Kultur

Luzerner Regisseurin stellt sich ihrer Vergangenheit
Burning Memories: Alice Schmid dreht Film über Missbrauch

  • Lesezeit: 5 min
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Die Luzerner Filmemacherin Alice Schmid begibt sich in ihrem neusten Film «Burning Memories» auf eine Spurensuche in der eigenen Vergangenheit. (Bild: zvg)

Mit «Die Kinder vom Napf» hat die Luzerner Regisseurin Alice Schmid ein herzerwärmendes Stück Schweizer Kinogeschichte geschrieben. In ihrem neuesten Dokumentarfilm «Burning Memories» betritt sie weniger idyllische Pfade – und stellt sich erstmals selbst ins Zentrum.

Rund 80’000 Schweizer Zuschauer haben sich mit den «Kindern vom Napf» auf den über zehn Kilometer langen Schulweg aufgemacht, waren dabei, als das «Mädchen vom Änziloch» zum ersten Mal verliebt war. Hinter diesen Dokumentarfilmen steht die Luzerner Regisseurin und Autorin Alice Schmid (70), die selbst im Entlebuch aufgewachsen ist.

Auch in ihrem neuesten Film «Burning Memories» beschäftigt sie sich mit einer Kindheit – ihrer eigenen. Um ein traumatisches Erlebnis daraus zu verstehen, verlässt sie die natürliche Idylle des Napfgebiets und die archaische Naturwelt des Änzilochs und sucht Antworten im fernen Afrika.

«Jetzt erzähle ich dir endlich, warum ich an meinem 16. Geburtstag aufgehört habe zu reden», heisst es zu Beginn des Filmtrailers.

Auf die Nacht folgt das Schweigen

Die 16-jährige Alice Schmid ist ein sportliches Mädchen, darf als einzige aus dem Dorf an einem Schwimmlager teilnehmen. Der Sportlehrer rühmt die junge Frau. «Er lud mich in sein Zelt ein. Ich verliess es erst am Morgen wieder», sagt die Filmemacherin. Nach dieser Nacht verweigert Schmid nicht nur die Schule, sondern auch die Sprache. Sie landet in einem Internat in Belgien, wo sie als Aupair-Mädchen arbeitet und auf Flüchtlingskinder aus dem Kongo trifft. «Ich hatte noch nie zuvor schwarze Kinder gesehen. Sie haben die ganze Zeit gesungen und geplaudert. Bei ihnen fand ich meine Sprache wieder», erzählt Schmid gegenüber zentralplus.

Was in jener Nacht im Zelt geschah, blendet sie jedoch völlig aus, sie vergisst es. Im Umfeld ist man froh, dass Schmid wieder spricht. Der Grund für ihr Schweigen? Egal. Die Spuren aber bleiben. Schmid leidet an Schlafproblemen, Depressionen und Angstattacken. Die Frage nach einem Missbrauch kommt zwar auf, wird von Schmid aber selber verneint. «Ich doch nicht, war meine Antwort, ich müsste es doch wissen.» Alice Schmid widmet sich später der Kunst, dreht nicht nur Filme, sondern schreibt auch Bücher. Ein Thema zieht sich aber konsequent durch ihr Schaffen.

Ein Bild als Auslöser

«Ich habe immer Filme über Kinder gedreht, denen Gewalt angetan wurde», sagt Schmid. «Ich habe mich nie gefragt, warum eigentlich.» Die Antwort findet sie während eines Museumsbesuchs in Oslo, wo sie das Gemälde «Pubertät» des Malers Edvard Munch sieht. Das Bild zeigt ein nacktes Mädchen auf dem Bett. «Da erinnerte ich mich schlagartig, was in jener Nacht geschehen war. Mir wurde klar, weshalb ich all die Jahre Filme über Kinder und Gewalt gemacht hatte.» Alice Schmid wurde in jener Nacht von ihrem Sportlehrer und im Beisein eines anderen Erwachsenen sexuell missbraucht.

«In Oslo war ich eigentlich mit einem anderen Projekt beschäftigt, aber diese Erkenntnis hat mich immer verfolgt, liess mir keine Ruhe.» Schmid beschliesst, das andere Projekt ruhen zu lassen und ihr traumatisches Erlebnis filmisch zu verarbeiten. Nicht um den Täter blosszustellen oder eine Biografie zu drehen. Ihre Geschichte dient als Ausgangspunkt für das Thema. «Es geht darum, das Thema aufgrund dieser Vorzeichen cineastisch zur öffentlichen Debatte in Bezug zu bringen.»

