Jetzt Community-Mitglied werden und profitieren!
Kultur – mit oder ohne Bratwurst
  • Kultur
Catherine Hutt, Mario Lütolf, Jonas Wydler, Benedikt von Peter und Ronja Enzmann (v.l.n.r.) (Bild: jal)

Luzern diskutiert über Trend zu Events Kultur – mit oder ohne Bratwurst

4 min Lesezeit 10.09.2019, 22:46 Uhr

Immer mehr Anlässe finden im öffentlichen Raum statt. Das belebt die Stadt, gefällt aber nicht allen. Gibt es zu viele Events? Zu viel Kommerz? Zu wenig Anerkennung? Fragen, die zentralplus an einem Podium mit Kulturschaffenden und einem Vertreter der Stadt diskutierte.

Luzern gilt als Kulturstadt. Immer mehr Veranstaltungen erobern dabei die Strassen. Freilichttheater, Blue Balls Festival, Open Airs, Quartierfeste und insbesondere auch das Luzerner Theater – aktuell mit dem «Besuch der alten Dame» und der dazugehörigen «Café-Bar Güllen» in der Box.

Genau dort diskutierte zentralplus am Dienstagabend über solche Entwicklungen und ihre Bedeutung. Wie beleben sie den öffentlichen Raum in Luzern? Gibt es zu viele oder zu wenige Anlässe draussen? Und was ist vom Trend hin zu Events zu halten?

Unterstütze Zentralplus

Unter der Moderation von zentralplus-Redaktor Jonas Wydler debattierten Benedikt von Peter (Intendant Luzerner Theater), Catherine Huth (Kulturschaffende), Ronja Enzmann (B-Sides) und Mario Lütolf (Stadt Luzern).

Raus mit der Kultur – aber richtig!

Dass mehr läuft in der Stadt, bestätigte Mario Lütolf. Was im öffentlichen Raum passiert, muss über den Tisch des Leiters Stadtraum und Veranstaltungen. Musste die Stadt noch vor 15 Jahren erst 300 bis 400 Anlässe koordinieren, seien es inzwischen rund 1’200 pro Jahr.

«Das ermöglicht, alte Stoffe, zu denen viele Leute keinen Zugang mehr haben, mit dem Alltag der Menschen zu verbinden.» 

Benedikt von Peter, Intendant LT

Wieso gibt es überhaupt diese Entwicklung? Muss es immer so originell sein? Kann man nicht mehr einfach ein normales Programm machen?

Doch, kann man. Darin waren sich alle einig. Aber man tut es nicht, weil mehr möglich ist. An anderen Orten geschehen andere Dinge, sagte Benedikt von Peter und erwähnte die Aufführung der Oper Rigoletto in der Viscosistadt als Beispiel. «Das ermöglicht, alte Stoffe, zu denen viele Leute keinen Zugang mehr haben, mit dem Alltag und den Räumen der Menschen zu verbinden.» 

Auch wenn das oft anstrengend sei. Bei der Premiere des «Besuchs der alten Dame» letztes Wochenende beispielsweise seien plötzlich 30 Japaner zwischen ihm und dem Publikum gestanden, erzählte er und sorgte damit für Schmunzeln in den Reihen.

Was unterscheidet Events von Kulturanlässen?

Es sei wie im Mittelalter, sagte Benedikt von Peter. «Da hat sich alles in der Öffentlichkeit zugetragen.» Offensichtlich bestehe auch heute ein Bedürfnis, sich mehr zu treffen.

Diesen gesellschaftlichen Aspekt mochte in der Runde niemand per se negativ werten. Sich begegnen, eine gute Zeit haben, das sei ja im Grunde eine schöne Sache.

«Wichtig ist, dass jeder etwas mit nach Hause nimmt – und sei es nur als Ort, wo er ein inspirierendes Gespräch hatte», sagte Ronja Enzmann vom B-Sides. Das Open Air ist wie ein jährliches Klassentreffen der Luzerner Kulturszene. Natürlich versuche man viel, um Inhalte zu vermitteln, erklärte sie.

«Die Ausgangsform muss die Kunst sein.»

Catherine Huth, Kulturschaffende

Man könne aber nicht steuern, was die Leute denken, ergänzte von Peter. Gleichwohl war für ihn klar: Die Location ist mehr als nur der zufällige Ort des Geschehens. Es gehe um Räume, wo der Zuschauer staune und etwas finde, das er nicht dort vermutet hätte.

Dem stimmte Catherine Huth, die im Vorstand der Zwischennutzung NF49 am Seetalplatz tätig ist, zu. «Kultur muss mehr sein als nur erleben. Die Ausgangsform muss die Kunst sein und nicht einfach ein Event, damit möglichst viele Leute hingehen – und damit sie das tun, noch eine Bratwurst bekommen.» Als positives Beispiel nannte sie das Kraut-Festival, das Kunst an «unmöglichen Orten» in Luzern zeige – und es dadurch schaffe, dass die Menschen diese Orte entdecken.

Was fehlt?

Die Gesprächsrunde zeichnete insgesamt ein relativ harmonisches Bild, wie auch eine Besucherin aus Basel am Ende bemerkte. In der Stadt am Rheinknie sei es schon schwierig, zugunsten einer Veranstaltung für eine Strassensperre eine Bewilligung zu erhalten.

Das liege wohl an der Grösse von Luzern, meinte Mario Lütolf. «Wir sind wie ein grosses Dorf.» Alles sei sehr informell, sehr nah, bestätigte Benedikt von Peter.

«Ich wünsche mir mehr Raum zum Ausprobieren und mal Fehler machen.»

Ronja Enzmann, B-Sides

Und so überraschte kaum, dass auf die Frage, was in Luzern fehle, zunächst ein Schweigen folgte. Doch ganz so perfekt ist es dann doch nicht.

«Es fehlt ein neues Theater», sagte Benedikt von Peter kurz und bündig.

Mario Lütolf appellierte eher an das gegenseitige Verständnis: «Die Stadt lebt nicht davon, eine möglichst intensive Szene bei der Bespielung des öffentlichen Raums zu haben.» Das Gleichgewicht zwischen den unterschiedlichen Interessen sei zu garantieren.

«Dass noch öfter etwas entstehen dürfte, bei dem nicht von Anfang an klar ist, dass es gut kommen wird», wünschte sich Ronja Enzmann. «Mehr Raum zum Ausprobieren und mal Fehler machen.»

Für Belustigung war auch am Ende gesorgt. «Mir fehlt nichts, aber etwas mehr Geld wäre gut«, sagte Catherine Huth und spielte damit auf die Kulturförderung an. Aber das ist wieder ein anderes Thema.

Deine Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, musst Du auf zentralplus eingeloggt sein. Bitte logge dich ein oder registriere dich jetzt und profitiere von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Deine Meinung ist gefragt!

0 Kommentare