Kultur
Spaziergang mit Turmwart Wädi

Er sagt den Geistern der Museggmauer gute Nacht

Seit 22 Jahren schaut Turmwart Walter Fassbind auf der Museggmauer nach dem Rechten. (Bild: mik)

Walter «Wädi» Fassbind schaut als Turmwart auf der Museggmauer seit rund 22 Jahren nach dem Rechten. Im Vorfeld des Tags der offenen Museggtürme hat er uns in seinem Reich herumgeführt.

«Nölli, Männli lueg is Land, bewach mer d’Zyt, bescherm mer’s Polver ond em Allewende s Dächli». Ein Sprüchli, das jedes Luzerner Kind mindestens einmal gehört hat. Walter «Wädi» Fassbind dürfte diesen Spruch mittlerweile im Schlaf kennen. Denn mit Übernahme des Kulturhofs Hinter Musegg im Jahr 2000 hat er gleichzeitig auch die Schlüssel für die Museggmauer übernommen (zentralplus berichtete). Seither ist er täglich der Erste, der die Mauer betritt und der Letzte, der sie verlässt.

zentralplus trifft Turmwart Walter Fassbind – wie könnte es anders sein – bei der Museggmauer, unter dem Schirmenturm. Beim Begriff «Turmwart» denkt man an mittelalterliche Kleidung, einen klobigen, eisernen Schlüsselbund und eine Laterne in der Hand. Unser Gegenüber reisst uns jedoch schnell ins 21. Jahrhundert zurück und trägt Hemd und Jeanshose.

Sein Ämtli, wie er es nennt, sieht man ihm an kleinen Dingen an. Beispielsweise wie er die steilen Treppen des Schirmerturms erklimmt, ohne gross auf die Stufen zu achten. Kein Wunder, erklimmt er doch rund 5’000 Treppentritte pro Woche. Währenddessen klammert sich die Autorin aus Angst um die Kamera ans Geländer.

Turmwart, Umweltingenieur und Landwirt in Einem

Als Turmwart sei seine Arbeit, die Türme für Besucherinnen zu öffnen. Diese sind von April bis November täglich von 8 bis 19 Uhr geöffnet. Zudem sieht er jeweils auf der Mauer und in den Türmen nach dem Rechten. Sammelt vergessen gegangene Gegenstände, wischt den Boden, meldet Schäden oder entfernt Abfall. «Klar ist die Aufgabe mit einer gewissen Verantwortung verbunden», so Fassbind. «Auch bei Sturm oder Stress muss jemand die Türme schliessen.» Trotzdem sei es eine sehr schöne Aufgabe.

Eine, die er im Nebenamt übernimmt. Oder gar Neben-Nebenamt. Denn nebst seinem Job als Leiter der Abteilung «Umwelt und Energie» der Stadt Zug führt er mit seiner Frau Pia Fassbind den fast 400-jährigen Kulturhof Hinter Musegg. Bleibt da überhaupt noch Zeit für anderes? «Natürlich sind die Tage kurz. Zu kurz», lacht Fassbind. Trotzdem bleibe ihm auch Zeit für Hobbys. Zum Beispiel Glühbier-Brauen (zentralplus berichtete). Möglich sei dies deshalb, da sie bei ihrem Hof inzwischen von einem grossen Team unterstützt werden (zentralplus berichtete).

Sicheren Trittes führt Walter Fassbind die Autorin die Museggtürme hoch und runter.
Sicheren Trittes führt Walter Fassbind die Autorin die Museggtürme hoch und runter. (Bild: mik)

Und auch sonst bringt er die Aufgabe als Turmwart gut unter seine vielen Hüte. «Die Arbeit findet zu Randzeiten statt und ist eine gute Abwechslung zum Büroalltag. Und trägt nebenbei zur Fitness bei», wie er lächelnd hinzufügt.

Museggmauer ist bei Besuchern beliebt – auch für Sex

Wir halten kurz inne, hören einem Lehrer zu, der seiner Schulklasse die Museggmauer vorstellt. Dahinter kraxeln asiatische Touristen die Treppen hoch und ein deutsches Paar macht Fotos. Es ist einiges los. Kein seltener Anblick, wie Fassbind bemerkt. Jährlich hätten sie rund 100’000 Besucherinnen.

Die meisten davon bereiten ihm keine Probleme. Doch ab und an komme es beispielsweise vor, dass Besucher sich nicht an die Öffnungszeiten halten wollen. Oder er sie gar versehentlich in den Türmen einschliesst. «Übernachten musste jedoch noch nie jemand im Turm», lacht Fassbind. Meistens rufen die unfreiwillig Eingekerkerten entweder die Polizei oder direkt ihn an, der sie dann «rettet».

Auch erwische er immer wieder Pärchen, die die atemberaubende Kulisse für ein Schäferstündchen nutzen. «Ich rufe ihnen dann zu, dass die Türme schliessen. So können sie wenigstens noch die Hose hochziehen.»

Beliebte «Plakatwand»

Nebst Turteltauben ist die Mauer auch bei Aktivistinnen beliebt (zentralplus berichtete). Doch nicht nur der Frauenstreik, auch FCL-Fans haben den Männliturm bereits als Plakatwand umfunktioniert (zentralplus berichtete). Künstler, die die Mauer unbewilligt für Kunstinstallationen benutzen, machen ihm ebenso zu schaffen. «Das muss ich dann jeweils selbst wieder wegräumen.»

