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«Krisen kann man nicht aussitzen»
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Immer wieder war Emmen von Hochwasser betroffen. Der Gemeinderat ist sich bewusst, wie er in diesen Krisensituationen kommunizieren muss. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Was tun in brenzligen Situationen? «Krisen kann man nicht aussitzen»

7 min Lesezeit 08.09.2014, 05:00 Uhr

Wie gehen Luzerner und Zuger Gemeinden im Falle einer Krise an die Öffentlichkeit? Eine Umfrage bei den zuständigen Behörden zeigt: Immer mehr Gemeinden sind für brenzlige Situationen gerüstet. Kommunikationsberater Daniel Deicher zweifelt indes daran.

Ein Hochwasser, eine Schiesserei, ein politischer Skandal. Lokale Krisen und Katastrophen betreffen unterschiedlich viele Personen ungleich stark, zwingen Gemeinderäte aber immer zur Kommunikation. Zusätzlich lösen diese einschneidenden Ereignisse in der betroffenen Bevölkerung und in den Medien ein grosses Echo aus und stellen für die betroffenen Gemeinden eine seltene, aber ungemütliche Herausforderung dar. Rettungsaktionen müssen koordiniert, Informationen organisiert und die Öffentlichkeit orientiert werden. Plötzlich stehen lokale Behörden im nationalen Rampenlicht.

Nicht vergessen ist der Amoklauf in der Firma Kronospan in Menznau im Frühjahr 2013. Oder das Hochwasser in Emmen im August 2005, das grosse Schäden anrichtete. In der Nacht heulten damals die Sirenen. Die kleine Emme trat zwischen Wolhusen und Emmenbrücke über die Ufer, flutete Keller und riss Fahrzeuge, sogar ganze Strassen mit. 

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Viele Gemeinden seien darauf vorbereitet, solche Krisensituationen operativ zu bewältigen. Sie verfügten über Evakuationspläne, eine Feuerwehr und einen Gemeindeführungsstab. Gleichzeitig sagt der Luzerner Kommunikationsberater Daniel Deicher: «Bei der Kommunikation ist diese Vorbereitung bei den Gemeinden hingegen sehr unterschiedlich, oft sogar ungenügend.» Viele hofften, dass ein PR-Berater im letzten Moment das Steuer noch herumreisse. «Das ist nicht optimal. Krisenkommunikation muss vorbereitet sein. Dabei können Spezialisten für Krisenkommunikation Gemeinden und Städten einfach und effizient helfen», fügt Deicher an.

Ein medialer Skandal ereignete sich Ende November 2012. Die «Weltwoche» erhob schwere Vorwürfe gegen den damaligen Zuger Stadtrat und Finanzvorsteher Ivo Romer. Er soll das Vertrauen einer betagten Dame ausgenützt und von ihr mehrere Millionen Franken abgezweigt haben. Der übrige Stadtrat wurde vom publizierten Artikel völlig überrumpelt und rang in den folgenden Tagen um Worte und mit Entscheidungen.

Der Amoklauf in Menznau, das Hochwasser in Emmen und der «Fall Ivo Romer» in der Stadt Zug haben eines gemeinsam: Sie zwangen alle zuständigen Gemeindeverantwortlichen zur Kommunikation. Die Krisenkommunikation sei vom Risiko-Typ abhängig, sagt dazu Daniel Deicher. Bei einem Naturereignis stelle sich die Frage nach den personellen und politischen Konsequenzen viel weniger. In diesem Fall sei Kommunikation einfacher, als wenn einer Person ein Fehlverhalten vorgeworfen würde.

Sowohl in Menznau als auch in Emmen und Zug wurde die Krisenkommunikation der betroffenen Gemeinden einer harten Prüfung unterzogen. Wie sind sie heute aufgestellt? Verfügen sie über externe PR-Berater?

Wenige PR-Berater auf Abruf

Die Krisenkommunikation ist in Zentralschweizer Gemeinden unterschiedlich geregelt. Weggis, Sursee und Zug setzen externe Kommunikationsberater ein, die Gemeinderäte von Hochdorf und Baar kommunizieren eigenhändig und verschiedene vor allem grössere Gemeinden und Städte verfügen über fest angestellte Kommunikationsbeauftragte.

Solche können sich kleinere Gemeinden nicht leisten. Sie sehen entweder eine interne Lösung innerhalb des Gemeinderats vor oder ziehen in Ausnahmefällen einen PR-Berater bei. Zum Beispiel WeggisDer externe Kommunikationsberater entlaste die Gemeindeverantwortlichen zeitlich und verfüge über eigene journalistische Erfahrungen, sagt Gemeindepräsident Kaspar Widmer.

