Kultur

Alte Fasnachts-Tradition
Der Niedergang der Maskenbälle

  • Lesezeit: 4 min
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Die Maskenliebhaber-Gesellschaft der Stadt Luzern trägt mit dem «Goldig Grend» seit 16 Jahren zur Erhaltung der Tradition der Maskenbälle bei. (Bild: MLG)

An der Luzerner Fasnacht ist die Strasse der beliebteste Ort der Selbstdarstellung. Das war nicht immer so. Früher waren Maskenbälle die beliebtesten Schauplätze des närrischen Treibens. Eine Tradition, die heute nur noch am Rande der Fasnacht weiterexistiert.

Schon bald tummeln sie sich wieder in den Gassen der Luzerner Altstadt: Guggenmusigen, Fasnachtswagen und Sujet-Gruppen werden das Stadtbild auch an der diesjährigen beherrschen. «Die Luzerner Fasnacht findet auf den Strassen statt», sagt Franco-Gino Paravicini.

Als Archivar der Fasnacht-Gesellschaft «Fidelitas Lucernensis» erinnert er sich jedoch auch an andere Zeiten. «Über Generationen hinweg übten insbesondere Maskenbälle eine magische Anziehungskraft auf die Fasnächtler aus», erklärt er. Die Bälle in den Sälen der Luzerner Hotels und Restaurants seien damals im 19. und 20. Jahrhundert ein wichtiger Schauplatz der Luzerner Fasnacht gewesen.

Herren auf die Schippe nehmen

«An traditionellen Maskenbällen geben sich die vollmaskierten Besucher bis um Mitternacht nicht zu erkennen», erklärt Paravicini. «Oft haben die Ehemänner nicht einmal die eigene Frau erkannt.» Die Absicht hinter den Maskierungen sei das Intrigieren gewesen. «Es ging darum, die nicht-kostümierten Ballbesucher, meistens Herren aus den gehobenen Gesellschaftsschichten, mit viel Humor auf die Schippe zu nehmen.» Nicht zuletzt wurden jeweils die besten Masken des Abends prämiert.

«Der grosse Zulauf von Auswärtigen hat mitgeholfen, dem Balltreiben den Todesstoss zu geben.»
Franco-Gino Paravicini, Fidelitas Lucernensis 

Mittlerweile ist diese Tradition in Luzern beinahe vom Aussterben bedroht. «Die Strassenfasnacht hat die einst so gloriosen und grandiosen Bälle total verdrängt», sagt Paravicini und bedauert, dass damit eine alte Luzerner Fasnachts-Tradition verloren geht.

Fasnacht ist anonymer geworden

Gemäss dem Dominus der Fidelitas, Jürg Weber, habe man seitens der Fasnacht-Gesellschaft die Organisation von Maskenbällen Ende der 90er Jahre aus Rentabilitätsgründen aufgegeben. «Vor allem das junge Publikum will sich den Eintrittspreis für einen Ball nicht mehr leisten», so Weber. «Angesichts der enorm hohen Saalmieten, den Kosten für die Saaldekorationen und die Live-Orchester sind Bälle kaum mehr bezahlbar.» 

Die Ballszene an der Luzerner Fasnacht

Obwohl die Zeit der grossen Maskenbälle an der Luzerner Fasnacht längst vergangen ist, werden von Zünften und Gesellschaften immer wieder Versuche gestartet, diese Tradition wieder zu beleben. Im Unterlachenhof an der Tribschenstrasse findet dieses Jahr am Rüüdige Samschtig erstmals ein Ball statt. Mit dem neuen Schmudo-Ball der Zunft zu Safran wird heuer im Schweizerhof ebenfalls eine Premiere gefeiert. 

Auch mit dem Tattüü im ehemaligen Hotel Union, das am Rüüdige Samschtig bereits zum zweiten Mal stattfindet, wird versucht, die ursprüngliche Fasnacht zurück auf die Bühne zu holen. Am Güdismontag werden am Goldig Grend der MLG im Schweizerhof wieder die schönsten Masken gekürt. Auch gerät im Stadtkeller die traditionelle Fasnacht nicht ganz in Vergessenheit.