Auch das Entfernen von Klebern gehört zum Job des Turmwarts.
Auch das Entfernen von Klebern gehört zum Job des Turmwarts. (Bild: mik)

Vielmehr ärgert er sich jedoch über Besucher, die etwas an den alten Mauern zerstören oder diese besprayen. «Bei denen gibt es leider kaum eine Chance, sie zu fassen. Der Schaden ist jedoch da. Und der Aufwand für die Reinigung enorm.»

Geheime Botschaft auf Spitze des Wachturms

Natürlich hat der Turmwart auch sehr schöne Begegnungen mit Besuchern der Museggmauer. Denn auch als Ort für einen Heiratsantrag eignet sich die Kulisse perfekt. So sei er schon von einigen jungen Männern um die Schlüssel des Männliturms gebeten worden. «Auf der Turmspitze hat man den besten Blick über die Stadt», weiss Fassbind. Dem Wunsch kommt er jeweils gerne nach und versteckt den Schlüssel in einer Ritze oder unter einem Stein. «Das kam bisher gut ein Dutzend Mal vor. Und bei jedem Antrag hiess die Antwort Ja. Also schon fast ein Erfolgsgarant.» Die einzige Bedingung von Wädi? Das Zusenden einer Hochzeitskarte.

Seine prägendste Erinnerungen in seiner Zeit als Turmwart sind jedoch nicht frisch verlobte Pärchen. Sondern die Gründung des Vereins und der Stiftung für den Erhalt der Museggmauer. «Durch das enorme Engagement zahlreicher Freiwilliger merkt man, was alles möglich ist.» Auch das Ende der Sanierungsarbeiten der Mauer sei sehr emotional gewesen.

Beim Aufsetzen der Kugel auf der Spitze des Wachturms habe er selbst Hand angelegt. Dabei haben sie die Kugel in eine Zeitkapsel umfunktioniert und haben beispielsweise einen USB-Stick mit Informationen zur heutigen Zeit hinterlassen. «Ich habe die Gelegenheit genutzt und selbst noch etwas mit hineingelegt», erzählt er mit einem Schmunzeln. Was es ist, will er aber nicht verraten. «Das findet man dann in 50, 60 Jahren heraus, wenn neue Arbeiten anstehen.»

Nachfolge wird langsam zum Thema

Weil langsam der Regen einsetzt, machen wir uns auf den Weg zum anderen Ende der Mauer. Den Platz unter dem Schirm lehnt er ab, vermutlich weil es sich der Turmwart gewohnt ist, bei Wind und Wetter über die Museggmauer zu laufen. In der Hofbeiz angekommen, setzen wir uns bei einer Tasse Kaffee an einen Tisch draussen. Die Szene ist idyllisch: Im Vordergrund quieken einige Minischweine, im Hintergrund säumt die historische Mauer den Horizont. Ein grüner Ruhepunkt, mitten in der Stadt.

«Früher hat die Mauer die Stadt Luzern beschützt, heute schützt die Mauer uns vor der Stadt», meint Fassbind dazu. Hier hätten sie ihre Ruhe vor dem Ramba-Zamba der Stadt. Und auch nach 22 Jahren könne er sich an der Mauer nicht sattsehen. Trotzdem wolle er das Amt nicht ewig weitermachen. «25 Jahre mache ich das Amt sicher, dann schaue ich mich mal nach einer Nachfolge um.»

Geister und andere Geheimnisse

Keine einfache Aufgabe. Denn es muss jemand aus dem Quartier sein, der bereits ist, die Aufgabe gewissenhaft zu übernehmen. «Mit der Arbeit als Turmwart bindet man sich stark. Es hängt viel Organisation damit zusammen. Hast du einmal abends etwas los, oder gehst in die Ferien, muss eine Stellvertretung her.»

Der Ausblick von der Mauern wird dem Turmwart nie leid – doch wer kann es ihm verdenken?
Der Ausblick von der Mauer wird dem Turmwart nie leid – doch wer kann es ihm verdenken? (Bild: mik)

Bei all den Verpflichtungen überwiegen für Fassbind trotzdem die schönen Seiten des Amts. Der Ausblick über die Stadt oder all die Geheimnisse, die in den Mauern und Türmen schlummern. So wie beispielsweise der Musegg-Geist Hermann. «Im Wachturm haust ein Krieger mit Hellebarde und Schnapsflasche. Wo er jedoch zu finden ist, bleibt mein Geheimnis», erzählt Fassbind zum Schluss.

Wenn du ihn suchen willst, hast du heute die beste Gelegenheit dazu. Denn bis 16 Uhr stehen am heutigen «Tag der offenen Museggtürme» acht von neun Türmen zur Besichtigung offen – auch der sonst geschlossene Wachturm. Einzig der Luegislandturm bleibt aus Sicherheitsgründen geschlossen.

Verwendete Quellen
  • Besichtigung und Gespräch mit Walter Fassbind, Turmwart der Museggmauer
  • Flyer zum Tag der offenen Museggtürme
  • Website des Kulturhof Hinter Musegg
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