Sogar Bischof fände Feierei an Pfingsten okay

Luzerns Clubs nervt «völlig überaltertes» Tanzverbot

In einer Disco in den freien Montag hineintanzen – im Kanton Luzern ist das verboten. (Bild: Symbolbild: Unsplash)

Wegen der Sperrstunde, eines Überbleibsels des vermeintlich längst abgeschafften Tanzverbots, bleiben Luzerns Discos am Pfingstsonntag geschlossen. zentralplus verrät, was der Bischof, die Clubszene und die Jugend davon halten.

An so manchem Relikt aus erzkatholischer Vergangenheit erfreuen sich Luzernerinnen – unabhängig von der Konfession – bis heute. Denn so viele Feiertage wie im Kanton Luzern gibts sonst fast nirgends.

Das religiöse Erbe bringt aber auch Einschränkungen mit sich. So profitiert das Nachtleben vom verlängerten Pfingstwochenende nur marginal. Bars und Clubs müssen am Samstagabend, kurz nach Mitternacht, ihre Gäste rauswerfen. Weil es sich um einen sogenannten «hohen» Feiertag handelt.

«Am Karfreitag, am Ostersonntag, am Pfingstsonntag, am Eidgenössischen Bettag, an Weihnachten sowie am Aschermittwoch werden keine Verlängerungen für öffentlich zugängliche Anlässe erteilt», steht bis heute im kantonalen Gastgewerbegesetz.

Bischof behält sich Einmischung in Politik vor

Doch wie zeitgemäss ist ein auf katholische Bräuche und Traditionen zurückgehendes Tanzverbot? zentralplus hat sich mit dieser Frage an Bischof Felix Gmür gewandt. Dieser verweist über seine Pressesprecherin Barbara Melzl auf die Politik: Die Frage sei vom Gesetzgeber zu beantworten.

Bischof Felix Gmür ist Luzerner – und musste sich als Jugendlicher noch an die «strengere» Version des Tanzverbots halten. (Bild: les)

Gleichzeitig schliesst der Bischof offenbar nicht aus, sich in eine allfällige Debatte einzumischen, sollte die endgültige Abschaffung des Tanzverbots wieder zum Politikum werden. Das Bistum werde sich aber erst mit der Thematik befassen, wenn sie wieder aufs politische Parkett kommen sollte, sagt Melzl.

Tanzverbot für Katholikinnen fakultativ

Doch strenggläubige Katholiken halten sich nicht nur an gesetzliche, sondern auch an klerikale Vorgaben ihrer geistlichen Führer. Zumindest vom Bischof müssen sie sich in Sachen Tanzverbot aber nicht reinreden lassen. Gemäss Melzl appelliert Felix Gmür an die Eigenverantwortung: «Katholische Menschen dürfen und sollen selber entscheiden, wie sie die hohen kirchlichen Festtage feiern – und was ihnen dabei für ihren Glauben hilft.»

Diese Entscheidungsfreiheit fordert Gianluca Pardini auch für die Bars und Clubs. Der Chef der IG Kultur setzt sich nicht nur als SP-Politiker im städtischen und kantonalen Parlament, sondern auch als Geschäftsführer der Luzerner Bar & und Club Kommission für die Mitwirkenden des Nachtlebens ein.

Umsatzeinbussen wegen Sperrstunde

«Das Tanzverbot ist unverhältnismässig», sagt er gegenüber zentralplus. Wegen «althergebrachter Schliesstage» seien Bars und Clubs zur Einschränkung ihrer Öffnungszeiten gezwungen – wobei sie «gewichtige Umsatzeinbussen» hinzunehmen hätten. «Insbesondere wenn die entsprechenden Feiertage aufs Wochenende fallen, gehen fix budgetierte Einnahmen verloren», sagt Pardini.

Gianluca Pardini ist Chef der IG Kultur – und möchte, dass künftig am Pfingstsonntag bis in die frühen Morgenstunden gefeiert werden darf.

Konkrete Zahlen zu Umsatzeinbussen, die auf das Tanzverbot rückführbar seien, lägen keine vor, gesteht Pardini ein. «Aber klar, wer an einem verlängerten Wochenende wie Pfingsten in der Stadt bleibt oder Luzern besucht, wäre am Sonntag potenzieller Gast eines Clubs oder einer Bar, die länger offen hat.»