«Der PR-Berater bringt eine Aussensicht in die oft komplexen Prozesse ein.»

Kaspar Widmer, Gemeindepräsident Weggis

Im Zusammenhang mit der kürzlichen Räumung der Häuser im Gebiet Horlaui, aber auch bei anderen Projekten, arbeitet die Gemeinde mit dem externen ortsansässigen Kommunikationsspezialisten zusammen. «Er bringt eine Aussensicht in die oft komplexen Prozesse ein und kann sich auf die Medienarbeit konzentrieren, ohne direkt im Geschehen an der Front dabei zu sein», begründet Widmer das Engagement. Der Berater unterstützt die Gemeinde bei der Erarbeitung von Medienmitteilungen und im Aufbau einer Kommunikationsstrategie.

So stellt sich auch Kommunikationsberater Deicher die optimale Lösung für eine kleine Gemeinde vor: «Es ist ganz wichtig, dass der beigezogene Kommunikationsberater mit der Gemeinde und den Personen vertraut ist und nicht erst in der Krise beigezogen wird.»

«Es ist ganz wichtig, dass der beigezogene Kommunikationsberater mit der Gemeinde vertraut ist.»

Daniel Deicher, Kommunikationsberater

Der Stadtrat von Sursee verfügt seinerseits über verschiedene Anlaufstellen in Kommunikationsfragen. Er führte in diesem Jahr zusätzlich einen Workshop zu erfolgreicher Kommunikation mit einem Berater der Luzerner Journalistenschule MAZ durch. Stadtpräsident Beat Leu begründet dieses Vorgehen damit, dass «die Kommunikation in der heutigen Zeit komplexer und schneller geworden ist. Besonders auch an Behördenmitglieder werden höhere Anforderungen gestellt.»

Persönliche Kommunikation sei authentischer

Keinen Bedarf für einen PR-Berater haben die Gemeindepräsidenten von Hochdorf, Peter Huber, und Baar, Andreas Hotz. Sie vertrauen auf die eigenen Fähigkeiten. Wie Hochdorf kommuniziere, sei in einem Konzept festgehalten, sagt Peter Huber. Er fügt an: «Bis jetzt konnten wir die Kommunikationsaufgaben im Rahmen des Gemeinderates lösen.»

Auf einen PR-Berater greift der Hochdorfer Gemeindepräsident nicht zurück. Huber nennt dafür einen weiteren Grund, der für den eingeschlagenen Kommunikationsweg spricht: «Die persönliche Kommunikation ist authentisch und kommt beim Bürger an, auch wenn sie sich nicht immer geschliffen präsentiert.»

Keinen fixen Berater oder Kommunikationsbeauftragten hat auch die Zuger Gemeinde Baar. «Die Krisenkommunikation ist bei uns Sache des Gemeinderates und des Gemeindeschreibers», sagt Präsident Andreas Hotz. Diese beiden würden sich aber regelmässig über die Kommunikation austauschen. Der Gemeinderat ist derzeit der Meinung, dass ein Berater «nicht notwendig» sei.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, weshalb die Stadt Zug in «Fall Ivo Romer» trotz eigener Kommunikationsabteilung zwei Spezialisten engagierte.

Falsche Hoffnungen

Den Strategien von Hochdorf und Baar steht Daniel Deicher skeptisch gegenüber. Krisenkommunikationsspezialisten könnten Gemeinderäte richtig auf die Bewältigung von Krisen vorbereiten, sagt er. Sie verfügten über einen Aussenblick und könnten den verantwortlichen Politikern die Erwartungen der Bevölkerung aufzeigen. «Es ist sehr ratsam, wenn eine Gemeinde nicht erst in einer Krise Spezialisten beizieht. Wenn ich Gemeinden in ihrer Kommunikation begleite, identifizieren wir zusammen die Risiken und definieren, wie sie kommunikativ damit umgehen sollten. Das senkt das Risiko, dass die Gemeinde einen massiven Reputationsschaden erleidet.»

Deicher fügt an: «Liegt eine Krise einmal vor, muss der Gemeinderat kommunizieren. Krisen kann man nicht aussitzen. Eine Gemeinde muss Krisen aktiv managen, handeln und diese Handlungen der Öffentlichkeit auch kommunizieren. Wer nicht kommuniziert, wird kommuniziert.»

«PR-Berater besitzen keinen Zauberstab, mit dem sie alles ungeschehen machen können.»

Daniel Deicher, Kommunikationsberater

Die Gemeinden müssten sich aber auch eines bewusst sein: «Kommunikations-Berater besitzen keinen Zauberstab, mit dem sie alles ungeschehen machen können. Sie können aber den kommunikativen Umgang mit der Krise und mögliche Konsequenzen aufzeigen. Entscheiden muss der Gemeinderat in solchen Situation selber.»