Mittlerweile ist die Strasse zum Hauptschauplatz der Luzerner Fasnacht geworden und Maskenbälle sind kaum mehr gefragt. Gerade die Strassenfasnacht hat für viele Fasnächtler einen besonderen Reiz und zieht jedes Jahr mehr Besucher in die . «Der grosse Zulauf von Auswärtigen hat im Laufe der Zeit auch mitgeholfen, dem Balltreiben den Todesstoss zu geben», ist sich Paravicini sicher. Da sich die Leute kaum mehr kennen würden, funktioniere auch das Intrigieren nicht mehr.

In der Agglo und auf dem Land beliebt 

Deshalb haben Maskenbälle aus der Sicht von Paravicini nur noch in der Agglomeration und auf dem Lande eine gewisse Berechtigung. «Dort kennt man sich noch.» Masken- oder Kostümbälle seien dort insbesondere in der Vorfasnachtszeit beliebt und würden oft von Guggenmusigen organisiert.

Mit den traditionellen Maskenbällen seien diese jedoch nicht wirklich vergleichbar. «Meist sind nur junge Leute anwesend», meint er. «Das Musikangebot ist oft sehr laut und nicht gerade geeignet, um miteinander zu kommunizieren.» Die Zeiten hätten sich eben geändert, lacht Paravicini. Man lerne sich eben nicht mehr an einem Maskenball kennen. «Heute gibt es das ganze Jahr tausend andere Möglichkeiten.»

«Strassenfasnacht und Maskenbälle ergänzen sich gegenseitig.»
Bruno Gisi, Maskenliebhaber-Gesellschaft Stadt Luzern  

Das Verschwinden der grossen Maskenbälle sei auch ein Generationenproblem, sagt Silvio Panizza, Herausgeber des Luzerner Fasnachtsführers. «Die Jungen wissen nicht mehr, wie man intrigiert», bedauert er. «Guggenmusigen haben diese Tradition verdrängt.» Auch die spezielle Ballatmosphäre würden sie nicht mehr kennen. «Sie verwechseln das mit Stehpartys und Discos.»

Dafür sei die Strassenfasnacht in den letzten Jahrzehnten massiv aufgewertet worden, meint Panizza weiter. «Klar ist es schade, wenn eine Tradition ausstirbt. Aber vorbei ist vorbei. Mit der Strassenfasnacht haben wir hier etwas Grossartiges.»

«Die Luzerner Fasnacht braucht beides»

Anders sieht man dies bei der Maskenliebhaber-Gesellschaft der Stadt Luzern (MLG), die mit dem «Goldig Grend» seit 16 Jahren zur Erhaltung der Tradition des Maskenwesens beitragen will. Jährlich werden dabei die «schönsten, ausdruckvollsten, schrecklichsten und schrillsten aller Masken» von einer Jury gekürt. Die Preisgelder können sich durchaus sehen lassen: Der besten Einzelmaske winken 700 Franken, dem besten Gruppenaufritt stolze 1’200 Franken. «Das Preisgeld ist vor allem eine Anerkennung für das fasnächtliche Engagement», betont Bruno Gisi von der MLG.

«Die Luzerner Fasnacht braucht beides», ist Gisi überzeugt. «Strassenfasnacht und Maskenbälle ergänzen sich gegenseitig.» An einem Ball könne man sich ganz anders präsentieren als auf der Strasse und nicht zuletzt spiele das Wetter dabei keine Rolle. Laut Gisi erwarte man am Güdismontag rund 800 Personen im Hotel Schweizerhof, wobei erfahrungsgemäss 40 bis 50 Masken an der Kür teilnehmen würden. 

«Über rückläufige Besucherzahlen können wir uns nicht beklagen», so Gisi weiter. Es scheine sogar so, dass jedes Jahr etwas mehr Leute kommen würden. «Diese alte Fasnachts-Tradition zu pflegen, liegt vielen am Herzen und wir bieten ihnen die Plattform dazu.» Neben dem «Goldig Grend» gibt es an der Luzerner Fasnacht immer wieder Versuche, das traditionelle Fasnachtstreiben neu zu beleben (siehe Box).

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