Kultur

Tanzfaktor im Südpol
Halbnacktes Finale sprengt enges Korsett

  • Lesezeit: 3 min
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Nils Amadeus Lange und Teresa Vittucci sorgten mit ihrer Tanzdarbietung für Clubatmosphäre im Südpol. (Bild: zvg)

Da wackeln Brüste und Cellulite, als Tanzpartner muss eine Kartonschachtel oder eine E-Gitarre herhalten. Wer Spitzentanz erwartet, ist hier fehl am Platz. Vielmehr versuchen die Positionen das strenge Korsett der Tanzetiquette aufzubrechen. Das gelingt jedoch nicht immer.

So unterschiedlich die fünf Kurzstücke sind, so ähnlich sind sie in ihrer Anlage. Ausser dem Stück club von Nils Amadeus Lange und Teresa Vittucci, waren alles Soli von Tänzerinnen, in einem leeren Bühnenraum mit wenig Requisiten. Umso erstaunlicher, wie mit ein wenig Musik, Licht und Gegenständen und einem tanzenden Körper jeweils eine ganz eigene Geschichte erzählt wird.

Getanzte Clubatmosphäre

Als üppiger Auftakt verwandeln Nils Amadeus Lange und Teresa Vittucci den Raum in einen Club. Selfies werden geschossen, Alkohol wird herumgereicht – irgendwann hält man eine mit dem lasziven Nils Amadeus Lange dekorierte Vodka-Flasche in der Hand. Die Begrüssung, welche Lange auf seinen Plateau-Schuhen mit schwarz geschminkten Lippen ins Mikrophon ruft – «Ladies and gentlemen and persons in between…» – kündigt bereits die Verwischung von Grenzen an, die in dem Stück angelegt sind.

Eine dekorierte Vodka-Flasche macht während der Aufführung die Runde.

Eine dekorierte Vodka-Flasche macht während der Aufführung die Runde.

Während die kräftig gebaute Teresa Vittucci auf ihrem Laptop noch Vorbilder wie Buster Keaton und Mary Wigman googelt, versucht Lange mit Buffalo-Plateau-Schuhen einige Ballett-Schritte. Dann streift Teresa Vittucci ihr Amerika-Flaggen-Blouson ab und übt in einem trägerlosen Tricot eine Tanzsequenz, doch sobald sie sich streckt, hüpfen ihre schweren Brüste aus dem Tricot. Gehüllt in den obligaten Disconebel, beginnen die beiden halbnackt das Finale in einem wilden Tanz.

Das eingeübte Scheitern, das Groteske und Hilflose bei gleichzeitiger selbstbewusster Zurschaustellung der unklassischen Körper- und Rollenverteilung macht die Stärke des Stücks aus.

Luft nach oben

Kontrastreicher könnte der Übergang kaum sein: Lucie Tuma misst in ihrem Stück Volkskörper #1 mit minimalen Bewegungen den Bühnenraum ab. Als Intro hebt sie den ausgelegten Blachenboden und schlüpft darunter. Der Boden wird zu einer Landschaft verworfen, Täler und Faltungen, Bergspitzen entstehen, vielleicht der Piz Tuma, Lucie Tumas Namensvetter, der sie zum Stück inspirierte. Man fragt sich, wie sie das Gewicht der Blache hält und ist gespannt auf das kommende Erdbeben. Schade, dass sie bald wieder hervorkommt und den Technikern die Anweisung gibt, den Boden glatt zu streichen. Schade auch ihre inhaltliche Aufklärung mit projizierten Fotos und die etwas ungelenke Rede über die Bildung der Alpen durch die Bewegung der tektonischen Platten. Man hätte sich gewünscht, dass ihre abgebremsten Schritte, mit denen sie sich zu rhythmischen Schlägen über die Bühnenfläche schiebt, ihr verträumt volkstümliches Kostüm und das kurze Aufblitzen eines Volkstanzes am Ende nahtlos an die Blachenperformance anfügten. 

Die Problematik zwischen sprechen durch tanzen treibt Cosima Grand in CTRL-V (EP) hingegen auf die Spitze. wie auch der Titel ihres Stücks andeutet. Bei Rappern leite die tänzerische Bewegung zur sprachlichen Improvisation über, zitiert die Tänzerin eine linguistische Theorie. Cosima Grand rezitiert darauf ein Gedicht Dancing is Talking, Talking is Dancing (1975) von Douglas Dunn, das lediglich aus einer Permutation der Worte tanzen und sprechen besteht, und das sich von ihrem Mund plötzlich wieder langsam über ihren ganzen Körper ausbreitet. Sie zuckt und stottert bis ihr Körper wieder in eine intensive Kombination von Lautgedicht und Hip-Hop ausbricht.

Irina Lorez bleibt klassisch

Etwas klassischer wirkt dagegen die Performances von Irina Lorez, I-Guitar Berlin die statt mit Händen mit ihrem ganzen Körper eine E-Guitarre zum Klingen bringt oder das Stück My Box von Unplush, in dem eine Tänzerin virtuos eine Kartonschachtel zum Tanzpartner erklärt.

Irina Lorez mimt in «I-Guitar» die Rockbraut, in dem sie – inspiriert von der Luftgitarrentechnik – ein Solo hinlegt. (I-Guitar Berlin)

Irina Lorez mimt in «I-Guitar» die Rockbraut, in dem sie – inspiriert von der Luftgitarrentechnik – ein Solo hinlegt. (I-Guitar Berlin)

Wenngleich bei einigen Stücken die Dramaturgie sowie die Verwendung von Sprache geschliffen werden könnten und die Interpretationen offener gelassen werden könnten, bietet dieses sorgfältig zusammengestellte Programm einen kontrastreichen Einblick in die Themen und Fragestellungen des zeitgenössischen Tanzes.

Im ausführlichen Event-Kalender von zentralplus finden Sie alle Daten zu diesem und allen weiteren Veranstaltungen in der Zentralschweiz.

Lesen Sie hier unser Portrait über Irina Lorez.

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