Wagenbaugruppe Conversio

Ihre Bastelwut hält die Luzerner Fasnacht am Leben

2020 zeigte sich die Wagenbaugruppe von der realistischeren Seite: Määs 1964 lautete ihr Motto. (Bild: zvg)

Unzählige Stunden und Tausende Franken investieren sie in Basteleien, die nach kürzester Zeit wieder zerstört werden. Wer macht das – und warum? Eine Suche nach Antworten bei der Luzerner Wagenbaugruppe Conversio.

Kinderaugen, so gross wie Fünfliiber starren dich an, voller Bewunderung und Ehrfurcht. Allenthalben werden Smartphones gezückt und auf dich gerichtet. Von oben regnet es Konfetti, im Rücken rollt der selbstgebastelte Wagen – und rundherum trommelt und schränzt es. Bald ist wieder Luzerner Fasnacht – und du bist mittendrin. Nicht bloss als Zuschauer, der sich in letzter Minute eilig eine Plastikclownnase umgebunden hat. Du gehörst zum Rückgrat dieser Tradition, hältst den Brauch am Leben.

Wer möchte in dieser Situation nicht mit dir tauschen? In Tat und Wahrheit kaum jemand. Das weiss Jan Widmer (32) aus Ebikon, Gründungsmitglieder der Luzerner Wagenbaugruppe Conversio. Zum bereits 17. Mal wird er an der diesjährigen Fasnacht mit einem eigenen Wagen auffahren – sein Wort hat in dieser Angelegenheit also viel Gewicht. Dutzende würden sich zwar jede Fasnacht für das Handwerk des Wagenbauers interessieren. «Wenn ihnen aber klar wird, mit welchem Aufwand das ganze verbunden ist, winken die meisten dankend ab.»

Hier türmen sich die Grende bis unters Scheunendach

Zusammen mit seiner Frau Michèle (32) führt er zentralplus an einem bitterkalten Freitagnachmittag im Januar durch eine ausladende Scheune am Rande des Rontals. Dort hat sich Conversio eingemietet, genau wie auch zwei weitere etablierte Luzerner Wagenbauer. Auf dem Heustock werden die Wagen zusammengezimmert – unter ständiger Beobachtung zahlreicher Grende, die sich bis unter das Scheunendach türmen. Relikte vergangener Fasnächte. Im beheizten unteren Stock rattern die Nähmaschinen für die Kostüme.  

Basteln unter ständiger Beobachtung: «Grende», die sich bis unters Scheunendach türmen. (Bild: zar)

Zwar nicht nonstop, aber doch schon einige Monate vor dem Urknall. Denn für eingefleischte Fasnächtler und Wagenbastler wie Widmer gilt: Nach der Fasnacht ist bereits wieder vor der Fasnacht. Kaum sind die letzten Konfettis von der Strasse gefegt, beginnt die Suche nach dem neuen Sujet, werden Sitzungen anberaumt und Brainstroming-Weekends abgehalten, sodass bereits Ende Sommer das grosse Basteln beginnen kann.  

Von der Fasnacht in Luzern bis an die Fantasy Basel

Wie viele Stunden Arbeit gesamthaft in den einzelnen Wagen stecken? Widmer wagt es nicht, eine genaue Zahl zu nennen, sagt lediglich: «Es ist ein sehr zeitintensives Hobby.» Was er aber mit Sicherheit sagen kann: Das letztjährige Projekt stellte alles bis dahin Erlebte in den Schatten. Zusammen mit den befreundeten Wagenbauern von Peramicus stampften sie einen Nachbau von Harry Potters Winkelgasse aus dem Boden. Eine Büez, die sich über drei Jahre hinzog – Corona sei Dank. Und die auf so grossen Anklang stiess, dass sie nach der Fasnacht auch an der Fantasy Basel ausgestellt wurde.

Harry-Potter-Truppe zu Besuch an der Fasnacht Luzern – inklusive Nachbau der Winkelgasse. Eine Coproduktion von Conversio und Peramicus an der letztjährigen Luzerner Fasnacht. (Bild: zvg)

Die Leidenschaft für die Fasnacht vereint alle

Unzählige Abende unter der Woche sowie Sonntage verbrachten Widmer und seine Mitstreiter so hämmernd, malend, schleifend und nähend. Drehten über 5000 Schrauben in die Konstruktion, verbauten und verbastelten Material im Wert eines neuen Kleinwagens. Zum Glück weiss Conversio eine grosse Gönnerschaft im Rücken. Zusammen mit den Mitgliederbeiträgen schaut so Ende einer jeder Fasnacht inzwischen eine schwarze Null heraus.

«Das war anfänglich nicht immer so», meint Widmer und lacht – aber wie überall lerne man auch beim Wagenbauen vor allem aus Fehlern und Pannen. Und davon gab es wahrlich einige: zersprungene Felgen, gebrochene Achsen, ja ganze Wagen, die noch nach dem Urknall unter Hochdruck fertig gebastelt werden mussten.

Wer tut sich alle diese Fronarbeit an? Beruflich lässt sich die Gruppe um Conversio auf jeden Fall nicht eingrenzen: Von der Kleinkindererzieherin über Landschaftsgärtner und Grafiker bis hin zum hauptberuflichen Fasnachtsmaskenbauer Widmer ist alles vertreten. Was alle aber eint, ist die grosse Leidenschaft für die Fasnacht, die oft schon mit der Muttermilch aufgesogen wurde. Und natürlich die grosse Freude am Anpacken, am kreativen Gestalten. Bildschirm und Maus eintauschen gegen Schleifgerät und Bohrmaschine, das sei für viele Vereinsmitglieder eine willkommene Abwechslung, meint Michèle Widmer.

Der grausame Lauf der Natur – äh, Fasnacht: auf Zerstörung folgt Vorfreude

Abwechslung ist auch beim Sujet Trumpf – immerhin bedeutet Conversio zu Deutsch Veränderung. Auf Düsteres folgt Verspieltes, Realistisches wechselt sich mit Fantastischem ab. Aktuell steht mit «We like to move it» etwas Spassiges und Lockeres an – was sich auch aufs Basteln ausgewirkt hat. In nur gerade neun Basteltagen haben Wagen, Kleider und Masken heuer Form angenommen. Einerseits, weil die Truppe um zwei Mitglieder auf aktuell acht angewachsen ist. Andererseits, weil Widmer für die Masken zum ersten Mal den 3D-Drucker eingesetzt hat. Vor allem aber, weil sich Conversio nach dem letztjährigen Husarenstück diese Obergrenze verbindlich gesetzt hat.

Umso verständlicher, als auch dieser Wagen wieder zurückgebaut wird. Was in grösster Sorgfalt über Monate zusammengebastelt wurde, wird kurz nach dem Aschermittwoch wieder in seine Einzelteile zerlegt. Übrig bleiben einzelne Erinnerungsstücke, in Ausnahmefällen finden einzelne Elemente einen Käufer. So ist etwa die Winkelgasse zu einem grossen Teil in einem Escape Room gelandet. Widmer macht keinen Hehl daraus: Zu zerstören, was man eigenhändig erschaffen hat, ist ziemlich schwierig zu verdauen. «Letztlich gehört es einfach dazu», sagt Widmer und zückt mit den Schultern. «Genauso wie die Vorfreude auf die bereits nächste Fasnacht!»

Verwendete Quellen
  • Persönliches Gespräch mit Jan und Michèle Widmer
  • Website der Wagenbaugruppe Conversio
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