«Müssen mit Überraschungen rechnen»

Die Gemeinden Cham, Ebikon und Emmen verfügen alle über eigene Angestellte, die alleine mit der Kommunikation beauftragt sind. «Die Kommunikation wird immer aufwendiger, komplexer, intensiver, sensibler und schneller», sagt Bruno Werder, Gemeindepräsident von Cham. Seit Mitte letzten Jahres beschäftigt die Gemeinde eine Kommunikationsverantwortliche. Der Grund dafür: «Wir müssen immer wieder mit Überraschungen rechnen», so Werder weiter.

«Wir müssen immer wieder mit Überraschungen rechnen.»

Bruno Werder, Gemeindepräsident Cham

Auch Ebikon beschäftigt mit Michael Zimmermann einen festangestellten Kommunikationsbeauftragten. Er sieht den Vorteil dieser internen Lösung darin, dass er selber sämtliche Geschäfte der Gemeinde kennt.

Krisenerprobtes Emmen

Emmen passte ihre Krisenorganisation im Zusammenhang mit der Verarbeitung des eingangs erwähnten Hochwassers im Jahre 2005 an. Mit aufgestellten Info-Tafeln in betroffenen Quartieren, der Verteilung von Informations- und Flugblättern, der Präsenz der Gemeinderäte vor Ort sowie dem Einsatz von Freiwilligen könne die Gemeinde jederzeit auf «bewährte» Instrumente zurückgreifen, sagt Präsident Rolf Born. Er fügt an: «Die Gemeinde bestreitet die Kommunikation in allen Lagen selbständig.»

Born verweist zudem darauf, dass die Mitglieder des Gemeinderates zum Teil selber in der Krisenkommunikation durch ihre Tätigkeit als Offiziere der Armee erfahren und ausgebildet seien.

«In Krisen muss meist unter Zeitdruck schnell und präzise entschieden werden. Das ermöglicht es nicht, zuerst externe Berater zu kontaktieren», so der Emmer Gemeindepräsident. Entscheidend sei immer auch, dass die Kommunikation nie im Alleingang erfolge. «Das 4-Augenprinzip trägt zur erfolgreichen Kommunikation bei.»

PR-Berater trotz eigener Kommunikationsabteilung

Auch die Kantonshauptstädte Luzern und Zug verfügen über eigene Medienabteilungen. Soweit er wisse, habe die Stadt Luzern in Krisenfällen aber noch nie einen PR-Berater zugezogen, sagt Kommunikationschef Niklaus Zeier. Weder beim Brand der Kapellbrücke noch bei der Mordserie in einem Betagtenzentrum. Zeier sagt: «Der Stadtrat fühlt sich genügend gut beraten.»

«Der Stadtrat fühlt sich genügend gut beraten.»

Niklaus Zeier, Kommunikationschef Stadt Luzern

Die Stadt Zug hat trotz eigener Kommunikationsabteilung beim «Fall Ivo Romer» aufgrund der brisanten Situation zwei externe PR-Berater konsultiert. Es habe sich damals um eine aussergewöhnliche Situation gehandelt, bei der eine neutrale Aussensicht sehr wertvoll gewesen sei, sagt Stadtpräsident Dolfi Müller. «Ausserdem hat der Leiter der Kommunikationsabteilung dieses Jahr punktuell die Dienstleitungen eines externen Beraters beansprucht, der geholfen hat, den Stadtrat auf Krisensituationen vorzubereiten.»

Kommuniziert Ihre Gemeinde aktiv? Sollte sie einen PR-Berater oder einen Spezialisten für Krisenkommunikation engagieren? Nutzen Sie die Kommentar-Funktion und schreiben Sie jetzt Ihre Meinung.

Daniel Deicher

Der Luzerner Daniel Deicher ist Kommunikationsberater und Medientrainer. Er arbeitet als Geschäftsführer der Firma smartquotes GmbH, die Behörden und Unternehmen in Kommunikationsfragen berät. Deicher arbeitete früher als Journalist und amtete als Stabschef der Direktion Umwelt, Verkehr und Sicherheit der Stadt Luzern. Er war zudem während sechs Jahren Leiter des Krisenstabes der Stadt Luzern.

Deicher ist zudem Dozent für Kommunikation an der Hochschule Luzern, an der Universität Luzern und an der Schweizerischen Richterakademie. Sein Spezialgebiet ist die Krisenkommunikation. Er ist Mitglied des Schweizerischen Verbandes für Krisenkommunikation. 

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