Kultur
Urban Frye zur Zukunft des Musikprojekts

«Das ‹Klanghotel› macht Pause, bis der Krieg vorbei ist»

Bis es wieder Frieden in der Ukraine gibt, geniesst Prostir oberste Priorität für Kulturproduzent Urban Frye. (Bild: zvg)

Während seines kurzen Bestehens war das «Klanghotel» ein Vorzeigeprojekt der Luzerner Kulturszene. Das Ziel ist es weiterhin, das Konzept an einem neuen Ort innerhalb einer Stiftung weiterzuführen. Doch bis es so weit ist, bleibt Initiator Urban Frye vom Krieg in der Ukraine absorbiert.

Das viel beachtete Musikprojekt «Klanghotel» in der Bergsonne auf der Rigi erfreute sich grosser Beliebtheit. In der Regel war es an den Wochenenden ausgebucht.

Hier halfen junge Musikerinnen und Musiker dabei, das Restaurant und Berggasthaus zu betreiben. Sie arbeiteten an der Rezeption, in der Küche sowie im Housekeeping als auch im Service mit und gaben jeden Abend ein kleines Konzert für die Gäste. So erhielten die Musikstudenten die Gelegenheit, ein Einkommen zu generieren, an ihren Fertigkeiten zu feilen sowie Konzerterfahrungen zu gewinnen. Und wenn der Betrieb wegen der Corona-Massnahmen geschlossen war, konnten sie an einem der schönsten Orte des Berges Ferien machen (zentralplus berichtete).

Knapp zwei Jahre lang war das Klanghotel in Betrieb. Ende 2021 war Schluss, weil es zwischen dem Pächter und den Besitzern zu keiner Lösung für die Sanierung des Gebäudes kam (zentralplus berichtete).

40 Studentinnen beherbergt

Schon bei seiner Eröffnung im März 2020 wurde das Haus durch die Corona-Pandemie in arge Nöte getrieben. Nur dank einem vielfältigen Solidaritätakt konnte der Betrieb trotz Einschränkungen so lange erhalten bleiben (zentralplus berichtete). Als die Pandemie abflachte, kam mit dem Krieg in der Ukraine die nächste Krise. Dieses Mal ist es der Projektgründer Urban Frye, der durch einen Solidaritätsakt das «Klanghotel» vorerst auf Eis legt.

«Unser Engagement kommt daher, dass wir diesen Kindern eine seelische Zukunft geben müssen.»

Kulturproduzent Urban Frye

Dank privater Gönner sollte das Klanghotel an einem anderen Ort weitergeführt werden. Das Ziel ist es, das Projekt zusammen mit der Luzerner «Musik-Box» und «Kunst-Box», den Wohn- und Arbeitshäusern für Musik- und Kunststudierende, in einer Stiftung zu vereinen.

Doch dazu kommt es vorerst nicht, weil Initiator Frye anderweitig absorbiert ist. Er sagt: «Das ‹Klanghotel› macht Pause, bis der Krieg vorbei ist.» Er setze derzeit seine volle Energie für die Unterstützung Ukrainischer Geflüchteter ein.

In den Häusern beherbergt er gegen 40 aus der Ukraine geflüchtete Kunst- und Musikstudierende. Alle können nahtlos ihr Studium an der Hochschule Luzern fortsetzen.

Ukrainisches Kulturzentrum in der «Kunst-Box»

Mit Hilfe dieser Studierenden und bereits in Luzern wohnenden Musikerinnen aus der Ukraine hat er, zusammen mit vielen Freiwilligen, im Haus «Kunst-Box» ein ukrainisches Kulturzentrum namens Prostir eingerichtet (zentralplus berichtete). Es bietet Räume für Begegnungen und Gespräche, Mal- und Kunstateliers, Ballett- und Lesesstunden für Kinder sowie Sprachkurse, Yoga, Gymnastik und weitere Aktivitäten für Erwachsene an.

Regelmässig werden Ausflüge organisiert und es gibt auch eine ukrainische Bibliothek für Kinder. Fast alle Aktivitäten werden von den geflüchteten Menschen selbst organisiert. Getragen wird das Zentrum vom Verein «Freunde der Musik-Box», dessen Geschäftsführer Frye ist.

