Kultur
Eröffnung des Lucerne Festival im KKL

Diversität und die Barrieren im Kopf

Die Beine wichtiger Personen am Lucerne Festival. (Bild: Patrick Hürlimann – Lucerne Festival)

Das Lucerne Festival ist offiziell eröffnet, mit Pauken und Geigen – und einem neuen, zeitgemässen Motto und wichtigen Gästen. zentralplus war bei der Eröffnung mit dabei, bis zur Pause.

Und der Eröffnungsabend des Lucerne Festivals im KKL beginnt am Freitagabend – nennen wir es – «ambivalent». Kaum den gelb-violetten Teppich betreten, steht da Roger Köppel, die «Weltwoche» im Arm, demonstrativ vor sich hertragend. Er tummelt sich zwischen anderen bekannten Gesichtern aus Politik und Wirtschaft. Es wird Champagner gereicht, auf Etageren Macarons. Man gönnt sich etwas.

Küsschen hier, Küsschen da, noch ein Schulterklopfer. Man kennt sich offenbar rundum, hat den gleichen Herrenausstatter, dieselbe Schönheitschirurgin oder Steuerberaterin. So viele Anzüge, so viele strassbesetzte Highheels. Man wähnt sich in den frühen Nuller-Jahren.

Hat jemand «Diversität» gesagt?

Der Abend im Saal beginnt mit einer Ansprache von Markus Hongler und Michael Haefliger, Stiftungspräsident bzw. Intendant des Festivals, die das Motto Diversity mit Inbrunst vertreten. Dies jedoch in den exakt gleichen schwarzen Lederschuhen, den praktisch gleich geschnittenen schwarzen Anzughosen, schwarzen Jacken, schwarzen Fliegen und weissen Hemden, beide mit kurzem Haaren, glattrasiert, ohne Brille oder Schnauz. Ein wenig witzig, muss man zugeben, ist das schon.

«Mit Mottos gewinnt man nie.»

Michael Haefliger, Intendant, Lucerne Festival

Ein paar Blumen für die Stimmung. (Bild: Manuela Jans – Lucerne Festival)

Das diesjährige Motto – «Diversity» – gab schon im Vorfeld zu reden. «Brisant» sei es, «ins Auge des Hurricans» habe man sich damit begeben, hiess es. Da gab es Kritik am Begriff selbst, Kritik daran, es sich mehr fürs Marketing auf die Fahne zu schreiben, als Diversität wirklich leben zu wollen.

Diversität in Schubladen

Es stellt sich die Frage, ob es nicht kontraproduktiv und wiederum diskriminierend ist, wenn man hauptsächlich schwarze Personen im Jahr 2022 unter dem Motto «Diversity» oder hautpsächlich Frauen im Jahr 2016 unter «Primadonna» einlädt? Denn das signalisiert indirekt auch: Ihr seid vielleicht nicht so gut wie andere, aber weil Ihr «divers» seid, dürft Ihr dieses Jahr mitmachen.

Zudem betrifft Diversity ja eine ganze Menge mehr: Alter, Ethnizität, soziale Herkunft, Klasse, sexuelle Orientierung.

«Es ist ein schmaler Grat zwischen Visibilität und Alibipolitik.»

Jacob Caines, Gründer von ClassicalQueer

«Mit Mottos gewinnt man nie», sagt Festival-Intendant Michael Haefliger am Tag vor der Eröffnung. Aber man könne damit einen Diskurs anstossen. Andere Festivals würden ein Motto wie «Wien» wählen, Luzern wählte «Diversity». Nun stehe das Wort auf jedem Flyer und jedem Programm – das bringe auch das eher konservative Publikum des Festivals dazu, über das Thema zu diskutieren, sagt Haefliger weiter. «Natürlich ist es plakativ, aber ich glaube, es ist auch nötig.» Denn es handle sich um eine wichtige Bewegung. Und die soll die Klassik nicht verpassen.

Nachhaltige Veränderungen

Dass man in der Klassik oft wenig Diversität erlebe, habe damit zu tun, dass eine gewisse Gesellschaftsschicht meine, diesen Bereich für sich alleine besetzen zu können. «Diese Dominanz wurde über lange Zeit aufrechterhalten», so Haefliger.

Und es sei Fakt, dass die Klassik deshalb bei einigen gesellschaftspolitischen Diskursen hinterherhinke, fügt er an. «Daran wollen wir arbeiten, weil wir die Musik so sehr lieben und sie in all ihren Facetten noch mehr Menschen zugänglich machen wollen.»

Man wolle die Themen nicht nur einmal bringen und sie dann wieder vergessen. Das Motto Primadonna im Jahr 2016 habe sich nicht mit der damaligen Festivalausgabe erschöpft. 2016 erschienen 13 Dirigentinnen im Programm, man habe einen Akzent gesetzt. Aber auch in diesem Jahr seien sieben Dirigentinnen dabei, betonte Häfliger. Bei den Komponistinnen hat man noch Arbeit vor sich.

Annehmen und Auseinandersetzen

Der Musiker Jacob Caines, Gründer von ClassicalQueer, bringt im Festivalmagazin die Herausforderung auf den Punkt: «Es ist ein schmaler Grat zwischen Visibilität und Alibipolitik.» Daran schliesst die Rede der britischen Kontrabassistin und Gründerin der Chineke! Foundation, Chi-Chi Nwanoku, an. Sie zeigt Missstände auf, berührt, beeindruckt und appelliert auch ans Publikum.

