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Korintha Bärtsch: «Viele Frauen bedanken sich bei mir»
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Das Velo bedeutet für sie Freiheit und Lebensqualität: die grüne Regierungsratskandidatin Korintha Bärtsch.   (Bild: bic)

Was die Luzernerin im Regierungsrat bewirken will Korintha Bärtsch: «Viele Frauen bedanken sich bei mir»

10 min Lesezeit 1 Kommentar 02.05.2019, 08:00 Uhr

Korintha Bärtsch (Grüne), Marcel Schwerzmann (parteilos) und Paul Winiker (SVP) buhlen am 19. Mai um die beiden verbleibenden Sitze in der Luzerner Regierung. zentralplus fühlt den drei Kandidaten den Puls. Im Interview spricht die 34-jährige Grossstadträtin über ihre politische Erfahrung und weshalb sie bis in die Haarspitzen motiviert ist. 

zentralplus: Frau Bärtsch, Sie leben in einer WG. Wären Sie also die erste Regierungsrätin, die so wohnt?

Korintha Bärtsch: (lacht) Ja, ich wohne mit drei jungen Frauen in einer Wohnung in der Stadt Luzern. Ich mag diese Art des Zusammenlebens. Auch nach einer allfälligen Wahl würde ich weiterhin so wohnen.

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zentralplus: Wer ist in der WG die Chefin? Können Sie Ihre Anliegen jeweils durchsetzen oder ziehen Sie auch mal den Kürzeren?

rtsch: Bei uns sind alle gleichgestellt. Alle vier stehen voll im Leben und wohnen einfach zusammen, weil es Spass macht. Die drei anderen freuen sich, dass ich kandidiere und unterstützen mich voll. Falls es mal zu Unstimmigkeiten kommt, diskutieren wir das zusammen aus.

zentralplus: Ich frage, weil Sie im Regierungsrat mit vier Männern zusammenarbeiten müssten. Drei davon sind mindestens 20 Jahre älter als Sie und sitzen seit mindestens vier Jahren in der Regierung.

rtsch: Ich habe kein Problem, mit Männern zusammenzuarbeiten. In meinem Beruf als Umweltwissenschaftlerin habe ich mehr mit Männern zu tun als mit Frauen. In der Baukommission des Grossen Stadtrates, wo ich seit mehr als zehn Jahren Mitglied bin, war ich während vier Jahren die einzige Frau. Dort geniesse ich eine hohe Akzeptanz. Wie auch im Job kann ich meine Anliegen jeweils einbringen und sie werden wahrgenommen.

«Sicher müssen wir über eine integrierte Klimapolitik diskutieren.»

zentralplus: Das bürgerliche Komitee für «Verlässlichkeit und Kontinuität», das Schwerzmann und Winiker unterstützt, sagt, dass es für das Amt der Regierungsrätin vor allem Führungserfahrung braucht. Inwiefern bringen Sie diese mit?

rtsch: Ich habe viel politische Erfahrung, welche insbesondere die Zusammenarbeit zwischen den Parteien beinhaltet. Dabei habe ich viele Dinge angestossen, die letztlich zu tragfähigen und breit abgestützten Lösungen geführt haben.

zentralplus: Können Sie ein paar Beispiele nennen?

rtsch: Die aktuelle Diskussion über den Tourismus in der Stadt Luzern und die Parkierungsmöglichkeiten für die Cars. Ich habe entscheidend mitgewirkt, dass man das Ganze nun auf einer breiten Basis weiterentwickeln will (zentralplus berichtete). Aber auch das vereinheitlichte Vorgehen bei den städtischen Baurechtsverträgen geht auf meine Initiative zurück.

zentralplus: Wie würden Sie sich als grüne Regierungsrätin im bürgerlichen Gremium und beim Parlament durchsetzen? Es dürfte anders zu- und hergehen als in der links-grünen Stadt, wo sie in einigen Themenbereichen eine Mehrheit haben. 

rtsch: Ich habe absolut keine Berührungsängste und arbeite gerne mit allen zusammen. Ich trinke nach einer Sitzung auch gerne mal ein Bier mit Politikerinnen und Politiker der anderen Seite. Die anderen Perspektiven zu hören, finde ich enorm wichtig und interessant. Diese Erfahrungen erachte ich als sehr wichtigen Aspekt. Denn wenn ich meine Anliegen in der Regierung und beim Parlament durchsetzen möchte, muss ich es schaffen, Allianzen zu schmieden.

Ich bin zudem seit sechs Jahren Fraktionschefin der städtischen Grünen. Hier muss ich einen bunt gemischten Haufen von Politikerinnen und Politikern zusammenhalten, die sich gegenseitig nicht aussuchen konnten. Als ich beim Kanton arbeitete, habe ich zudem ein Team geleitet. Ich bringe Führungserfahrung, aber auch längere politische Erfahrung als beispielweise Marcel Schwerzmann mit, der mit 12 Jahren am längsten im Regierungsrat ist.

