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Derbe Karikatur der Tourismusstadt Luzern
Kleintheater nimmt Guido Graf und Yvette Estermann auf die Schippe

  • Lesezeit: 4 min
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Die Tourismusexpertin, Guido Graf, die asylsuchende Afrikanerin und ein einfacher Bürger. (Bild: Marlis Huber)

Das Luzerner Kleintheater schenkt sich zum 50-jährigen Jubiläum eine Satire auf die Luzerner Touristenstadt. «Visit Pyöngyang» ist eine rohe Komödie, in der sich die Luzerner Politprominenz mit der Weltpolitik herumzuschlagen hat und sogar Yvette Estermann im Casting für «Die Schweiz sucht den Superintegrierten» durchfällt. 

Kaum hat Regierungsrat Guido Graf (Patric Gehrig) in langatmigen Floskeln die Besucher begrüsst, tritt auch schon die schnittige Fernsehjournalistin Sophie-Marie (Julia Schmidt) für die Sendung «Hallo Deutschland» auf den Plan. Ebenso wird der einfache Bürger (Marco Sieber) mit seinen kernigen Büezersprüchen sowie Cristov Rolla am Klavier zu der nun folgenden Burleske beitragen.

Die pfiffige Tourismusexpertin Anna-Lena (Martina Binz) soll nämlich im Rahmen eines  «Gästivals» ein gewinnträchtiges Programm auf die Beine stellen. Wenn es zu Zeiten von Max Frisch noch die Arbeitskräfte waren, die in die Schweiz gerufen wurden, hiess es nun am Freitag im Kleintheater ganz auf die hiesigen Verhältnisse angepasst: «Man rief Touristen, es kamen Menschen.»

Eine rotzige, politisch inkorrekte und unperfekte Komödie 

Zum 50-jährigen Jubiläum hat sich das Luzerner Kleintheater die schrill-schräge Komödie «Visit Pyöngyang» geschenkt. Eine mehrteilige Soap über Luzern sollte es werden, gespielt von Luzerner Schauspielerinnen und Schauspielern und mit jeweils einem Special Guest pro Episode; so lautete der Auftrag des Hauses an den Autor Christoph Fellmann.

In Zusammenarbeit mit dem Regisseur Reto Ambauen ist ein schnelles, rotziges, politisch inkorrektes und bewusst unperfektes Stück entstanden, welches die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Realitäten zu einer rohen Burleske verarbeitet. Die vier Episoden, jede in jeweils nur einer Woche produziert und im April und Mai exklusiv nur einmal aufgeführt, wurden zum krönenden Jubiläumsabschluss am Freitag in einer langen Nacht als Ganzes gezeigt.

Neben den fixen Rollen, allesamt besetzt mit Leuten aus der Luzerner freien Theaterszene, wurden die vorangehenden Gaststars (Matto Kämpf, Fröilein Da Capo, Johnny Burn und Beat Schlatter) in der Zusammenfassung von Matthias Ott in Personalunion gespielt.

Rakete zwischen den Beinen

Nun, wie angekündigt, kommen zum Verdruss der Luzerner Regierung auch Ungebetene in die Leuchtenstadt, wie die Afrikanerin mit der goldenen Aludecke über ihren Schultern. Während die erste Episode noch etwas vage und gekünstelt wirkte, kommt das Ensemble in der zweiten aber richtig in Fahrt.

Die fünf Regierungräte.

Die fünf Regierungräte.

(Bild: Marlis Huber)

Wie es sich für eine rauhe Komödie gehört, verdreschen sich da die fünf Regierungsräte ab und zu mit (aufgeblasenen) Keulen. Doch eine Ankündigung bringt die fünf Getriebenen noch mächtiger ins Schwitzen, denn aus Nordkorea meldet sich ein anderer, schwieriger Gast an: Kim Yong-un. Wie dem Diktator einen geeigneten Empfang bereiten? Klar doch, mit einer durchgeknallten Meisterfeier für den FCL, ist doch ein Spieler aus Nordkorea mit dabei.

Garant dafür, dass das Publikum nun den derben Auftritt des Diktators vor dem Hintergrund des realpolitischen Ernstes nicht als anstössige Geschmacklosigkeit aufnimmt, ist genau diese anhaltende Verrücktheit auf der Bühne. Denn mit Hohn und Spott wird nicht zurückgehalten. So etwa baumelt zwischen den Beinen beim Auftritt des «kleinen Raketenmanns» (von Matthias Ott exzellent gespielt) eine orangene Apollo Glace. 

Intergrationsdörfli auf dem Europaplatz

Die Touristikerin heckt die Idee aus, dass die Regierungsräte dem Diktator ein Theäterli vorspielen sollen. Die Wahl fällt auf die Ringparabel aus Gotthold Ephraim Lessings «Nathan der Weise». Derweil wird irgendwann vermeldet, dass auf der schwimmenden Plattform «Seerose» weitere Flüchtlinge angekommen sind und auf dem Europaplatz bereits ein Flüchtlingscamp existiert.

Da der Zuwachs der Asylsuchenden nicht zu stoppen ist, wird das Flüchlingscamp kurzerhand in das vermarktbare «Integrationsdörfli» umbenannt und unter Beizug eines holländischen Integrationsexperten sucht die Schweiz sogar den Superintegrierten.

Einer der mehreren künstlerischen Höhepunkte war das zugehörige Casting, für das Martina Binz blitzschnell in die verschiedenen Kandidatenrollen schlüpfte und mit ihrem sprachlichen Talent sowie der differenzierten Körpersprache eine Glanzleistung vollbrachte.

Echt komisch

Wie der Kosovo-Albaner Amir fällt da bedauernswerterweise auch Yvette Estermann, die sich für eine ausländerfeindliche Partei engagiere, wie sie sagt, durch. Das Rennen macht: der einfache Bürger, der sich im Integrationsdörfli mit einem Magenbrotstand längst pudelwohl fühlt.

Mit «Visit Pyöngyang» hat das Ensemble eine Höchstleistung vollbracht. Es ist eine Komödie gelungen, die aktuelle Brennpunkte des Weltgeschehens zum Thema macht und trotzdem zum Lachen ist. Echt.

Das ganze Produktionsteam.

Das ganze Produktionsteam.

(Bild: Marlis Huber)

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