Kultur

Robin Scherer brach mit 13 die Schule ab
Dok-Film aus Luzern nimmt das Schulsystem unter die Lupe

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Der Luzerner Filmemacher Pablo Callisaya setzt sich in seinem neusten Dokumentarfilm «Durch Schnitt» mit dem Luzerner Schulsystem auseinander. (Bild: cbu)

Die Schulzeit war für viele ein Albtraum. Der Luzerner Filmemacher Pablo Callisaya beleuchtet in seinem neusten nicht nur das Einzelschicksal von Schulabbrecher Robin Scherer, sondern ein ganzes System.

Die Schule ist für manche ein Ort voller schöner Erinnerungen. Die erste Liebe, Freundschaften, die bis ins Alter halten. Bei anderen zieht sich schon allein beim Gedanken an die Schulzeit der Magen zusammen. So geht es beispielsweise dem Autor dieser Zeilen. Oder dem Luzerner Filmemacher Pablo Callisaya (33).

Aber wir haben durchgebissen und die Abschlüsse geschafft. Robin Scherer blieb diese Möglichkeit verwehrt. Scherer ist der Protagonist von Callisayas neustem «Durch Schnitt», der an den diesjährigen Solothurner Filmtagen gezeigt wurde und ab Sonntag, 10. April im zu sehen ist.

Leben und Leiden eines 13-Jährigen

«Durch Schnitt» thematisiert den Lebens- und Leidensweg von Robin Scherer, der die Schule im Alter von 13 Jahren abbricht. Er leidet an der Darmerkrankung Morbus Crohn, zusätzlich erschwert ihm eine Lernschwäche den Schulalltag. Der Unterricht überfordert ihn, er landet in der Kleinklasse. Aber selbst dafür reichen seine schulischen Leistungen nicht aus.

Schliesslich fällt durch sämtliche Raster des hiesigen Schulsystems und findet erst Rückhalt, als ein Coiffeur-Lehrmeister aus Nidwalden den Teenager unter seine Fittiche nimmt und zum Coiffeur ausbildet – obwohl ihm die dafür nötigen Abschlüsse eigentlich fehlen.

Heute ist Scherer selbstständig und arbeitet im eigenen Coiffeur-Salon. Hier erzählt er der Filmproduzentin Andrea Kopp seine Geschichte – beim Haareschneiden. Kopp wiederum wendet sich damit an Pablo Callisaya, der darin Stoff für einen Dokumentarfilm sieht. Zumindest für einen halben.

Ein Film über das Schulsystem

«Ich wollte Robins Geschichte für den Film in einen grösseren Kontext setzen. Darum ist der Film auch ein gesellschaftliches Porträt über das Schulsystem von damals und heute», sagt der Regisseur gegenüber zentralplus. «Mit dem Thema Schule werden wir alle konfrontiert. Sei es als Kind oder später als Elternteil.»

«Bei Vorpremieren kamen teils heftige Reaktionen, das habe ich noch nie erlebt.»

Pablo Callisaya, Regisseur

«Man begibt sich für neun Jahre in die Hände dieser Institution. Und das sind einige der prägendsten und einflussreichsten Jahre des eigenen Lebens.» Umso wichtiger sei es darum, nicht davor zurückzuschrecken, das System Schule zu überdenken und den gesellschaftlichen Veränderungen anzupassen. Dies, um Fälle wie den von Robin Scherer vor rund 20 Jahren künftig zu verhindern.

Der Film löst heftige Reaktionen aus

Wie schätzt der Luzerner Filmemacher die jetzige Lage ein? «Es hat an vielen Stellen kleine Änderungen gegeben. Das meiste davon werte ich positiv», sagt Callisaya. So ist die Schule heute durch verschiedene Fächer-Niveaus und zusätzliche Lehrpersonen beweglicher geworden – um auch auf ähnliche Fälle wie jenen von Robin Scherer eingehen zu können. «Im Grundsatz ist aber vieles gleich geblieben», so Pablo Callisaya. Er spricht damit unter anderem das Notensystem an – ein Thema, das in der Politik immer wieder heiss diskutiert wird.