«Völlig überaltert»

Auch im ehemaligen Kino Moderne an der Pilatusstrasse hätten Tanzwütige die Nacht auf Sonntag wohl durchgefeiert – wäre da nicht diese verflixte Sperrstunde. Im zum Eventlokal umfunktionierten Kinosaal, wo einst noch Filme wie «The Hangover» über die Leinwand flimmerten, finden seit einem Jahr auch Partys statt (zentralplus berichtete).

Simon Märki ist unter anderem verantwortlich für das Programm im Eventlokal Karussell.

Programmchef Simon Märki kann dem Überbleibsel des Tanzverbots nichts Positives abgewinnen. Er beschreibt es als «völlig überaltert und nicht mehr zeitgerecht». Während er am Sonntag um 0.30 Uhr schliessen müsse, sei dies in anderen Kantonen längst nicht mehr der Fall. «Das ist nicht fair», findet Märki.

Sein Kollege Flo Dalton vom Klub Kegelbahn an der Baselstrasse stimmt ihm zu. «Das Tanzverbot hat in einem säkularen Staat nichts verloren», sagt er. Die vermeintliche Abschaffung im Jahr 2010 habe den Discos quasi nichts gebracht – weil die Sperrstunde beibehalten wurde. Und die Kegelbahn für 30 Minuten zu öffnen, ergebe keinen Sinn.

Flo Dalton, Betreiber der Kegelbahn, in seinem Club. (Bild: Jan Rucki)

Unverständnis bei Jugendlichen

Mit ihrer Kritik steht die Clubszene nicht allein da. «Grad auch die Jungen haben wenig Verständnis fürs Tanzverbot», sagt Gianluca Pardini, «denn viele von ihnen empfinden die Einschränkung als willkürlich.» Nachvollziehbar, schreibt ihnen doch nicht einmal der Bischof vor, das Tanzen am Pfingstsonntag zu unterlassen.

Dennoch bleibt eine Interessengruppe übrig, die etwas gegen die endgültige Aufhebung des Tanzverbots haben könnte: die Mitarbeiter der Bars und Clubs. Deren Anliegen seien betreffend die Feiertagsregelungen im Rahmen einer allfälligen Gesetzesrevision ebenfalls zu berücksichtigen, bestätigt Pardini. Mit allzu vehementem Widerstand scheint er aber nicht zu rechnen. «Wochenend- und Sonntagseinsätze sind in der Gastronomie und im Clubbetrieb keine Ungewöhnlichkeit», sagt er.

Regierungsrat wäre am Zug

Auch die kantonale Exekutive hat dem Anliegen der Bar & und Club Kommission ihre verhaltene Unterstützung zugesprochen. Als Pardinis Parteikollege David Roth die Sperrstunde 2018 zum Politikum machte, beteuerte der Luzerner Regierungsrat, er werde die Abschaffung der Sperrstunde prüfen, sobald eine Revision des Gastgewerbegesetzes anstehe (zentralpus berichtete).

Zuletzt wurde dieses im Jahr 2010 angepasst. Nebst der endgültigen Abschaffung des Tanzverbots seien daher weitere Reformen fällig, sagt Pardini. So etwa bei den Bewilligungsarten für Take-aways – oder für Clubs, die heute als «Tanz- und Tanzdarbietungsbetriebe» definiert sind. «Wir würden es begrüssen, dieses Jahr einen Fahrplan für die geplante Gesetzesrevision vorgelegt zu bekommen», sagt Pardini.

Ein frommer Wunsch. Denn gegenüber zentralplus verrät Larissa Probst, Pressesprecherin des zuständigen Justizdepartements: «Eine Anpassung des Gastgewerbegesetzes ist derzeit nicht geplant.»

Verwendete Quellen
  • Telefonat mit Barbara Melzl, Pressesprecherin von Bischof Felix Gmür
  • Telefonat mit Gianluca Pardini, Geschäftsführer der Luzerner Bar & und Club Kommission
  • Schriftlicher Austausch mit Simon Märki, Programmchef des Eventlokals Karussell
  • Schriftlicher Austausch mit Flo Dalton, Programmchef des Klubs Kegelbahn
  • Schriftlicher Austausch mit Larissa Probst, Pressesprecherin des Luzerner Justizdepartements
  • Vorstoss vom 8. Mai 2018, eingereicht von David Roth im Luzerner Kantonsrat
  • Gastgewerbegesetz des Kantons Luzern
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