Kultur
Schweizer Film soll mehr Geld erhalten

«Lex Netflix»: So reagiert die Luzerner Filmbranche

Netflix und Co. sollen künftig in den Schweizer Film investieren. Das wünscht sich auch der Luzerner Schauspielstudent Denis Kläfiger. (Bild: freestocks via Unsplash / zvg)

Netflix und Co. sollen künftig in den Schweizer Film investieren. Die Abstimmung über das Filmgesetz im Mai spaltet die Gemüter. Wir haben bei Luzerner Filmemacherinnen nachgefragt, wie sie zu der Thematik stehen.

Filme schauen war noch nie so einfach wie heute. Statt den (oft teureren) Weg ins Kino oder die zahlreichen Werbeunterbrechungen des Privatfernsehens auf sich zu nehmen, greifen heute viele auf das riesige Angebot an Filmen und Serien aus aller Welt zurück, das nur einen Knopfdruck entfernt ist. Das kommt bei den Leuten an. Sei es Netflix, Disney Plus oder Amazon Prime – ausländische Streaming-Anbieter haben in der Schweiz Hochkonjunktur.

Gemäss einer Studie der IG Elektronische Medien Schweiz hat Netflix während der Pandemie die Zwei-Millionen-Abo-Grenze geknackt. 2021 verzeichnete die IG nämlich rund 2,8 Millionen Nutzer. Beim Konkurrenten Disney Plus sind es derzeit geschätzt 650'000 Zuschauerinnen. Das sind 40'000 weniger als bei Play Suisse – das Schweizer Streaming-Portal der SRG (mit 690'000 Nutzern).

Schweizer Inhalte sind Mangelware

Angeboten werden Tausende von Filmen und Serien, mehr als genug für drei Leben, selbst wenn man in der Dauerschlaufe «bingewatched». Im vielfältigen Angebot fehlt aber etwas: Schweizer Produktionen. Obwohl Netflix sporadisch lokale Produktionen wie «Der Bestatter» oder «Neumatt» im Programm hat, sind Schweizer Filme und Serien bei den amerikanischen Streaming-Anbietern Mangelware. Von Ko-Produktionen ganz zu schweigen.

Zudem ist es so, dass diese im Ausland ansässigen Streaming-Anbieter von ihren hier im Land erwirtschafteten Gewinnen gegenwärtig nichts in der Schweiz lassen. Darum setzt sich der Bund für eine Änderung des Filmgesetzes ein. Kommt die Vorlage, die umgangssprachlich auch «Lex Netflix» genannt wird, bei der Abstimmung im Mai beim Volk durch, müssten Streaming-Anbieter und Privatsender künftig vier Prozent ihres Umsatzes aus der Schweiz in die hiesige Filmlandschaft investieren.

«Wir haben hier unzählige renommierte Filmschaffende», sagt Ständerätin Andrea Gmür-Schönenberger (Bild: bic)

Das erfolgt entweder in der Form von Ko-Produktionen oder einer Abgabe, die dann der Filmförderung zukommt. Schweizer Fernsehsender liefern diese vier Prozent schon seit Jahrzehnten zugunsten der Filmförderung ab. Auch in einigen anderen Ländern Europas ist eine ähnliche Investitionspflicht bereits gesetzlich verankert. Wenn auch mit anderen Prozentsätzen. Während in Italien rund 20 Prozent reinvestiert werden, sind es in Frankreich bis zu 26 Prozent.

Der Entscheid liegt bei den Anbietern

In welche Produktionen Netflix, Disney und Co. investieren, liege ganz bei ihnen, erklärt uns die Luzerner Ständerätin Andrea Gmür-Schönenberger (Die Mitte) auf Anfrage. Sie betont: «Unser Ziel ist nicht die Abgabe, sondern die Re-Investierung.»

Würde von der «Lex Netflix» auch der Luzerner Film profitieren? Ja, klar, findet Gmür-Schönenberger, die sich im Ja-Komitee der Vorlage engagiert. «Wir haben hier unzählige renommierte Filmschaffende», sagt sie. Für die Szene sei das eine riesige Chance, um das lokale Schaffen auf einer internationalen Bühne präsentieren zu können.