Bis zum Ende des letzten Jahres war im Hotel Bergsonne auf der Rigi das «Klanghotel» beheimatet. (Bild: Elia Saeed) (Bild: )

Prostir solle einen Treffpunkt bieten, um es Geflüchteten zu ermöglichen, «ihre kulturelle Identität zu leben», erklärt Urban Frye. Der Luzerner Kulturproduzent hat selbst ein zehn Jahre altes Kind mit russischem Pass. «Mein Sohn Jakob spricht fliessend Russisch und geht jeden Mittwochnachmittag zur Russenschule, wo immer auch Kinder mit Wurzeln aus Weissrussland und der Ukraine unterrichtet werden.» Sein Sohn liebe seine Heimatstadt Sankt Petersburg und vor allem seine Babuschka, Urgrossmutter und Grossmutter, sowie seine Cousins.

Russischer Pianist kümmerte sich um Ukrainer

«Unser Engagement kommt daher, dass wir diesen Kindern eine seelische Zukunft geben müssen», sagt Frye, der durch seine Projekte eine solidarische Verbindung schaffen will. «Die Zukunft beider Länder liegt in den Händen dieser Kinder, die gemeinsam zueinander finden werden müssen.»

Der Verein «Freunde der Musik-Box» bezwecke die gemeinnützige Organisation von Konzerten, Meisterkursen und generellem musikalischen Austausch sowie die Förderung und Unterstützung von jungen Musikerinnen und Musikern.

«Wir hatten nicht die geringsten Konflikte. Das ist das Verdienst der jungen Leute.»

Schon vor dem Krieg gab es viele russische und ukrainische Musizierende im Klanghotel und der Musik-Box, erzählt Frye. Anders als an anderen Orten blieb es hier immer friedlich. «Wir hatten nicht die geringsten Konflikte. Das ist das Verdienst der jungen Leute». Es zeige sich, «dass über alle Grenzen hinweg die gegenseitige Solidarität hält. Das wurde auf der Bergsonne bereits gelebt.»

Im «Klanghotel» gab es Musikstudenten aus vielen verschiedenen Nationen. Urban Frye erinnert sich gerne an Momente zurück, als Palästinenser mit Israelis oder Kasachen zusammen mit Russen Musik spielten. Dabei erwähnt er den russischen Pianisten Artem Markarian, der viel in der «Bergsonne» auftrat und sich um die neu ankommenden Musikstudenten aus der Ukraine kümmerte. Im «Klanghotel» seien die Musikerinnen und Musiker zusammengewachsen – unabhängig von ihrer Herkunft.

Fürs «Klanghotel» geeigneter Ort gesucht

Derzeit hat das «Klanghotel» seine eigenen Aktivitäten komplett eingestellt. Alle Kräfte werden für die Unterstützung der ukrainischen Frauen von Prostir gebündelt. Diese werden beispielsweise an der Herbstmesse auf dem Inseli ukrainische Spezialitäten anbieten.

Ab September wird es in der ganzen Stadt Luzern verteilt wieder eine Konzertserie mit Musizierenden aus aller Welt geben. Frye ist es wichtig, dass es dabei zur Durchmischung der Auftretenden kommt – auch als Zeichen für den Frieden.

Es gebe viele Konzertanfragen. Vor allem sein Netzwerk öffne ihm hierbei viele Türen. «Der einzige Grund, weshalb wir das so schnell auf die Beine stellen konnten, liegt daran, dass wir bereits die Kontakte hatten.» Ähnlich war es schon beim «Klanghotel».

«Die Marke ‹Klanghotel› besteht weiterhin», versichert Frye, «aber wir wissen nicht, wie es weiter geht.» Solange Krieg herrsche, «engagieren wir uns für unsere ukrainischen Leute». Die bestehenden Freundschaften liessen sich die jungen Leute nicht nehmen, erzählt Urban Frye mit viel Freude.

Er ist stolz darauf, mit seinen Projekten einen Friedensbeitrag leisten zu können und hebt die Leistungen der jungen Musikstudenten hervor. Für das «Klanghotel»-Projekt sei es weiterhin das Ziel, einen geeigneten fixen Ort zu finden. Doch bis es so weit ist, will er weiterhin seine volle Kraft für die ukrainische Kultur einsetzen.

Verwendete Quellen
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