Ignazio Cassis und Chi-Chi Nwanoku im VIP-Bereich. (Bild: Patrick Hürlimann – Lucerne Festival)

Sie erinnert an die koloniale Vergangenheit, in der ein paar Männer aus Europa in Berlin an einem Tisch sassen und Afrika unter sich aufteilten. Das Bild habe ihr gezeigt: «If you’re not at the table, you end up on the menu.» («Wenn du nicht am Tisch sitzt, landest du auf der Speisekarte») – Eine traurige Wahrheit, die das Publikum mit fröhlichem Lachen quittiert. Ein Witz offenbar.

Nwanoku fragt in ihrer Rede, ob das Publikum verstehe, welche Barrieren diese Konzerthallen, ihre Fassaden und Räume noch immer mitbringen würden. Dass man diese öffnen müsse, und es dann Zeit brauche, bis das angekommen sei. Die Antwort werden wir ihr wahrscheinlich noch lange schuldig bleiben.

Sehen und gesehen werden

Es folgt der eigentliche Hauptteil des Abends: das Konzert mit Kompositionen des Mozart-Zeitgenossen Joseph Bologne, mit der Solistin Anne-Sophie Mutter, und des anwesenden Wolfgang Rihm. Grossartig, intensiv, überraschend und berührend. Mehr kann die Klassik-Laie dazu nicht sagen.

Ein grosser Teil des Publikums sei sowieso nicht der Musik wegen hier, meint eine Besucherin in der Pause. Das sei beim Eröffnungskonzert jedes Jahr so. «Sehen und gesehen werden.» Sie bringt es auf den Punkt. An gewissen Menschen bleiben alle Blicke kleben, während sie langsam eingehakt vorbeischreiten. Es wird getuschelt und genickt – und erinnert an Figuren aus den klassisch höfischen Historiendramen.

«Die Schweiz ist ein kleines Orchester.»

Ignazio Cassis, Bundesrat und Bundespräsident

Wer die Codes nicht kennt, sich nicht in ihnen bewegt, wird übersehen. Ein Paar in Streifenshirts, ein junger Mann in kurzen Jeans – sie werden freundlich ignoriert. Den Weg durch die Elite bahnen sie sich nur mit Geduld. Die Barrieren aus Chi-Chi Nwanokus Rede werden hier sichtbar. Es sind Barrieren aus samtenen Kordeln an goldenen VIP-Ständern. Barrieren aus lächelnden jungen Menschen mit polierten Schuhen und Perlohrringen. Barrieren aus einschüchternder Architektur und freundlicher Überheblichkeit.

Diversität an anderen Ufern

Ans Inseli ist es nicht weit. Dort wird das Konzert live auf der Leinwand übertragen. Rachmaninov, den Teil nach der Pause, hören wir uns von hier aus an.

Hunderte Menschen haben sich auf der Wiese versammelt, auf Picknickdecken und Campingstühlen. Familien mit Kindern, Cliquen mit Bier, alt und jung. Ein Mädchen tanzt auf dem Kies Ballett, ein älteres Paar küsst sich. Leichter Wind bewegt die Bäume und hinter den Dampfschiffen leuchten die Berge rosa. Hier erfüllt sich, was das Lucerne Festival als Motto wählte in diesem Jahr.

Die Übertragung des Eröffnungskonzerts auf dem Inseli. (Bild: Priska Ketterer – Lucerne Festival)

Metaphorische Harmonie

Ein wenig Lockerheit, wer hätte das erwartet, brachte übrigens der Bundespräsident in den Saal. Ignazio Cassis hat in seiner Rede zu Beginn das Einmaleins des politischen Redenschreibens in seiner stumpfsten Einfachheit umgesetzt. Und das heisst: Metaphernschlacht.

«Die Schweiz ist ein kleines Orchester.» Die Klänge der Kantone und die Melodien unserer Landessprachen sollen sich in ihrer Diversität vereinen – «Wir müssen nicht immer die erste Geige spielen.» Wer hier lacht – namentlich die Autorin dieses Artikels – wird mit Blicken getadelt.

Ernst nickend bleiben die Köpfe stumm – ausser natürlich, als der Bundespräsident in einem kurzen Schlenker die aktuelle Empörungskultur kritisiert. Da wird zustimmend gemurmelt und geschmunzelt. Vergessen sind die Worte aus Chi-Chi Nwanokus Rede, die mahnte, sich nicht von Kleinigkeiten in diesen Diskursen trennen zu lassen. Sondern die tatsächlichen Baustellen der Ungleichheit in Angriff zu nehmen.

Der Preis ist heiss

Die Frage ist am Ende, ob man das in der Klassik wirklich versuchen will? Wird das Publikum das akzeptieren? Und wenn nicht, will man es verärgern? Das Publikum, das 350 Franken für ein Ticket bezahlt?

Die Klassik hat es sich gemütlich eingerichtet mit vielen gutbetuchten Menschen, die sich gerne als kulturnah inszenieren und die sich lieber nicht mit politischer und provokanter Kunst beschäftigen wollen.

Verliert man die, gibts statt Macarons und Champagner vielleicht bald nur noch Prosecco und Lachshäppchen.

Verwendete Quellen
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