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Kultur ohne Koordination
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Das Papieri-Areal in Cham. Hier soll ein neuer Stadtteil entstehen. Welchen Platz dabei die Kultur einnehmen wird, ist allerdings (noch) ungewiss. (Bild: zvg)

Missmut über Nutzung des Chamer Papieri-Areals Kultur ohne Koordination

4 min Lesezeit 05.01.2016, 15:01 Uhr

In Cham gibt es weiterhin keinen Kulturbeauftragten. Dabei würde gerade das Grossprojekt auf dem Papieri-Areal eine optimale Gelegenheit dazu bieten, glauben lokale Kulturschaffende. Der Gemeinderat wählt aber eine andere Strategie.

Eine Schulkommission, eine Energiestadtkommission, eine Finanzkommission und gar eine Friedhofkommission: In Cham gibt es Anprechpersonen und -stellen für Anliegen jedweder Art. Eine Sparte bleibt allerdings ausgenommen: die Kultur. Zwar besteht eine Leistungsvereinbarung mit Cham Tourismus. Aber ein Kulturbeauftragter, der sich explizit um das kulturelle Leben in Cham kümmert, existiert nicht.

Nicht alle Kulturschaffenden aus Cham können dies verstehen. So zum Beispiel Nic Baschung, Vorstandsmitglied des Vereins «KulturCheckin». Er bedauere, dass es in der Gemeinde noch immer keine «verantwortliche Stelle» dafür gibt. Deshalb reichte der Verein im Oktober 2015 eine Interpellation ein und wollte vom Gemeinderat wissen, was diesbezüglich im Tun sei.

Platz für einen neuen Stadtteil

Im Oktober 2013 wurden insgesamt vier Planer-Teams damit beauftragt, Konzepte zu erstellen, wie das Papieri-Areal im Siedlungsgebiet der Einwohnergemeinde Cham künftig genutzt werden könnte. Dies unter Berücksichtigung der Zielsetzungen und Fragestellungen, die vorgängig gemeinsam mit der Bevölkerung anlässlich verschiedener Workshops formuliert wurden.

So erhielten die Teams die Aufgabe, auf dem rund elf Hektar grossen, historischen Industrieareal ein neues, durchmischtes Wohn- und Arbeitsquartier zu entwerfen. Weiter galt es, Aspekte wie die Dichte und Bebauungsstruktur, Etappierung und Zwischennutzung, den Nutzungsmix, Freiraum, Verkehr sowie die Erschliessung in Einklang mit den Bedürfnissen der Einwohnergemeinde Cham und der Grundeigentümer zu berücksichtigen.

Das rund 120’000 Quadratmeter grosse, historische Fabrikareal im Zentrum von Cham soll künftig von der heutigen Industrie- und Gewerbezone in eine Wohn- und Arbeitszone umgewandelt werden. Ziel ist es, im Herbst 2016 die Urnenabstimmung über den Bebauungsplan – inklusive Umweltverträglichkeitsbericht sowie Bauordnungs- und Zonenplanänderung – durchzuführen.

Vernetzen und verorten

Seine Interpellation habe man zwar formell beantwortet, «aber inhaltlich sind wir nicht zufrieden», sagt Baschung. Der Gemeinderat antwortete nämlich, dass er an der bisherigen Praxis der Kulturförderung festhalten wolle. Das heisst: In Cham gibt es auch künftig weder eine Kulturkommission noch einen Kulturbeauftragten oder eine Kulturförderstelle.

«Cham ist kulturell im konventionellen Bereich gut bedient», sagt Baschung. «Es gibt Kultur in Cham. Was es hier aber nur am Rande gibt, ist urbane Kultur. Und diese wollen wir fördern.» Das KulturCheckin will Cham auch in dieser Hinsicht einen Schritt vorwärtsbringen. Die Stadt Zug beispielsweise habe ein Kulturleben, wie Baschung es sich auch für Cham wünsche. «Wir haben das KulturCheckin 2010 mit der Idee gegründet, Kultur in Cham zu vernetzen, zu verorten und einen Standort zu finden, an dem wir Kultur zusammenbringen können», erklärt er.

Vor nicht allzu langer Zeit hatte Baschung gute Gründe, diesbezüglich positiv in die Zukunft zu blicken. Der Chamer Gemeinderat der Legislaturperiode 2011 bis 2014 hat an der GV vom 9. Dezember 2013 über sein Ziel informiert, im Jahr 2015 eine Kulturkommission mit entsprechendem Budget einzusetzen. «Der ehemalige Gemeinderat machte uns Hoffnung auf eine Kulturkommission oder einen Kulturbeauftragten», sagt Baschung heute. «Doch der neue Gemeinderat hat sich in seiner Antwort dagegen ausgesprochen.»

