Kultur

Junge Wilde und ihre Computer
Digitaler Wahnsinn fasst Fuss in Zug

  • Lesezeit: 4 min
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Fährt seine eigene Achterbahn: Timon Sager in der virtuellen Realität. (Bild: fam)

Ein Zuger Künstler-Verein will bei der digitalen Kunst vorne mitmischen – und holt ein Stück Weltgeschehen nach Zug. Am Samstag zeigen die Künstler in der Zwischennutzung «Kolin 21», was sie können. Wir setzen uns schon jetzt die 3D-Brille auf und werfen uns in virtuelle Welten.

Er stülpt sich die Brille auf und verschwindet in einer anderen Welt. Ausgeklinkt. Eingeloggt. Aber komplett. Statt hier bei uns im «Kolin 21» seine zu erklären, hat sich Timon Sager in eine Achterbahnfahrt verabschiedet. Eine 3D-Welt, die er selber programmiert hat. Es gibt noch ein paar Fehler, man fährt manchmal durch die grossen Balken durch, und zuckt unwillkürlich zusammen. Mit den Balken will Sager im Spiel Zahlen symbolisieren: Einwanderungszahlen von Gemeinden. Hä? Genau. Also von vorn.

Eva Lab heisst der frischgegründete Verein von jungen Zuger Digital-Künstlern, die gemeinsam in die Zukunft schauen wollen. Und an diesem Samstag zeigen sie her, was sie schon so drauf haben. Es ist ein Stück Zukunft, eine Spielwiese für erste Schritte, passt eigentlich gar nicht so recht nach Zug. Allerdings ist genau das der Punkt: Die Vernetzung macht den Ort unwichtig – auch hier im Kolin 21 kann ein Stück Avantgarde erlebt werden. Ein bisschen digitales Weltgeschehen hängt im Raum, und die Jungs vom Eva Lab getrauen sich, da mitzumischen und sich neuste Techniken einfach anzueignen.

Keine Message, nur Experiment

Was der Verein genau ist, ist seinen Mitgliedern selber nicht so klar – eigentlich besteht er vor allem aus einer geschlossenen Facebookgruppe, auf der die neusten Ideen und Techniken mit Begeisterung ausgetauscht werden. Und eben aus den Labortagen. «Es geht nicht darum, dass wir eine Message über die Technologie rüberbringen wollen», sagt Martin Riesen, der Präsident des Eva Lab und Mitgründer von «Rec.Design», dem erfolgreichsten Zuger Visual-Duo. «Mehr darum, dass wir selber ausprobieren und mit den neuen Möglichkeiten experimentieren können.»

Rec.Design projeziert bevorzugt bewegtes fantastisches Zeug auf Dinge. Zum Beispiel auf den Siehbachsaal (siehe Video). Im Kolin 21 müssen Wände genügen. Im vorderen Raum des Kolin 21 warten diverse Beamer auf Input. Riesen wirft den Computer an, knallt mit der Maus Animationen auf die Mauern, erklärt begeistert, was man mit der «Kinect» noch alles machen könnte (Diverses), und sagt dann: «Eigentlich geht es uns vor allem darum, die digitalen Künstler zu vernetzen. Was dann daraus weiterentwickelt wird, ist völlig offen.»

Rec.Design sorgte etwa für die grandiose Kulisse am Rock the Docks, projeziert auf die Fassade des Siehbachsaals.

Zehn Mitglieder hat der Verein, alle sind in ihrer Sparte dabei, die Grenzen auszuloten. Timon Sager macht Kunst mit 3D-Welten und der Oculus Rift, dem Prototypen einer 3D-Brille, die Facebook für mehrere Milliarden gekauft hat. Anfang nächstes Jahr sollen solche Dinger auf den Markt kommen. Verschwinden wir bald alle in virtuellen Welten? «Wir wollen mit unserer künstlerischen Arbeit auch für uns selber herausfinden, was man mit diesen Technologien machen kann. Das kann auch Angst abbauen», sagt Sager.

Also ziehen wir die Brille mal an: Rabenschwarz die Welt, keine Hand vor Augen, dafür die Achterbahn, die uns rumfährt, und wenn wir nach unten schauen, macht der Magen flaue Gefühle, so echt fühlt sich alles an. Obwohl es überhaupt nicht besonders echt aussieht. Und was soll das mit den Einwanderungszahlen? Das ist Konzeptkunst. Die Labortage des Eva Lab sind Teil der Ausstellung «Ohne Rast» der Stadt Zug, respektive bilden die Finnissage. «Und bei ohne Rast geht es um die Flüchtlingsthematik», sagt Sager, «deshalb habe ich mir was dazu ausgedacht, dass gleichzeitig bildet und ein Erlebnis darstellt.»

Blickt gespannt in die Zukunft: EVA-Lab-Präsident Martin Riesen.

Blickt gespannt in die Zukunft: EVA-Lab-Präsident Martin Riesen.

(Bild: fam)

Labortage heisst nicht, dass dann alle da sind und etwas produzieren. «Es sind auch gar nicht alle im Land», sagt Riesen. «Was wir aber zeigen können, ist das Experimentelle.» Und das gleich in alle Richtungen: Das Erlebnis mit der Brille ist ein körperliches, da gibt’s aber noch andere. 

Finissage «Ohne Rast»

Die Kunstausstellung «Ohne Rast» (zentral+ berichtete) feiert am Samstag Abend Finissage: Los geht's um 17 Uhr in der Zwischennutzung Kolin 21 am Kolinplatz. Unter diesem Link gibt's mehr Infos zur Finissage.

Riesen hat für die Finissage den Zürcher Experimentalmusiker «Eisentanz» gebucht, respektive begeistert. Eisentanz macht Musik aus Gegenständen, mikrofoniert sie und komponiert aus diesem «frisierten» Audioschwemmgut Stücke. Das macht er normalerweise auf der ganzen Welt, etwa am Tokyo Experimental Festival. Und am Samstag live in Zug, zusammen mit der Zuger Tänzerin Sereina Sidler-Tall und dem Visuals-Duo Rec.Design. «Eigentlich hat die erste Begegnung zwischen uns bei einem Konzert in der Industrie 45 auch zum Eva Lab geführt», sagt Riesen. Eisentanz ist zwar selber kein Mitglied bei Eva Lab, sagt er und lacht. «Noch nicht. Ich finde das sehr spannend, was die Jungs da machen.»

Das ist der Auftritt, der zur Gründung von Eva Lab beitrug: Eisentanz 2012 in der Industrie45

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