Kultur
Zug: Fado-Musik als Lebensgefühl

«Saudade» – melancholischer Weltschmerz rührt Zuger Publikum

Schön und stark: Cristina Branco gab am Freitag ein Konzert in Zug.

(Bild: cristinabranco.com)

Ihre Lieder handeln von der Liebe in all ihren Facetten, von Weltschmerz und Sehnsucht. Am Freitagabend machte der portugiesische Fado-Star Cristina Branco auf seiner Welttournee in der Shedhalle Zug Halt. Branco lieh diesen Emotionen einen Abend lang stark und einprägsam ihre Stimme: «Saudade»!

Cristina Branco kommt in den Saal, unauffällig und still, bekreuzigt sich und tritt auf die Bühne. Sie und ihre Band tragen alle schwarz, sind konzentriert und geben ein unmissverständlich «portugiesisches Bild» ab. Branco wirkt scheu, während sie darauf wartet, dass der anfängliche Applaus versiegt.

Dann geschieht mit den ersten Tönen der Gitarre eine Transformation: Die Sängerin wird richtiggehend transportiert, vom Fado eingenommen. Sie singt jede Zeile mit solchem Ausdruck, solcher Verzweiflung, dass es völlig egal ist, dass man als deutschsprachige Person keine Ahnung hat, was sie singt. Man fühlt es einfach. Und darin liegt auch die Seele des Fado: in der Emotionalität, die an sich keiner Sprache bedarf, aber durch sie ungemein bereichert und zum Ausdruck gebracht wird.

Unübersetzbare portugiesische Saudade erleben

Stellvertretend hierfür steht Saudade, das portugiesische Wort für ein melancholisches, nicht immer negatives Gefühl von Weltschmerz, das dem Fado innewohnt. Internationale Instanzen haben es für unübersetzbar erklärt.

Dieser Unübersetzbarkeit liegt eine nicht zu leugnende Schönheit inne, denn anstelle genau zu wissen, was ein Wort heisst, ist man veranlasst, es zu erleben, und dieses Erlebnis boten Cristina Branco und Band am Freitagabend. Branco präsentierte mit ihrer Band Songs von ihrem neuen Album «Menina», zu deutsch: «kleines Mädchen».

Ein Kontrabass, eine portugiesische Gitarre und ein Pianist begleiten sie, und gleich hier zeigt sich ihre Handschrift: Das Klavier ist kein Bestandteil des traditionellen Fado-Klanges. Brancos Mission ist es, den Fado in die Gegenwart zu transportieren, ihn zu erneuern oder zu erweitern, ohne seine Wurzeln zu vergessen. So sagte sie selbst «Es gibt viele, die den alten Fado konservieren wollen, und das ist gut so. Aber man kann auch neue Sachen einbringen, oder.»

«Man mag sich nicht vorstellen, wie es wäre, Cristina Branco zu lauschen, wenn man tatsächlich gerade an gebrochenem Herzen litte.»

Branco rührt das Publikum zu Tränen

«Menina», so Branco, stehe ganz im Zeichen des Feminismus, der in vielerlei Form zutage treten könne. So singt sie beispielsweise von einer alleinerziehenden Mutter, die im tiefsten, ländlichen Norden Portugals ein isoliertes Dasein führt und allein über das Internet ihren Blick durch die Welt schweifen lassen kann – eine Form der Selbstbehauptung im Onlinezeitalter, sinnbildlich auch für die Vernetzung von Frauen auf der ganzen Welt.

Auch wenn es die Worte nicht verstand, konnte der Fado-Star Branco das Gefühl von «Saudade» mit der Musik und ihrer starken Stimme ans Publikum weitergeben.

Auch wenn nur wenige Zuger Portugiesisch verstehen, konnte der Fado-Star das Gefühl von «Saudade» mit der Musik und einer starken Stimme weitergeben.

(Bild: cristinabranco.com)

Trotz solcher thematischer Exkurse bleibt unerfüllte Liebe Dreh- und Angelpunkt ihrer Musik: Fado ist intensiv, Fado ist herzzerreissend. Man mag sich nicht vorstellen, wie es wäre, Cristina Branco zu lauschen, wenn man tatsächlich gerade an gebrochenem Herzen litte – als grundsätzlich glücklicher Mensch kam man glimpflich davon. Was nicht bei allen Zuhörern der Fall war, denn dann und wann flossen in den Reihen die Tränen, es wurde laut geschnieft. Doch das gehörte irgendwie dazu, denn die Künstler auf der Bühne liessen sich von ihrer Musik ebenfalls derart berauschen, dass man sich ihrem Einfluss nur schwerlich entziehen konnte.

Eine starke Stimme zwischen Joplin und Fitzgerald

Die Art und Weise, wie Branco den Fado ehrt und zugleich erneuert, sorgte indes dafür, dass ihr Konzert niemals zu schwermütig wurde. Sie streute leichte, verspielte Lieder ein, um dann wieder zu dramatischen, traditionelleren Melodien zurückzukehren, in denen ihre Inspirationsquelle liegt: «Egal wo ich hingehe, musikalisch oder persönlich, wenn ich Inspiration suche, so kehre ich zum Fado zurück. Immer zum Fado», sagte sie.

«Die Mischqualität hätte besser sein dürfen, die Sängerin stand zeitweise zu sehr im Vordergrund.»

Ihre Stimme, anzusiedeln irgendwo zwischen Janis Joplin und Ella Fitzgerald, ist sowohl ganz eigen als auch für den genau diese Musik bestimmt. Die Stärke ihrer Stimme entlarvte denn auch die auffälligste Schwäche des Auftritts: Die Mischqualität hätte besser sein dürfen, die Sängerin stand zeitweise zu sehr im Vordergrund und übertönte das Ensemble, wo Harmonie angezeigt gewesen wäre.

Insgesamt boten die Musiker am Freitagabend in der Shedhalle einen Sprung in die Tiefen der stolzen, erhabenen und edlen Gefühlswelt der Portugiesen, bewiesen, dass Volksmusik schön sein kann liessen nur eine Frage ungeklärt im Raum stehen: Wo nimmt Branco all die Luft her?

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