Umgestaltet zu Pippi Langstrumpf

Darum gehört der Stadt Luzern eine kuriose Barbie-Puppe

Geschaffen hat diese «Pippi Barbie Langstrumpf» der Luzerner Künstler Martin Gut. (Bild: Martin Gut)

Die städtische Kunstsammlung beinhaltet rund 3500 Kunstwerke. Darunter eine Barbie-Puppe, die aussieht wie Pippi Langstrumpf und derzeit an einem dunklen Ort aufbewahrt wird.

Harry Kane ist ein Superstürmer: Er ist Kapitän und Rekordschütze der englischen Fussball-Nationalmannschaft und seit Sommer 2023 unter Vertrag beim FC Bayern München. Ein Fussballstar – dem gar ein Abbild aus Bronze gewidmet wurde. Doof nur, kriegt die Statue niemand zu Gesicht. Sie schlummert seit Jahren in einem Keller.

Wie Medien berichteten, gab der Londoner Stadtbezirk Waltham Forest die Statue, die umgerechnet rund 8200 Franken kostete, bereits 2019 in Auftrag. Ein Jahr später war sie fertig – ausgestellt wurde sie jedoch nie. Die Statue steht seither im Stadtkeller in London. Der Grund: Man habe keinen passenden Ort gefunden.

Das Magazin «Big Issue» hat nach fünf Jahren zumindest Bilder veröffentlicht, die zeigen, wie die Statue überhaupt aussieht:

Stadt Luzern besitzt rund 3500 Kunstwerke

Verstauben auch im Luzerner Stadthaus verborgene und mysteriöse Kunststücke? Antworten darauf hat Letizia Ineichen, Leiterin Kultur und Sport der Stadtverwaltung. Die Stadt Luzern begann in den 1930er-Jahren, Kunst mit Bezug zur Stadt zu sammeln. Im Rahmen der Kulturförderung ist das auch ein gesetzlicher Auftrag.

Die städtische Kunstsammlung umfasst mittlerweile rund 3500 Kunstwerke von über 1000 Künstlern – viele davon aus Luzern. Einige Werke können sich Luzernerinnen über eine Online-Sammlung digital anschauen. Viele von ihnen zieren auch Räume der Stadtverwaltung, städtische Büros sowie öffentliche Orte.

Barbie im Pippi-Langstrumpf-Gewand

Eines der Kunstwerke, das der Stadt gehört: eine 29 Zentimeter grosse Barbie-Puppe. In Gestalt von Pippi Langstrumpf – dem frechen Mädchen mit den roten, waagrecht abstehenden Zöpfen aus der Kinderbuchreihe der schwedischen Schriftstellerin Astrid Lindgren.

Gestatten, «Pippi Barbie Langstrumpf. (Bild: Martin Gut)

Das Werk geschaffen hat Martin Gut, ein Künstler aus Luzern, der mit seiner Kunst mitunter irritiert, unterhält und zum Nachdenken anregt. Er steckt auch hinter dem «Erlebnisomat», der in der Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern zu testen ist (zentralplus berichtete). Derzeit zeigt der Künstler, der im Vorstand der «Visarte Zentralschweiz» ist und deren Ausstellungskommission leitet, eines seiner Werke im Kunstkabinett der Galerie Vitrine in Luzern.

Anders als die Harry-Kane-Statue döst die «Pippi Barbie Langstrumpf» jedoch in keinem Keller ihren Dornröschenschlaf. Denn zuhause ist sie im Sek-Schulhaus Ruopigen.

Dies, nachdem die Stadt die Barbie-Pippi 2019, nach einer Ausstellung in der Luzerner Kornschütte, angekauft hat. Zu einem Preis von 2300 Franken, wie Letizia Ineichen, Leiterin Kultur und Sport, weiss.