Von der Vorlage würden nicht nur die Filmproduktionen profitieren, sind sich die Befürworterinnen sicher. Denn die Streaming-Anbieter würden dann gewisse Produktionen gemeinsam mit Schweizer Produktionsfirmen umsetzen. «Das gibt Jobs für Filmtechniker, Schauspieler und Zulieferer vor Ort. Profitieren könnten auch die Hotellerie, Gastronomie und alle Dienstleister, die bei einem Filmset benötigt werden», erklärt Simon Koenig vom Verein Film Zentralschweiz, der sich ebenfalls hinter die Vorlage stellt. Der Verein verbindet zahlreiche Filmemacher aus Luzern und Umgebung.

Simon Koenig ist Geschäftsführer vom Filmbüro Zentralschweiz
Simon Koenig ist Geschäftsführer vom Filmbüro Zentralschweiz (Bild: Film Zentralschweiz)

Luzerner Schauspieler im Ausland

Ein Luzerner, der in der Schauspielwelt Fuss fassen will, ist Denis Kläfiger. Der ehemalige Luzerner Politiker studiert derzeit im zweiten Jahr Schauspielerei an der «Filmacademy» in Wien (zentralplus berichtete).

Die Ausbildung in der Schweiz zu machen kam für ihn nicht infrage. Aus mehreren Gründen. So hat ihn die zweisprachige Ausbildung auf Deutsch und Englisch gereizt wie auch der Fokus auf die Filmschauspielerei. Nicht zuletzt ging er ins Ausland, weil «der Schweizer Markt sehr überschaubar ist», wie er uns am Telefon erzählt.

«Es ist doch absurd, lieber Geld ins Ausland fliessen zu lassen, als für hiesige Investitionen einzusetzen.»

Denis Kläfiger, Schauspielstudent

Trotzdem würde er künftig gerne in der Schweiz arbeiten und drehen. «Ich lebe zwar im Moment in Wien, aber ich bin immer noch ein stolzer Schweizer.» Ausserdem gebe es in der hiesigen Szene tolle Leute und Projekte. «Filme wie ‹Die Göttliche Ordnung›, ‹Beyto› oder die Serie ‹Neumatt› sind grossartig und zeigen, was das Schweizer Filmschaffen alles kann.»

Frischer Wind für die Branche

Obwohl er sich grundsätzlich aus der Politik zurückgezogen hat – Kläfiger war Präsident der Luzerner BDP – verfolgt er das Geschehen immer noch aktiv und setzt sich für ein Ja zum Filmgesetz ein. «Die Schweiz hat grosses Potenzial. Wir haben zwar talentierte Leute in allen Bereichen, was aber fehlt, ist das Budget für vielfältige Projekte.» Dieses würde mit einer Annahme der «Lex Netflix» erhöht werden. Zudem würden Ko-Produktionen mit Streaming-Anbietern für frischen Wind in der Branche sorgen.

Dass die Vorlage Gegenwind erfährt, stösst bei ihm auf Unverständnis. «Es ist doch absurd, lieber Geld ins Ausland fliessen zu lassen, als für hiesige Investitionen einzusetzen.» Zumal auch viele Filmemacher, egal ob Schauspielerinnen, Drehbuchautoren oder Effekt-Künstlerinnen, ins Ausland abwandern, weil der Schweizer Markt kaum etwas hergibt.

Die Angst vor erhöhten Abo-Preisen

Gegner der Vorlage befürchten indes vor allem, dass die ausländischen Anbieter im Falle eines Ja den Umsatzverlust einfach durch eine Erhöhung der Abo-Gebühr auf die Abonnenten abwälzen. «Dass sich die Investitionspflicht auf die Preise für das Streaming auswirken wird, ist unwahrscheinlich», schreibt hingegen der Bund. Selbst in Ländern mit sehr hohen Ansätzen, wie eben Frankreich oder Italien, könne kein Zusammenhang zwischen Regulierung und Preisen festgestellt werden, heisst es auf der Website des Bundesamtes für Kultur.