Der Auslöser: Das Bild «Pubertät» des Malers Edvard Munch.

Flucht in die Ferne

Als Schauplatz wählt sie aber nicht etwa ihre Heimat im Luzerner Hinterland, sondern Afrika. «Hier in der Schweiz konnte ich mich dem Thema nicht stellen», sagt Schmid. Darum ging sie nach Afrika, «zu den schwarzen Mädchen, bei denen ich damals meine Sprache wiedergefunden hatte».

Wie in ihrer Jugend hoffte sie auch hier, Antworten zu finden. In Kapstadt trifft sie sich mit der Kamerafrau Karin Slater, die sie über mehrere Wochen hinweg begleitet und die es Schmid nahelegt, selbst vor die Kamera zu stehen. «Erst wollte ich den Film aus der Sicht eines Kindes drehen, wie immer.» Slater habe ihr dann gesagt: «Das ist deine Geschichte und du musst sie erzählen.»

In den Wochen, die sie in Afrika dreht, läuft Schmid viel. Durch Wüsten, über Geröllfelder und endlose Strassen. Sie sortiert Gedanken, stellt sich unangenehmen Fragen – zu sich selbst, der eigenen Familie. Mit den Bildern im Gepäck setzt sich Schmid zurück in der Schweiz mit ihrer Cutterin und einem Dramaturgen an den Schnitt. Sie schreibt Texte, die im Film als Erzählerstimme über die Bilder gelegt werden.

Alice Schmid drehte mehrere Wochen in Afrika.

Filmpreis für die Musik

Ursprünglich wollte sie diese selbst einsprechen, entscheidet sich dann aber dagegen. «Meine Stimme passte nicht, mein Hochdeutsch war nicht gut genug und Mundart hätte die Vermarktung erschwert.» Fündig wird Schmid bei einer Bekannten aus einem Lesezirkel. «Sie hatte noch nie zuvor für einen Film gearbeitet, aber sie hat jeden Ton genau getroffen», erinnert sich die Regisseurin.

«Ich denke, mit 70 Jahren kann man den Mut aufbringen, sich seiner eigenen Geschichte zu stellen.»

Alice Schmid, Filmemacherin

Schmid spielte auch die Musik des Films auf einem Akkordeon ein. Ein Akkordeon, dass sie von ihrem Vater zum neunten Geburtstag als Geschenk bekommen hat. «Auf meinen Reisen als Filmemacherin rund um die Welt habe ich es immer dabei», sagt die Filmemacherin. «In der Wüste, während der Dreharbeiten, half es mir bei der Rückschau auf meine Kindheit und auf mein Leben.» Für die eigenwillige Filmmusik wird Schmid 2021 mit dem Schweizer Filmpreis ausgezeichnet. «Mein Vater hätte Freude an diesem Preis gehabt», sagt Schmid gut gelaunt.

Nach einer pandemiebedingten Verschiebung kommt der Film am 28. Oktober ins . Erste Reaktionen an Filmfestivals fielen positiv aus. «Es hat mich gefreut, dass Leute über ein so schweres Thema so leicht sprechen können.» Auch Alice Schmids Bruder hat den Film bereits gesehen. «Er fand ihn sehr mutig.» Gespannt ist die Künstlerin auch darauf, wie er in ihrer Heimat Romoos ankommen wird. «Ich bin offen, was kommt», so Schmid. «Aber ich denke, mit 70 Jahren kann man den Mut aufbringen, sich seiner eigenen Geschichte zu stellen.»

Der Film startet ab dem 28. Oktober in den Schweizer Kinos. Am 26. Oktober findet eine Premiere in Anwesenheit der Regisseurin im Kino Bourbaki statt. Ebenso wird der Film am 31. Oktober im Rahmen einer Sondervorstellung mit Alice Schmid, Pia Engler (Leiterin Haus Hagar und Kantonsrätin SP Luzern) und Noemi Grütter (Frauenrechts- und LGBTIQ-Koordinatorin bei Amnesty International Schweiz) gezeigt.

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