Heiss diskutiert wurde auch sein Dokumentarfilm. «Bei Vorpremieren kamen teils heftige Reaktionen, das habe ich noch nie erlebt.» Von Zwischenrufen bis zu angeregten Diskussionen im Anschluss. Das zeigt Callisaya aber, wie wichtig das Thema ist.

Ein Dok-Film aus 50 Stunden Material

«Durch Schnitt» hat Callisaya und sein Team der Produktionsfirma Tapir Film aus Luzern durch den Grossteil des Pandemiejahrs 2021 gebracht. Die Dreharbeiten haben sich über rund zwei Monate erstreckt. Dabei hat das Team sowohl Interviews mit Experten und Lehrern geführt als auch Robin Scherer privat begleitet und private Familienaufnahmen digitalisiert.

Das Pièce de résistance kam aber erst noch: «Der Schnitt war eine der grössten Herausforderungen», so Pablo Callisaya. Aus rund 50 Stunden Material haben er und sein Editor Isai Oswald schliesslich einen rund 70-minütigen Film geschnitten. «Die erste Woche haben wir nur Material gesichtet», erinnert sich der Filmemacher. «Besonders schwer war es, die beiden Erzählebenen miteinander zu verweben.»

«Ich war kein guter Schüler und schlage mich trotzdem sehr gut im Berufsalltag.»

Nun hat der fertige Film das Licht der Welt erblickt und bereits jetzt haben sich zahlreiche Personen «Durch Schnitt» angesehen. Dieser «Seelenstriptease» ist für den 36-jährigen Scherer kein Problem. «Er wollte seine Geschichte erzählen», sagt Callisaya. Für Scherer sei der Film auch ein Mittel gewesen, um anderen Betroffenen Mut zu machen und zu zeigen, dass sie nicht alleine sind.

Auch der Filmemacher selbst zieht eine Lehre aus seinem Film: «Die Schule ist für die Zukunft eines Menschen zwar entscheidend, aber nicht aussagekräftig.» Dabei nennt er nebst Robin Scherer auch sich selbst als Beispiel. «Ich war kein guter Schüler und schlage mich trotzdem sehr gut im Berufsalltag.»

Denn Callisaya lebt nach seinem Master-Abschluss im Bereich Drehbuch mittlerweile vollumfänglich von seinem Beruf als Regisseur, Autor und Produzent. Nebenher unterrichtet er einen Basiskurs für Drehbuchschreiben an der Migros Klubschule – ist also quasi selbst schulisch tätig. Mit einem klaren Ziel: «Primär möchte ich einen Ort schaffen, den die Leute gerne besuchen und mit Freude etwas lernen.»

Und das, so sein Wunsch, müsste auch im regulären Schulalltag möglich sein.

Über «Durch Schnitt»

Nach der Weltpremiere in Solothurn wird «Durch Schnitt» nun am Sonntag, 10. April, um 11 Uhr in der Matinee des Kino Bourbaki in Luzern gezeigt. Kommen genügend Besucher, wird der Film in der Folgewoche erneut vorgeführt. Nebst weiteren Kinovorstellungen sind auch Vorstellungen und Gesprächsrunden an Schulen geplant.

Der Film wird vertrieben durch den Innerschweizer Filmverleih Mythenfilm, der auch den jüngsten Film des Luzerner Künstlers Fabian Biasio auf die Leinwände gebracht hat (zentralplus berichtete).

Verwendete Quellen
  • Persönliches Gespräch mit Filmemacher Pablo Callisaya
  • Website Tapir Film
  • Programm des Kino Bourbaki
Weitere Quellen
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1 Kommentare
  1. Elementa, 07.04.2022, 07:08 Uhr

    Ich bin sehr gespannt auf den Film.

    Leider hat sich nichts positiv geändert. Im Gegenteil! Die Kinder müssen noch viel mehr Wochenstunden absitzen als wir damals. Das ist noch schlimmer geworden.

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