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Der Luzerner Künstler Martin Gut
«Dann bin ich halt der Verrückte, der nackt in die Natur geht»

  • Lesezeit: 5 min
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Martin Gut wird sein Kunst-Projekt nackt beginnen. (Bild zvg)

Splitternackt wolle Martin Gut sechs Tage und sechs Nächte in der Natur überleben, schrieb eine Gratiszeitung. Und der entsprechende Aufruf nach Unterhosen half: Inzwischen ist der Luzerner quasi bis an sein Lebensende damit ausgestattet. Und beweist so, dass sein Experiment funktioniert: Denn der Autodidakt braucht das Publikum, damit seine Kunst gelingt.

«Wenn die der Kunst darin besteht, viel Aufmerksamkeit zu erreichen, dann hast du es geschafft», schrieb ein Bekannter von Martin Gut als Reaktion auf seine Kunst-Aktion. Er hatte den Artikel über Gut im «Blick am Abend» gelesen, wo er, wohl dank dem Wörtchen «splitternackt» am Anfang der Pressemitteilung, erschien. Im Adamskostüm wolle er sechs Tage und Nächte in der Kälte verbringen und sein Experiment durchführen.

Um zu «überleben» ruft er die Bevölkerung auf, ihm mit Spenden in Form von Kleidung, Nahrung oder Geld zu helfen. Er hat kein Problem, sich nackt zu zeigen. «Dann bin ich halt der Verrückte, der nackt in die Natur geht.» Er ist ja auch der, der den Schriftzug des «Gütsch» vor dem Gütsch-Hotel als Werbung für seine Website missbrauchte. Damals packte er das «s» des Schriftzugs in schwarze Müllsäcke und so thronte «gut.ch» für 24 Stunden über der . Ein gelungener Streich. «Im Gegensatz zum aktuellen Projekt war dies eine reine Marketing-Aktion», betont er.

Ein Gesamtkunstwerk aus Blog, Video und Landart

Öffentliches Ärgernis wird er mit der Aktion kaum erregen, die Wiese gehört «König Bruno», ebenfalls Künstler, der dort den Mikrostaat Noseland gegründet hat. Darauf bietet er neben Schafen, der Kunst regelmässig Platz. «Total wirr und lustig», lacht Gut, der sowieso viel lacht und Spass an der Kunst hat. Lange muss er auf Noseland aber nicht nackt bleiben, sein Aufruf der im Blick zu der Schlagzeile «Gebt dem Mann eine Unterhose!» führte, wurde mehr als erhört – die zugesandten Stücke reichen quasi bis an sein Lebensende. Starten wird er aber trotzdem nackt, das gehört zum Projekt.

Sein Werk «Überleben» sei nicht kalkuliert, wie etwa die Gütsch-Aktion, sondern einfach passiert: Gut wurde für die Einzelausstellung im November auf Noseland angefragt. Anstatt ein Objekt mitzubringen, entschied er sich ein Land-Art Werk mit Material aus der Natur vor Ort in seiner natürlichsten Form, also nackt, zu schaffen. Da er dem rauen Novemberwetter ausgesetzt sein würde, kam der «Überlebens-Aspekt» automatisch hinzu und inspirierte Gut, die Bevölkerung miteinzubeziehen. Nur konsequent, findet er, schliesslich sei die Gemeinschaft in Überlebenssituationen etwas Wichtiges. 

Was dann passiert, kann er nur ahnen: Jedenfalls werde er «reagieren» und Gedanken zu Leben, Überleben, , Natur und Wohlstand in die Tastatur hauen müssen. Ein täglicher Blog, die Videodokumentation (je nach Spenden wird er sich einen Kameramann leisten können) und Landart-Werk sind alles fixe Bestandteile. Was für ein Landart-Werk er genau schaffen wird, lässt er offen. «Vielleicht etwas um den höheren Kräfte zu huldigen», erwägt er. Das Schlimmste, was passieren könnte, wäre vor der Aktion die Grippe zu bekommen.