Fakt ist: Netflix braucht keine Änderung im Schweizer Filmgesetz, um die Preise zu erhöhen. Denn das hat der Streaming-Gigant in der Vergangenheit bereits ohnehin mehrfach getan – zuletzt im Januar dieses Jahres. Seit Einführung in der Schweiz 2014 wurden die Preise für das Premiumabo beispielsweise von 17.90 Franken auf aktuell 24.90 Franken pro Monat erhöht – und bietet aus Lizenzgründen in unseren Gefilden trotzdem ein abgespeckteres Angebot als in der USA.

Die 30-Prozent-Quote bei «Lex Netflix» polarisiert

Ein weiterer Knackpunkt in der Diskussion ist die Auflage, dass bei einer Annahme des Gesetzes Streaming-Anbieter und Privatsender 30 Prozent der Inhalte aus dem europäischen Raum beziehen müssen. «Das neue Filmgesetz bevorteilt einzig europäische Produktionen», schreibt etwa das Nein-Komitee, das aus Vertretern der Jungen Freisinnigen und der Jungen SVP besteht.

Filme und Serien aus anderen Ländern, beispielsweise dem asiatischen Raum, würden dabei benachteiligt. Das schade der Vielfalt, sind sich die Gegner der Vorlage sicher. Ausserdem sei es «ein Schlag ins Gesicht von uns Konsumierenden, die freiwillig für Dienste bezahlen, in der Erwartung, das zu sehen, was uns gefällt.» Sie gehen davon aus, dass ausländische Filme und Serien «einer sinnlosen Quote zum Opfer» fallen.

«Ich möchte, dass unser Kulturgut exportiert wird, unsere Eigenheiten festgehalten werden. Mit allen Licht- und Schattenseiten.»

Andrea Gmür-Schönenberger, Ständerätin (Die Mitte)

«Bereits jetzt sind ja viele beliebte europäische Produktionen auf den Plattformen zu sehen. Und die würden bereits zu diesen 30 Prozent zählen», sagt Denis Kläfiger. Daran, dass andere Filme und Serien zugunsten dieser Quote wegfallen, glaubt er nicht. Zeigen wird es letztlich so oder so die Zukunft.

Für die Pro-Sprecher ist die Quote hingegen ein Signal für den Schweizer Film. «Es geht auch um Authentizität, um unsere eigene Kultur und Identität», sagt Ständerätin Andrea Gmür-Schönenberger. «Ich möchte mehr Filme aus der Schweiz und über die Schweiz sehen.» Gerade Produktionen wie «Die Göttliche Ordnung» über die Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz oder der Film «Gotthard», der den Bau des Gotthardtunnels zeige, seien Werke, die nur hier entstehen könnten. «Ich möchte, dass unser Kulturgut exportiert wird, unsere Eigenheiten festgehalten werden. Mit allen Licht- und Schattenseiten.»

«Lex Netflix» bewegt die Jungen

Dass die Thematik rund um «Lex Netflix» auch bei den Jungen kontrovers diskutiert wird, zeigt unser umfassendes Streitgespräch mit den beiden Zuger Jungpolitikerinnen Julia Küng (Junge Grüne) und Jill Nussbaumer (Jungfreisinnige).

Verwendete Quellen
  • Monitoring IG Elektronische Medien Schweiz von 2021
  • Schriftlicher Austausch mit Simon Koenig, Geschäftsführer, Filmbüro Zentralschweiz
  • Website des Bundesamtes für Kultur
  • Telefonat mit Denis Kläfiger, Schauspielstudent
  • Website «Nein zur Filmsteuer»
  • Telefonat mit Andrea Gmür-Schönenberger, Ständerätin Die Mitte
  • Website «Ja zum Filmgesetz»
  • Zahlen der Schweizer Filmförderung vom Bundesamt für Kultur
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