Kultur
Sebastian Nitsch im Luzerner Kleintheater

«Ich rieche, also bin ich»

Der Berliner Sebastian Nitsch hüpfte am Donnerstagabend im Kleintheater durch sein «Wohlfühlkabarett». Dabei sprang er von einer alltäglichen Absurdität der Konsumgesellschaft zur nächsten. Die Ausflüge in den intelligenten Blödsinn kamen beim Publikum durchaus an, wenn man sich auch etwas mehr Schwung gewünscht hätte. 

Bekennen Sie sich doch zu Ihren «Knoblauchseufzern» und «Kaffeelachern», lautet die Botschaft des Comedians an das Publikum. Im Programm «Hellwachträumer» spürt Sebastian Nitsch die ganz normalen Seltsamkeiten des täglichen Lebens auf, sucht nach den (Ab-)Gründen derer Entstehung und ruft dazu auf, ihnen das eigene, innere Genie entgegenzuhalten.

Raumdüfte, Milchtüten und Shampoowerbung

Als Widerstand gegen die Duftindustrie, die den Konsumenten den persönlichen Körpergeruch ausreden wolle, animiert er die Anwesenden zum gemeinsamen Händehochhalten und Ausrufen: «Ich rieche, also bin ich!» Bekämpft werden soll damit die «Verarsche», wie er es nennt, die als in Zellophan verpackte Werbezeitung ins Haus flattert oder als beleidigende Shampooflasche im Supermarkt erstanden wird. So müssten sich die Frauen bei der Wahl ihres Pflegeproduktes, das gegen «brüchiges, strohiges Haar» oder gegen «rasch nachfettendes Haar» hilft, für jene Beleidigung entscheiden, die am besten zu Ihnen passt.

So sektenhaft, wie dies klingt, gestaltet Nitsch zwischendurch auch seinen Auftritt.

In Sprechreigen, auf dem Minikeyboard oder am Klavier animierte der Künstler dazu, wieder einmal in sich hineinzuhorchen. Existenzielle Überlegungen werden dabei angestellt. Eine kindliche Unmittelbarkeit soll wieder gefunden werden. So sektenhaft, wie dies klingt, gestaltet Nitsch zwischendurch auch seinen Auftritt. Mit sanftester Stimme spricht er vor, nennt das Publikum Familie. Urplötzlich können die gesalbten Worte aber kippen in beinahe Kafkaeskes. Das beschwörte «kleine Glück» wird dann auf einmal zu einem auf dem Flügel sitzenden unsichtbaren Ding, das mit gequetschten Lauten seine unverständliche Zerknirschung in den Saal hinausposaunt.

Hellwach und ermattend zugleich

Die grosse Bandbreite an cleveren und pointiert vorgetragenen Beobachtungen kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es an diesem Abend auch Längen gibt. «Die Welt geht den Bach runter, aber wo kommt der Bach her?», heisst es im Pressetext des Berliners. Manchmal entsteht der Eindruck, dass der rote Faden auf diesem Weg verloren geht. Zwischendurch scheint sich der Unterhalter zu verquasseln und selbst nicht mehr ganz genau zu wissen, wohin die Reise eigentlich geht.

Zwischendurch scheint sich der Unterhalter zu verquasseln und selbst nicht mehr ganz genau zu wissen, wohin die Reise eigentlich geht.

Ein bisschen mehr Schwung und etwas weniger Verzettelung beim thematischen Umherspringen täten dem Programm sicher gut. Auch ein paar sich wiederholende Gags ohne Running-Gag-Faktor verleihen keinen Extraglanz. Eine halbe Stunde nach der Kritik an den diffamierenden Shampooaufschriften wirkt die Frage, ob unsere Haut denn schnarche, wenn sie schläft – diesmal ausgehend von den Crèmes gegen sogenannt müde Haut –, eben auch nicht mehr ganz so frisch.

Nichtsdestotrotz findet sich das kleine Glück an diesem Abend tatsächlich. Es liegt in Audio-Einspielungen, worin Sebastian Nitsch in der Funktion des Regisseurs mit einer Sprecherin übt, die richtige Dynamik in die Haltestellenansagen der Berliner U-Bahn hineinzubekommen. Es ist höchst amüsant mit anzuhören, welche dramaturgischen Reflexionen etwa hinter der Automatikansage «Nächster Halt: Hallesches Tor» stecken könnten.

«Einsteigen bitte, zurückbleiben bitte»

Um möglichst alle potenziellen Fahrgäste mit dem Klang eines «Einsteigen bitte, zurückbleiben bitte» erreichen zu können, arbeitet der Regisseur am Einfühlungsvermögen der Ansagerin für Reisende. Schliesslich wollen sich die grösseren sowie kleineren Gesässe von sozial besser und schlechter gestellten Jugendlichen, Kindern und Alten auf die U-Bahn-Sitze begeben. Solch komische Ausflüge in den intelligenten Blödsinn verdankt das Kleintheater-Publikum dem Kabarettisten mit lauten Lachern. Auch wenn es sich bei den Tonbandausschnitten um technische Reproduktionen handelt und Nitsch doch zu Beginn so für die Qualität des Live-Auftrittes geworben hat.

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