Freche Fragen an … Luzerner Jugendkulturhaus

Treibhaus teilt aus – auch gegen zentralplus

Gjina Tanushaj (links) und Pascal Segmüller haben sich den frechen Fragen von zentralplus gestellt – und dabei kein Blatt vor den Mund genommen. (Bild: Noëlle Guidon)

Das Treibhaus wird bald 20 Jahre alt. Im Interview mit zwei Mitarbeiterinnen des Luzerner Jugendkulturhauses fliegen die Fetzen. Auch zentralplus und der Autor des Artikels kommen unter die Räder.

Eigentlich sollte das Treibhaus seine pubertäre Phase langsam überwinden. Denn dieser Tage wird das Jugendkulturhaus im Tribschen 20 Jahre alt und lässt die Teenagerjahre hinter sich. Doch die zwei interviewten Mitarbeiter geben sich mindestens so frech wie der Geschäftsleiter des «3Fach» zum Jubiläum des Luzerner Jugendradios im vergangenen Herbst (zentralplus berichtete).

Im Treibhaus regiert inzwischen die «Gen Z» – also die Generation, die rund um die Entstehungszeit des Treibhauses geboren wurde. Gjina Tanushaj, Praktikantin Social Media und Kommunikation, ist 20, Pascal Segmüller, Praktikant Soziokultur, 28 Jahre alt. Sie beide stellen sich den frechen Fragen und Thesen von zentralplus.

zentralplus: Das Treibhaus soll ein Ort für alle Jugendlichen sein. Doch wer sich politisch eher rechts verortet, fühlt sich im Treibhaus fremd.

Gjina Tanushaj: Wir sind offen für alle. Dass dies nicht allen politischen Richtungen entspricht, ist uns ziemlich «wurscht».

«Ich bezweifle, dass die Qualität mit einem erfahrenen Rentner morgens um drei am Mischpult besser wäre.»

Gjina Tanushaj, Treibhaus Luzern

zentralplus: Die einzigen Bauern, die ins Treibhaus kommen, sind Hippies, die mit Permafrost experimentieren.

Gjina Tanushaj: Eigentlich schade. Ich denke, es liegt daran, dass es in unmittelbarer Nähe des Treibhauses nur begrenzt Landwirtschaftszonen hat. Wäre schon schön, wenn auf dem Rasen des FC Kickers Kühe grasen würden. Wir sind wohl für Urban Farmers nahe liegender als für die Milchbäuerin aus Schongau.

Pascal Segmüller: Auch sind unsere Traktorenparkplätze leider begrenzt.

Hippiebusse und Velos parkieren öfter vor dem Treibhaus. Traktoren und Mähdrescher hingegen so gut wie nie. (Bild: bic)

zentralplus: Vor zehn Jahren kam das Treibhaus bei der Jugend gefühlt gar nicht an. Heute sind die Gäste gewisser Partys kaum 16. Das Treibhaus hat sich vom Kulturlokal zum Kindergarten entwickelt.

Segmüller: Das mag für dich so scheinen, weil du mittlerweile auch schon zehn Jahre älter geworden bist. Im Gegensatz zu dir* sind und bleiben wir jung.

Tanushaj: Wir sehen uns als Nachwuchsförderung, was schlussendlich auch unser Auftrag ist. Wenn uns die Schülerinnen von nebenan schon vor ihrem 16. Altersjahr besuchen, freut uns das natürlich. Lieber junge Gäste als gar keine.

«Was früher provokativ war, ist heute auch nicht mehr dasselbe.»

Pascal Segmüller, Treibhaus Luzern

zentralplus: Im Treibhaus übernehmen Jugendliche und junge Erwachsene an der Bar, am Mischpult, bei der Eventkonzeption und vielem mehr Verantwortung. Das schlägt sich naturgemäss negativ auf die Qualität nieder.

Tanushaj: Naturgemäss finden wir das nicht. Die «Gen Z» bringt eher naturgemäss eine technische und digitale Affinität mit, was dem Treibhaus in die Hände spielt. Ich bezweifle, dass die Qualität mit einem erfahrenen Rentner morgens um drei am Mischpult besser wäre.

Segmüller: Die jungen Erwachsenen werden bei uns von einem professionellen Team begleitet und ausgebildet. Durch das, dass bei uns Fehler passieren dürfen, ist die Lernkurve umso steiler. Die Qualität leidet nicht darunter. Nicht überall ist Alter gleich Qualität.

«Unsere Discokugel ist kaputt, können wir morgen eine neue kaufen? Wie ging das mit dem Steuerüberschuss?»

