nach: «Überrascht sind wir auch, wie hier gearbeitet wird. Die Luzerner sagen: Wir machen es. Bei uns läuft es anders. Die Zürcher zerreden es.» Natürlich muss das Stimmvolk in zwei bis drei Jahren den Baukredit freigeben.

Dass es nicht so einfach ist, Zielstrebigkeit zu erreichen, unterstreicht der Jurypräsident Patrick Gmür, von Geburt ein Luzerner, aber sieben Jahre als Stadtplaner in Zürich im Amt. Ein Zeitraum von zehn, zwölf Jahren sei nötig gewesen, um den Wettbewerb vorzubereiten.

Drei Tage hat es offenbar gedauert, bis die Jury sich angesichts der 128 eingereichten Vorschläge zu 12 Projektfavoriten durchringen konnte. «Was ist an jedem einzelnen Projekt gut? Was finden wir weniger gut? Wo wünschen wir uns noch Anpassungen? Unsere Haltungen dazu haben wir den Bewerbern in die zweite Runde mitgegeben», erläutert Gmür.

2,4 Millionen Franken zusätzliche Entwicklungskosten

200'000 Franken habe jedes der zwölf Architekturbüros ausgegeben für die weitere Ausführung sowie die gewünschten Projektanpassungen. In der Folge sei auf drei Projekte reduziert worden. «Schliesslich haben wir uns grossmehrheitlich für das Siegerprojekt entscheiden können.»

«In diesem Gebäude kann wirklich alles passieren. Es nimmt damit die zukünftigen Entwicklungen im Theaterbetrieb vorweg.»

Gabriela Christen, Stiftungsratspräsidentin Luzerner Theater

Noch einmal hält er fest, weshalb «überall» vom Zürcher Architekturbüro den ersten Preis davongetragen hat. «Erstens bleibt der bestehende Theaterbau erhalten, ein Drittel des angeforderten Raumprogramms sei schon im alten Gebäude gelöst.» Zweitens löse das Projekt die Nachbarschaft zur Jesuitenkirche auf gelungene Weise. «Drittens hat uns die Offenheit und Durchlässigkeit des Gebäudes überzeugt.»

Gebäude mit maximaler Flexibilität für die Zukunft

Bevor sich Stephan Vogel zum Betriebskonzept äussert, bekräftigt Gabriela Christen: «Es fällt sofort auf. In diesem Gebäude kann wirklich alles passieren. Es nimmt damit die offenen, zukünftigen Theaterentwicklungen vorweg.»

Nach ihrer Ansicht ist noch viel zu wenig hervorgehoben worden, was das Siegerprojekt alles kann. Sie überzeuge es sehr, dass der Altbau als besonders offener Raum und als Begegnungsort für das breite Publikum hervorsteche.

Der Turm im Neuen Luzerner Theater sei keiner architektonischen Extravaganz geschuldet, sondern «nimmt unverkennbar Bezug auf unsere Museggtürme wie auch auf unseren Hausberg, den Pilatus».

Betriebskonzept gibt Architektur auch das Raumkonzept vor

Die Ausdehnung des Baus ist zu einem guten Teil dem Betriebskonzept geschuldet, erklärt Stephan Vogel, Betriebsdirektor des Luzerner Theaters. Vor der Wand mit den illustrativen Seitenrissen des Entwurfs von Ilg/Sander lässt er das Publikum nachvollziehen, weshalb es einen so grossen Musiktheatersaal mit 600 Plätzen braucht. Und auch, weshalb zusätzlich zwei weitere kleinere Säle eingeplant sind.

Das von ihm erarbeitete Betriebskonzept beinhalte zwei wesentliche Vorentscheidungen. Zur ersten: «Zum Saal des KKL brauchen wir ein ebenbürtiges Pendant mit exzellenter Raumakustik», gibt er zu bedenken. Und stützt damit nicht auf den Primat des Publikumsfassungsvermögens ab. «Eine grosse Kubatur brauchen wir, damit sich der Klang auch entfalten kann.»

Auch die zweite betriebliche Voraussetzung, an die sich alle eingebenden Architekten halten mussten, erwähnt er. «Wir wollten eine Lösung, die es uns ermöglicht, den Betrieb mit dem heute bestehenden Stab zu führen.»

Effizienter Einsatz der Spezialistinnen und Spezialisten

Was dann eben bedeutet, dass die zahlreichen Spezialisten bei Bühnenbau, Licht, Ton, Technik und Kostümierung dann am besten effizient eingesetzt werden können, wenn sie in stetiger Rotation mehrere Spielorte im selben Haus betreuen können.

«Damit wir effizient arbeiten und ein breites Angebot anbieten können, kommen wir nicht um eine Mindestbetriebsgrösse herum.»

Stefan Vogel, Betriebsdirektor Luzerner Theater

Um Bühnenbilder nicht ständig nach extern abtransportieren und herbeichauffieren zu müssen, brauche es nun deutlich mehr Platz. Vier bis fünf Bühnenbilder müssen eingelagert werden können. Zusätzlich brauche es Möglichkeiten, Kulissen rasch und unkompliziert auszutauschen.

Der Betriebsaufwand, meint er, bestimme mehr oder weniger das Bühnenprogramm. «Damit wir effizient arbeiten und gleichzeitig ein breites Angebot anbieten können, kommen wir in dieser spezialisierten Berufswelt nicht um eine Mindestbetriebsgrösse herum.»

Der grosse, als Guckkastenbühne konzipierte Saal mit Bühne, Orchestergraben und ansteigender Bestuhlung kann bei Bedarf komplett bodeneben umgestaltet werden, was noch ungeahnte Nutzungsformen erlaubt.