Neuer Gemeinderat, neue Strategie

Georges Helfenstein, amtierender Gemeindepräsident von Cham, bestätigt zwar, dass der ehemalige Gemeinderat einer Kulturkommission positiv gegenüberstand. «Im Verlaufe des Jahres 2014 hat er jedoch beschlossen, dass die Frage der Einsetzung einer Kommission vom neuen Gemeinderat beantwortet werden soll.» Und dieser habe sich im Herbst 2015 vertieft mit dieser Frage auseinandergesetzt. Laut Helfenstein sprechen folgende Gründe gegen die Bildung einer Kulturkommission:

  • Der Gemeinderat wolle die zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel direkt den Kulturschaffenden und Vereinen zukommen lassen und nicht einen Teil davon für die Anstellung eines Kulturbeauftragten oder die Schaffung einer Kulturkommission einsetzen.
  • Er sei zudem der Ansicht, dass die weitere Vernetzung, Koordinierung und Stärkung der Kultur auf Gemeinde-Ebene keine direkte Aufgabe der Einwohnergemeinde sei, sondern weitgehend auf dem Engagement und auf der Initiative von Einzelpersonen und Vereinen aufbauen solle.
  • In Anbetracht des kantonalen Entlastungsprogramms und der hohen auf die Gemeinde Cham zukommenden Investitionen erachte der Gemeinderat eine deutliche Erhöhung der finanziellen Mittel für die Kulturförderung darüber hinaus nicht als sinnvoll.

 

Kultur auf dem Papieri-Areal?

Die Frage nach einem Kulturbeauftragten stellt sich insbesondere im Hinblick auf die Umgestaltung des Papieri-Areals. Schliesslich solle auf dem Fabrikgelände ein neues, durchmischtes Wohn- und Arbeitsquartier mit hoher Lebensqualität und regionaler Ausstrahlung entstehen (zentral+ berichtete). «Besonders für das Papieri-Areal wäre eine Vision, ein Leitbild und eine Begleitgruppe zu kulturellen und gesellschaftlichen Schwerpunktthemen zielführend», so Baschung. «Das Areal wäre eine riesige Chance.»

Richtprojekt Papieri – Nutzungsmix. Die graue Fläche soll für die öffentliche Nutzung (Kultur) zur Verfügung stehen.

Richtprojekt Papieri – Nutzungsmix. Die graue Fläche soll für die öffentliche Nutzung (Kultur) zur Verfügung stehen.

(Bild: zvg)

Namentlich das Langhaus hätte diesbezüglich eine Rolle spielen sollen. 2014 wurde dieses der Gemeinde als mögliches, kulturell nutzbares Objekt zur Übernahme in Aussicht gestellt. «Der damalige Gemeinderat war über die Vorstellungen und die Bestrebung der interessierten Gruppierungen im Bild», sagt Baschung. Offizielle Zugeständnisse seien keine gemacht worden, da das Objekt frühestens nach einer erfolgten Abstimmung in Gemeindebesitz komme. Dennoch: «Das Langhaus soll allen interessierten Gruppierungen vor allem für kulturelle Nutzungen zur Verfügung stehen, auch dem Verein KulturCheckin», so Baschung.

«Alle interessierten Kreise sollen die Möglichkeit erhalten, ihre Vorschläge und Ideen einzubringen.»

Georges Helfenstein, Gemeindepräsident Cham

Erst die Umzonung, dann die Nutzung

«Es wurde nie beschlossen oder kommuniziert, dass das Langhaus dem Verein Kulturcheckin als Standort zur Verfügung gestellt werde», bemerkt Gemeindepräsident Helfenstein. Demgegenüber habe der jetzige Gemeinderat beschlossen, dass mit einer öffentlichen Ausschreibung Ideen für die zukünftige Nutzung des Langhauses gesucht werden sollen. «Damit sollen alle interessierten Kreise die Möglichkeit erhalten, ihre Vorschläge und Ideen einzubringen», erklärt er.

Zwar keine Kulturkommission, aber eine «Kommission Langhaus» unter Leitung von Gemeinderat Rolf Ineichen erarbeite aktuell einen Vorschlag für die Ausschreibung, fügt Helfenstein an. «Allerdings kann der Gemeinderat die eingegangenen Vorschläge erst nach einer allfälligen Umzonung des Papieri-Areals prüfen.»

Nic Baschung bleibt nun nichts anderes übrig, als abzuwarten. Das Langhaus wird als Projekt ausgeschrieben, und man kann sich mit Konzepten bewerben. Er sei aber nicht frustriert, betont er. «Wir schauen jetzt, was im Bereich des Machbaren liegt.» Die Ausschreibung für allfällige Nutzer des Langhauses kommt wohl im ersten Quartal 2016. Das ganze Projekt wird voraussichtlich diesen Herbst an die Urne kommen.

Das Richtprojekt aus der Vogelperspektive.

Das Richtprojekt aus der Vogelperspektive.

(Bild: zvg)

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