Künstler gehen freiwillig in Quarantäne – und wollen mit dir telefonieren
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Das Künstlerkollektiv Compagnie Trottvoir im Schaufenster der alten Markthalle in Basel. (Bild: Compagnie Trottvoir)

Luzernerin im Selbstversuch von Compagnie Trottvoir Künstler gehen freiwillig in Quarantäne – und wollen mit dir telefonieren

4 min Lesezeit 2 Kommentare 09.02.2021, 14:45 Uhr

Das Künstlerkollektiv Compagnie Trottvoir schliesst sich für zehn Tage freiwillig ein. So wollen die Beteiligten erfahren, wie es der Gesellschaft während der Coronakrise geht. Dazu haben sie eine Telefon-Hotline eingerichtet. Warum sie das tun, erklärt die Luzernerin Valeria Stocker.

Zu fünft, 80 Quadratmeter, 10 Tage: Das internationale Künstlerinnenkollektiv Compagnie Trottvoir hat sich am letzten Freitag freiwillig in Quarantäne begeben. Dazu hat sich das Kollektiv in der alten Markthalle in Basel eingerichtet, in einem Raum ohne Fenster. Einzig über zwei Schaufenster sehen die Künstler in die Markthalle. Wenn dort das Licht ausgeht, wissen sie, dass es 21 Uhr ist. Nur wer auf die Toilette muss, darf den Raum kurz verlassen. «Das fühlt sich jeweils wie ein kleiner Ausflug an», sagt die Luzernerin Valeria Stocker von der Compagnie Trottvoir.

Das Selbstexperiment bezeichnen die Künstler als «Recherche-Quarantäne». Doch warum tut man sich das freiwillig an? Es ist Mittel zum Zweck, erklärt Stocker. Die Mitglieder des Kollektivs, mit beruflichen Hintergründen aus Theater, Zirkus und Performance, leben in vier verschiedenen Ländern Europas. Seit Corona haben sie einander nur noch digital über Zoom-Meetings gesehen.

«Letzten Herbst haben wir dann entschieden, dass wir uns sehen wollen, wenn wir wieder zusammenarbeiten», sagt die 32-Jährige. «Die Konsequenz aufgrund der damaligen Coronasituation war: Wir gehen gemeinsam in Quarantäne!»

Hier kannst du mit dem Künstlerkollektiv sprechen

Das Künstlerkollektiv Compagnie Trottvoir ist noch bis am 13. Februar über eine Hotline erreichbar: täglich von 12 bis 14 Uhr und von 19 bis 21 Uhr über die Telefonnummer 078 211 23 89.

Später ist daraus die Idee des Projekts «Frequenz 21» entstanden. «Wir wollen nicht Big-Brother-mässig von aussen wahrgenommen werden, sondern wissen, wie es der Gesellschaft ringsum momentan geht.» Aus diesem Grund hat das Kollektiv eine Telefon-Hotline eingerichtet und lädt bis Ende dieser Woche täglich zum Anrufen ein (siehe Box).

Das Kollektiv ist auf Stimmenfang

Das Kollektiv hat zudem bereits fixe Termine für Telefongespräche abgemacht – beispielsweise mit einer Beratungsstelle für Sans-Papiers, einem Rapper, einer Scheidungsanwältin oder mit einer Oberärztin. Am Sonntag fand ein Austausch mit Kindern statt. «Alles Stimmen, die während der Coronakrise nicht immer gehört werden», sagt Valeria Stocker. So wollen die Künstlerinnen die verschiedensten Perspektiven aus dieser speziellen Zeit aufnehmen, eine Art Zeitzeugnis schaffen.

«Wir wollen nicht Big-Brother-mässig von aussen wahrgenommen werden, sondern wissen, wie es der Gesellschaft ringsum momentan geht.»

Valeria Stocker, Compagnie Trottvoir

«Wenn uns ein Mensch von seinen Sorgen erzählen will, darf er das natürlich gerne machen», sagt Stocker und stellt klar: «Wir sind aber kein Sorgentelefon.» Für den Fall der Fälle hat das Kollektiv Telefonnummern von Fachstellen zur Hand, die Unterstützung bieten können.

… und will so Nähe schaffen

Das Gespräch ist ähnlich einem Spiel aufgebaut. Das Kollektiv hat Fragen in verschiedenen Rubriken vorbereitet. Eine davon heisst beispielsweise «Party, Sehnsucht und Exzess», eine andere «Hoffnung und sonstige Wunder». Die Gespräche laufen also – je nach spezifischer Frage – ganz unterschiedlich ab.

«Bist du glücklich?», «Liebst du?» – diese und ähnliche Fragen stellt das Kollektiv. (Bild: Compagnie Trottvoir)

«In den letzten beiden Tagen haben sich bereits spannende und tiefgründige Gespräche mit Menschen ergeben. Stimmen, die uns berührt und inspiriert haben», sagt Valeria Stocker. «Ziel des Projekts ist es, in Zeiten, in denen die Menschen eine grosse Distanz zueinander haben, Nähe zu erzeugen. Oder zumindest ein Gefühl von Nähe.»

Öffentlicher Raum soll mit Stimmen bespielt werden

Wie fühlt sich das Kollektiv an diesem Montag, Tag 4 der Quarantäne? «Uns geht es gut, auch wenn wir es uns ruhiger vorgestellt haben», so Stocker. Die Zeit gehe extrem schnell vorbei. Nicht zuletzt deshalb, weil sich das Kollektiv viel Arbeit vorgenommen hat: Jeden Abend wird ein Podcast aus den geführten Telefongesprächen veröffentlicht.

Die Stimmen dienen dem Kollektiv als Recherche-Material. Daraus werden die Künstler ein Mosaik aus Stimmen kreieren und damit nächstes Jahr den öffentlichen Raum bespielen. Das Ganze wird als Co-Produktion mit dem Südpol in Luzern umgesetzt.

Nur über zwei Schaufenster sehen die Künstler in die Markthalle. (Bild: Compagnie Trottvoir)

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2 Kommentare
  1. Peter Bitterli, 12.02.2021, 18:00 Uhr

    Ich war eigentlich der Meinung, dass solcher Stuss uns in der nächsten Zeit erspart bleibt, weil sich die Buben und Mädchen eine Rente für‘s Nichtstun erjammert haben. Auf gar nichts mehr ist Verlass in der Jetztzeit.

    1. schüürchef, 14.02.2021, 07:01 Uhr

      ach peter…lass der kultur ihre freiheit….denk an deinen blutdruck…

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