«Ich bin Autodidakt und stehe dazu»

Gut macht gerne alles selbst: Vom Programmieren der Website, über die Gestaltung von Flyer, der Pressearbeit und der künstlerischen Arbeit. «Ich bin Autodidakt und stehe dazu», sagt er und fügt an: «Doch ohne die Leute würde das Werk nicht funktionieren.» Mit partizipativer Kunst kennt Gut sich aus, er hat bereits mehrere Werke geschaffen, wo das Publikum ein Bestandteil der Aktion ist.

Keine Kunst ohne Publikum

Zum Beispiel den «Artpriceomat», eine Kunst-Aktion, die mittels eines Publikumsvoting-Systems einen Kunstpreis an die Kunstschaffenden stiftet. Guts Kritik am Kunstmarkt. «Wenn mir etwas auf den Sack geht, mache ich Kunst», erklärt er seine Motivation. Eine weitere Kunst-Maschine ist der «Erlebnisomat», der gegen eine Münze Erlebnisanweisungen ausspuckt wie: «Wirf einen Stein auf eine Schweizerkarte und reise in die nächste Stadt, versuche dich dort als Strassenmusiker und übernachte mit dem Geld entweder in einem Hotel oder in der Notschlafstelle.» Guts Kommentar zu Zufall, Schicksal und Zeit. «Monotonie klaut Zeit», ist er überzeugt und bietet mit dem Erlebnisomat Auswege aus dem Alltag und «echte», statt virtuelle Erlebnisse.

«Ich habe keine allzu gute Meinung von der Kunsthochschule»

Der gebürtige Surseer kann zu 80 Prozent von seiner Kunst leben. «Ich brauche nicht mehr als 2000 Franken im Monat», sagt er. Er vermietet, hält Mandate, führt Aufträge aus. Von Grafik Design bis Auftragsmalerei oder konzeptioneller Kunst. Die Käufer seiner Werke sind vorwiegend weiblich und über 45 Jahre alt.

Ein «klassischer Künstlermagen»

Einen Tag pro Woche arbeitet er im Madeleine an der Bar, was auch erkärt, weshalb er den ersten Interviewtermin verschlafen hat. Für Essen gibt er nicht viel Geld aus «Ich habe einen klassischen Künstlermagen», sagt er auf den knurrenden Bauch angesprochen. Das heisst, an Vernissagen wird ordentlich zugeschlagen, ansonsten «wäre ich ein Kandidat für diese Ernährungstabletten», fügt er lachend hinzu und zieht an seiner E-Zigarette.

Für manche Kunsti-Abgänger ist er ein Vorbild: «Endlich mal einer der von der Kunst lebt und nicht dozieren muss», habe man ihm schon gesagt. An der Kunsthochschule war Gut nie. «Ich habe keine allzu gute Meinung von dieser Schule und sie hat wohl auch keine gute von mir», lacht Gut, der nach drei Anläufen in den Vorkurs aufgenommen wurde und dann nicht weitermachen durfte.

«Wenn mir etwas auf den Sack geht, mache ich Kunst»

Ein Problem hat er: «Zu viele Ideen», so viele, dass er stets an mehreren Werken gleichzeitig arbeitet. Und wohl genauso viel physisches Material – das Garagen Atelier könnte gut auch als Brocki durchgehen. Seine Inspiration kommt oft «aus Unfällen, die passieren». Auch in Zukunft will er kritisieren und dekonstruieren: Die Bücher für das Selbststudium zum Thema Kapital liegen schon auf dem Sofa. «Mich nervt, dass niemand eine Ahnung von Geld hat, es die Leute aber extrem beeinflusst.» Seine hochtragende Idee ist ist ein wissenschaftlich anmutendes Buch über ein neues Kapitalsystem, welches in Bezug zu Kunst und Innovation steht. Um dabei «nicht ins Messer zu laufen», studiert er Marx und Co. Ferien braucht Gut nicht. Er reist lieber im Kopf herum. 

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