Kultur
Luzerner Theater – Rezension

Mit der Pulsuhr an Händels magischen Klängen

Luzerner Theater, Il Trionfo del Tempo, gespielt in der Box (Bild: Manuela Jans / Luzerner Theater)

Am Samstagabend erlebt das Publikum des Luzerner Theaters eine aussergewöhnliche Produktion mit der Musik von Georg Friedrich Händels «Il trionfo del tempo e del disinganno».

Das erste Oratorium des barocken Meisters wird unter der Regie von Anna-Sophie Mahler gleichberechtigt vom zweiten Teil des Projekttitels durchzogen: dem Vermessen der Schönheit. Dieses Vermessen geschieht mit Probanden aus dem Publikum, die sich während der musikalischen Darbietungen freiwillig Puls und Herzschlag messen lassen. Am Ende wird sogar ein Fragebogen verteilt, den jedes Mitglied des Publikums ausfüllen kann, was den wissenschaftlichen Charakter der Veranstaltung untermauert.

Schon nach dem Betreten der Box wird die offene Situation, in die man sich hier als Zuschauender begibt, offenkundig, wenn man persönlich von den Schauspielenden begrüsst wird, ehe man Platz nimmt. Schnell wird klar, dass Platz nehmen an diesem Abend nicht bedeutet, sich entspannt zurückzulehnen und von der Musik berieseln zu lassen. Zwei als Wissenschaftler agierende Schauspieler führen in enger Vernetzung mit den Musizierenden und den beiden Hauptfiguren aus Händels Oratorium durch den Abend. Sie wollen herausfinden, was Musik wirklich schön macht - wichtiger noch: was schön eigentlich ist.

Was ist Schönheit?


Eine Frage, die man zunächst als banal empfinden mag, wünscht man sich doch gerne alltäglich noch einen schönen Nachmittag oder allgemein eine schöne Zeit. Aber was ist es genau, was man sich damit eigentlich wünscht? Ist etwas wirklich objektiv schön oder ist nur das Erleben der - in diesem Fall - Musik subjektiv erlebte Schönheit? Diese Fragen durchziehen die Produktion Il trionfo del tempo oder die Vermessung der Schönheit von Anfang an.

Es ist also kein Zufall, dass das Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik mit Sitz in Frankfurt am Main Kooperationspartner des Projekts ist. Dort forscht man schon seit geraumer Zeit an dem Wesen der Schönheit.
In der philosophischen Beschäftigung mit Schönheit stösst man schnell auf die Begriffe Wahrheit und Moral. Schon an diesen vermeintlich unumstösslichen Instanzen wird klar, wie schwierig es sein mag, die Schönheit objektiv zu statuieren. Die WissenschaftlerInnen fragen deswegen das Publikum beispielsweise, ob das Kleid der Sängerin (Tania Lorenzo) noch grün oder schon gelb sei - ein einfaches Beispiel für die Ambiguität von hundertprozentiger Wahrheit.

Schönheit wird auch im Verhältnis zur Vergänglichkeit gesetzt: So wie die Wissenschaftlerin (Tini Prüfert) ihren vergänglichen Körper im Stück betrachtet und hinterfragt, so ist auch die Musik die wohl vergänglichste Kunstform von allen. Gerade noch erklungen, ist sie schon wieder verklungen und nie mit den Händen zu greifen.

Eine beeindruckende Gratwanderung

Anna-Sophie Mahler, Talisa Walser (Dramaturgie) schaffen mit ihrem Team eine beeindruckende Gratwanderung zwischen den als Gegenspieler anzunehmenden Bereichen der wissenschaftlich- philosophischen Teile des Abends und den musikalischen. Beide durchdringen sich zu jedem Zeitpunkt im Stück und stehen nicht abgeschottet nebeneinander. Mehr noch: Die Musik wird durch die Hintergrundinformationen zur Ästhetik noch viel bewegender. So wird zum Beispiel das Gefühl der Gänsehaut erklärt mit dem gleichzeitigen Auftreten von negativen und positiven Gefühlen, die durch Musik ausgelöst werden können. Dieses Spannungsfeld bleibt den ganzen Verlauf des Spektakels spürbar, wodurch das Publikum weitestgehend sehr aufmerksam bleibt, in ständiger Erwartung was als nächstes geschehen mag.

Der Raum der Box wird zwecks dieser ambivalenten Stimmungszustände auf sehr sensible Weise genutzt, vor allem wenn der Sänger (Ziad Nehme) gegen Ende im Dunkeln ein paar der Jalousien zur Aussenwelt öffnet, wodurch sehr intimes Licht auf die Szenerie fällt.

Die MusikerInnen des Ensembles Il Profondo wandeln ständig durch den Raum, auch teilweise hinter das Publikum, was weitestgehendes Auswendigspiel erfordert. Ein wichtiges Detail, was für hohe Qualität des Ensembles sorgt, die auch auf weite Distanz punktgenau zusammen musizieren. Durch den ständigen Ortswechsel der Agierenden wird die klassische Hierarchie zwischen MusikerInnen, SängerInnen und SchauspielerInnen fast gänzlich unterlaufen und man gewinnt als Zuschauender zunehmend den Eindruck, dass hier wirklich ein gewachsenes Team mit Leidenschaft für die Sache gemeinsam agiert.

Wer sich also nicht vor philosophischen Denkanstössen zum Thema der musikalischen Schönheit scheut und dabei auch noch in die sehnsüchtige Musik von Händel eintauchen möchte, kann das noch beispielsweise am 16.12 oder 22.12. im Luzerner Theater tun. Die Produktion läuft nur bis zum 16.1.2022.

Deine Ideefür das Community-Voting

Die Redaktion sichtet die Ideen regelmässig und erstellt daraus monatliche Votings. Mehr zu unseren Regeln, wenn du dich an unseren Redaktionstisch setzt.

Deine Meinung ist gefragt
Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert. Bitte beachte unsere Netiquette.