Gjina Tanushaj, Treibhaus Luzern

zentralplus: Der Unterschied zwischen dem Radio 3Fach und dem Treibhaus: Das Jugendradio provoziert und polarisiert, das Treibhaus ist brav und bieder.

Tanushaj: Unser primäres Ziel ist es, unsere Zielgruppe zu erreichen. Wenn wir das mit bieder und brav schaffen, sind wir das halt.

Segmüller: Das hat sich in den vergangenen Jahren auch verändert. Was früher provokativ war, ist heute auch nicht mehr dasselbe. Mittlerweile arbeiten viele aktive Menschen vom Treibhaus auch beim Radio 3Fach und umgekehrt.

Club, Bar, Garten – die Infrastruktur im Treibhaus ist alles andere als «goofy» (amtierendes Jugendwort des Jahres, bedeutet so viel wie albern). (Bild: Florian Zellweger)

zentralplus: Das Treibhaus schiebt eine ruhige Kugel. Nur nicht negativ auffallen, sonst gehen die Gelder der Stadt Luzern flöten.

Segmüller: 328 Veranstaltungen im Jahr, davon 206 öffentlich, knapp 20’000 Besuchende und über 100 aktive Menschen, welche sich regelmässig im Haus engagieren, nenn ich die weniger ruhige Kugel schieben als Gipfeli testen (zentralplus berichtete) oder nach Sponsoring schreien (zentralplus berichtete). Oder was macht ihr schon wieder?

Tanushaj: Apropos Kugel – unsere Discokugel ist kaputt, können wir morgen eine neue kaufen? Wie ging das mit dem Steuerüberschuss?

zentralplus: Jugendliche dürfen sich im Treibhaus in einem Setting austoben, das es in der «echten Welt» so nicht gibt. Veranstalten ohne finanzielles Risiko – das ist wie Skispringen ohne Schanze.

Tanushaj: Du meinst wohl, wir ermöglichen Skispringen mit Training und Trainern.

Segmüller: Du lernst auch zuerst Skifahren, bevor du aufs Skispringen fokussierst.

«Wir bieten hier Entlastungspotenzial für das ganze Tribschenquartier.»

Pascal Segmüller, Treibhaus Luzern

zentralplus: Junge gehen nicht mehr gleich feiern wie vor der Coronapandemie (zentralplus berichtete). Brauchts das Treibhaus überhaupt noch?

Tanushaj: Gerade in einer Zeit, in der immer mehr digital stattfindet, ist es umso wichtiger, Treffpunkte zu haben, wo man sich auch im «Real Life» sieht und einen direkten sozialen Austausch hat.

Segmüller: Im Treibhaus können nebst Party und Konzerte auch andere Veranstaltungen organisiert werden. Nur weil unsere Generation nicht dreimal pro Woche einen Kater haben möchte, heisst das nicht, dass wir asozialer sind.

zentralplus: Man munkelt, das Treibhaus störe die Nachbarschaft.

Tanushaj: Wir sind ja so brav und bieder, dass wir auch nicht bei der Nachbarschaft anecken.

Segmüller: Als direkter Nachbar begrüsse ich es, dass sich die jungen Menschen nachts in einem geschützten und begleiteten Rahmen im Treibhaus austoben statt vor der Kanti oder in der «Schötti». Wir bieten hier Entlastungspotenzial für das ganze Tribschenquartier.

zentralplus: Anders als bei anderen Kulturhäusern fehlt es dem Treibhaus an finanziellem Leidensdruck. Ihr könnt es gemütlich nehmen. Typisch Staatsbetrieb halt.

Tanushaj: Wir sind uns bewusst, dass wir nicht den gleichen finanziellen Druck verspüren wie andere Kulturhäuser. Wir wissen unser Privileg zu schätzen. Andererseits wäre ohne diese finanzielle Unterstützung so ein nicht kommerzielles Angebot gar nicht möglich. Es erlaubt uns, den Fokus auf eine nachhaltige, professionelle Aus- und Weiterbildung zu setzen.

Segmüller: Sorry, es ist 17 Uhr – ich muss jetzt ausstempeln. Ich habe keine Zeit mehr, diese Frage zu beantworten.

*Der Autor dieses Artikels war bei Redaktionsschluss 31 Jahre alt. Er besucht das Treibhaus zwar relativ regelmässig, getraut sich aber nicht an die berühmten, vor allem aber berüchtigten Ü16-Partys.

Verwendete Quellen
  • Schriftlicher Austausch mit Gjina Tanushaj und Pascal Segmüller vom Jugendkulturhaus Treibhaus
0 Kommentare
Apple Store IconGoogle Play Store Icon