Gegen Schönheitsnormen

«Pippi Barbie Langstrumpf ist ein Plädoyer für starke, authentische, selbstständige und aktive Frauenvorbilder», schreibt der Künstler Martin Gut auf seiner Website.

Gut will mit seiner umgestalteten Barbie-Puppe Normen sprengen. Dass Rollenbilder sehr präsent sind, gerade bei pubertierenden Teenies, weiss Gut, der auch als Lehrer arbeitet, aus seinem Alltag. «Es ist teils extrem, wie Mädchen und Jungs Rollenbilder aufschnappen und diese kopieren», sagt Gut auf Anfrage.

Mit seinem 2017 entstandenen Kunstwerk brachte der Künstler zwei Frauenbilder zusammen, die auf den ersten Blick gegensätzlicher nicht sein könnten. Pippi Langstrumpf ist ein selbstbewusstes und freches Mädchen, das sich die Welt macht, «widewide wie sie mir gefällt». Sie verstellt sich nicht, bleibt sich selbst treu.

Ganz anders Barbie, die beinahe jedes unrealistische Schönheitsideal seit Jahrzehnten verkörpert: lange Beine, superschlanke Taille und hohe Wangenknochen. Ihren Ursprung hat Barbie übrigens in Luzern (zentralplus berichtete).

Mut zur Provokation

Martin Guts umfunktionierte Barbie-Puppe ist quasi ein Plädoyer dafür, dass jeder selbstbestimmt seine Rolle findet.

Letizia Ineichen schreibt, dass Gut als bedeutender Künstler gelte, der das regionale Kunstschaffen mitgestalte und präge. «Das Werk eröffnet Raum für Interpretation und Diskussion über gesellschaftliche Themen. Bei Gut fasziniert oftmals die künstlerische Freiheit und der Mut zur Provokation. Das Kunstwerk lädt dazu ein, über gängige Konventionen und Stereotypen nachzudenken.»

Provoziert gerne mit seiner Kunst: Martin Gut. (Bild: Martin Gut)

Still a man

Ein Pendant für Männlichkeitsvorstellungen und -bilder hat der Künstler ebenfalls kreiert. Mit «Stillman». Das Kunstwerk aus dem Jahr 2019, das mittlerweile in privatem Besitz ist, zeigt Batman sitzend auf einem weissen Sockel und eingehüllt in ein tiefschwarzes Cape und Rüstung. In seinen Händen hält er ein Baby, das er an seiner Brust stillt.

«Stillman» oder «still a man» – auf Deutsch «immer noch ein Mann». Auch damit will Gut traditionell männliche Rollenbilder hinterfragen:

Eine unerwartete Wendung

In der Stadt schlummern keine Kunstwerke im Keller – oder etwa doch? Gerne hätte zentralplus der Barbie-Pippi im Sek-Schulhaus Ruopigen einen Besuch abgestattet und sie fotografieren wollen.

Doch leider ist die Pippi mit der Glasvitrine zum zweiten Mal umgefallen, wie Schulleiter Sacha Furrer schreibt. Er wird deswegen mit der Stadt und dem Künstler Kontakt aufnehmen, um herauszufinden, wo das Kunstwerk wieder aufgestellt werden könnte. Wie es scheint, lebt Barbie Pippi unter Sekschülern gefährlich. Wo sie verweilt, bis ein neuer Standort gefunden ist?

Im Keller.

Verwendete Quellen
  • Schriftlicher Austausch mit Letizia Ineichen, Leiterin Kultur und Sport, Stadt Luzern
  • Städtische Kunstsammlung der Stadt Luzern
  • Telefonat mit Martin Gut
  • Website von Martin Gut
  • Schriftlicher Austausch mit Sacha Furrer, Schulleiter Sekundarschule Ruopigen
  • Wikipedia-Eintrag über Harry Kane
  • Artikel im «Tages-Anzeiger»
  • Artikel im «Big Issue»
  • X-Account (ehemals Twitter) von «Big Issue»
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