«Weiterbauen ist besser als neu bauen. Jeder Abriss ist ein Irrtum»

Cony Grünenfelder, kantonale Denkmalpflegerin

Im Spannungsfeld zwischen Abreissen oder Weiterbauen

Die offene Diskussionsrunde, die auf die Ausführungen zum Betriebskonzept folgt, dreht sich wesentlich um die Frage, weshalb es nun trotzdem richtig ist, den in die Jahre gekommen Bau des alten Theaters weiter zu erhalten. «Weiterbauen ist besser als neu bauen», die Worte von Cony Grünenfelder überraschen nicht, denn schliesslich amtet sie als kantonale Denkmalschützerin. Sie geht aber noch weiter und meint: «Jeder Abriss ist ein Irrtum.»

Unterstützung findet sie beim moderierenden, im Wettbewerb unbeteiligten Architekten Emanuel Christ aus Basel. Er gibt zu bedenken: «Weiterbauen steht für ein traditionelles Kunstverständnis, doch ist es zugleich auch schon wieder Avantgarde.» Denn jedes Bauen sei ein Weiterbauen, die Auseinandersetzung mit der Geschichte gehöre unweigerlich mit dazu.

«Das war auch von Anfang an unser Grundgedanke», so Projektgewinner Marcel Santer. Doch in einer Sache sei er sich mit seinem Kollegen Andreas Ilg einig gewesen: «Der Theatersaal im alten Gebäude muss neu gedacht werden. Wir haben ihn zum Foyer und Begegnungsort umfunktioniert.» Das sei ihrem Projekt sehr dienlich gewesen. «Alle Projekte, die den heutigen Theatersaal erhalten wollten, sind gescheitert.»

Die beiden Architekten sind sich mit dem Moderator einig, dass die Stärke ihres Projekts darin besteht, Bühne, Seiten und Hinterbühne ebenerdig zu öffnen und das Theater damit situativ zum offenen öffentlichen Haus umzufunktionieren.

Umgang mit Jesuitenkirche als Taktgeber für Juryentscheid

«Die stetigen Ermahnungen unserer Denkmalpflegerin Cony Grünenfelder haben uns manchmal etwas genervt», erklärt Jurypräsident Patrick Gmür, «doch sind wir ihr im Nachhinein sehr dankbar für ihr Hartnäckigkeit.»

Cony Grünenfelder hat stets das Foto hochgehalten, das unverkennbar zeigt, wie die Jesuitenkirche auf der Quaipromenade einen Schritt vorgelagert ist. Im Interesse der Wahrung des Stadtbildes habe sie sich dafür eingesetzt, dass dieser Status der Kirche erhalten bleibt.

«Ich bin nun erleichtert, dass unser Gewinnerprojekt die Jesuitenkirche nicht zurückdrängt», gibt sie zu Protokoll. Besonders der Umgang mit der Jesuitenkirche sorgte in den letzten Wochen für Furore (zentralplus berichtetet).

Patrick Gmür (rechts) zeigt dem Publikum das Bild der Jesuitenkirche, vom Quai her gesehen. Sie bestimmt das Stadtbild. Und das soll mit dem Neuen Luzerner Theater auch so bleiben. (Bild: Michael Flückiger)

Zu guter Letzt äussert sich Stadtpräsident und Schirmherr des Projekts Neues Luzerner Theater, Beat Züsli, zu den Vorteilen aus seiner Sicht. «Wir bebauen hier den letzten freien Platz in der Innenstadt», sagt er. «Wir nehmen den Leuten etwas. Aber indem wir das Neue Luzerner Theater als offenen Begegnungsort anlegen, geben wir ihnen auch wieder etwas zurück.»

Die Antworten auf die Fragen aus dem Publikum

Die Informationsveranstaltung bringt an diesem Mittwochabend viel Licht ins Dunkel rund um den Juryentscheid. Fragen aus dem Publikum gibt es selbstverständlich trotzdem. Ob denn die weisse Wand des Bühnenturms dereinst als Fläche eingesetzt werde, um Vorstellungen weitherum sichtbar zu bewerben, will eine Interessentin wissen. «Wir sind noch gar nicht so weit, um uns solchen Fragen zu stellen», äussert sich Andreas Ilg. «Wir starten erst mit der weiteren Ausarbeitung.»

«Wir haben den Vorschlag für einen kompletten Neubau intensiv geprüft. Am Ende haben aber die Argumente für Ilg/Santer doch überwogen und eine klare Mehrheit der Jury überzeugt.»

Patrick Gmür, Jurypräsident im Rahmen des Architekturwettbewerbs

Ob die Durchgänge von der Alt- zur Neustadt noch angemessen gewährleistet sind, will ein anderer interessierter Zuhörer wissen. Neun Meter breit sei die Passage zwischen dem Neubau und der Jesuitenkirche auch noch in Zukunft, wird ihm versichert. Das entspreche einer normalen Strassenbreite. Und von der Buobenmatte her sei ein offener Durchgang durchs Neue Luzerner Theater an die Reuss sichergestellt.

Ein letzter Besucher fragt, ob sich die Jury sicher sei, dem Entscheid für Ilg/Saner nicht allenfalls doch einen grossen Wurf für einen Komplettneubau geopfert zu haben. Das zweitplatzierte, ebenfalls in der Kornschütte ausgestellte Projekt bringe diese Qualität zwar mit, meint Patrick Gmür. «Wir haben den gelungenen Vorschlag für einen kompletten Neubau zwar intensiv geprüft. Am Ende haben aber die Argumente für den Vorschlag von Ilg/Santer doch überwogen und eine klare Mehrheit der Jury überzeugt.»

Verwendete Quellen
  • Podiumsanlass in der Kornschütte vom 11. Januar
  • Wettbewerbsausstellung in der Kornschütte
  • Website des Luzerner Theaters

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