«Ganz wichtig ist, dass wir beim Luzerner Theater vorwärtsmachen.»

zentralplus: Als Vorsteherin einer kantonalen Direktion hätten Sie aber Hunderte von Leuten unter sich und wären für ein Budget von mehreren hundert Millionen Franken verantwortlich.

rtsch: Die jetzigen Regierungsräte hatten zu Beginn auch nicht die Erfahrung, die sie jetzt haben. Zudem kann man dies lernen, wenn man die Veranlagung dazu hat. Ich traue mir zu, dass ich mich stetig weiterentwickeln kann. Gleichzeitig gilt es auch zu bedenken, dass Führungserfahrung nicht gleichbedeutend sein muss mit Führungsqualität.

Und was das Geld betrifft: Als Parlamentarierin habe ich seit 14 Jahren eine Verantwortung über jährlich mehrere Hundert Millionen Franken. Denn es liegt ja am Parlament zu entscheiden, für was die Regierung das Geld ausgeben darf. Die Tragweite der Beschlüsse im Parlament ist folglich ähnlich gross, wie diejenige einer Regierungsrätin.

Korintha Bärtsch freut sich über ihr gutes Resultat.

Korintha Bärtsch freut sich über ihr gutes Resultat im ersten Wahlgang. Sie liess Finanzdirektor Marcel Schwerzmann hinter sich.

(Bild: bic)

zentralplus: Falls es mit der Wahl klappen sollte: Haben Sie ein Wunschdepartement?

rtsch: Mit meinem beruflichen Hintergrund würde ich gerne das Bau-, Umwelt- und Wirtschaftsdepartement (BUWD) übernehmen. Hier bringe ich viel fachliche Qualifikation mit. Zudem habe ich in der Stadt bei den Themen Bau, Verkehr und Stadtentwicklung bisher meinen politischen Schwerpunkt gelegt. In den letzten Jahren habe ich mich aber zunehmend zu einer Allrounderin entwickelt, gerade zuletzt habe ich mich auch stark mit Alterspolitik beschäftigt.

zentralplus: Wo sehen Sie im Kanton Luzern die grössten Herausforderungen?

rtsch: Sicher müssen wir über eine integrierte Klimapolitik diskutieren. Das heisst, dass der Kanton nicht nur ein Vorbild ist, was Photovoltaikanlagen auf den Verwaltungsgebäuden betrifft, sondern auch im Bereich Verkehr vorwärtsmacht und eine ökologischere Beschaffungspolitik betreibt. Denn hier hat der Kanton Luzern Nachholbedarf.

Ganz wichtig ist aber auch, dass wir beim Luzerner Theater vorwärtsmachen. Wir müssen nun entscheiden, ob wir eine Sanierung oder einen Neubau wollen. Dieser Meilenstein sollte in den kommenden Jahren erreicht werden.

Andererseits müssen wir bessere Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf schaffen. Dazu gehört ein Elternurlaub, der diesen Namen verdient. Ausserdem brauchen wir in der Verwaltung das Öffentlichkeitsprinzip. Der Kanton muss transparent sein.

«Die Streichungen der letzten Jahre bereiten mir Sorgen.»

zentralplus: Ein wichtiges Thema für die Linken, insbesondere im diesjährigen Wahlkampf ist natürlich die Sozialpolitik. Wo würden Sie hier den Hebel ansetzen?

rtsch: In der Sozialpolitik hat die Verlässlichkeit gegenüber der Bevölkerung stark gelitten. Der Kanton Luzern muss diejenigen Menschen unterstützen können, die darauf angewiesen sind. Das ist die Verantwortung unserer Gesellschaft und der Politik. Die Prämienverbilligung oder auch der Support für Menschen mit einer Behinderung, wie genug Betreuungsplätze oder das Tixi-Taxi, müssen wieder adäquat finanziert werden. Die Streichungen der letzten Jahre in diesem Bereich bereiten mir und der Bevölkerung grosse Sorgen.

zentralplus: Sie haben viele Visionen und Ideen. Wie wollen Sie diese finanzieren?

rtsch: Seit vielen Jahren hören wir diese Frage immer aufs Neue. Genauso wie die Äusserung, «das würden wir ja gerne machen, aber wir können es uns nicht leisten.» Diesen Satz möchte ich in den nächsten vier Jahren nicht mehr jeden Tag irgendwo vernehmen müssen.

zentralplus: Der Kanton Luzern war in den letzten Jahren nun mal nicht auf Rosen gebettet.

rtsch: Ja, da haben Sie durchaus recht. Die finanzielle Lage ist jedoch auch zu einem guten Teil selbstverschuldet. Trotzdem kann es nicht sein, dass wir uns ständig fragen müssen, ob und inwiefern wir es uns leisten können, Menschen zu unterstützen, die am Morgen nicht selber aufstehen und sich selbstständig anziehen können. Man kann nicht die Steuern immer mehr senken und gleichzeitig staatliche Leistungen streichen und höhere Gebühren erheben. Deshalb brauchen wir unbedingt Anpassungen bei der kantonalen Steuerpolitik.

zentralplus: Sie sprechen eine Vielzahl staatlicher Leistungen an. Welches Verständnis des Staates haben Sie grundsätzlich? Wofür soll er sein Geld ausgeben?

rtsch: Der Staat muss unser Zusammenleben so unterstützen, dass dies nicht auf Kosten zukünftiger Generationen geschieht. Hier wären wir wieder bei der Klimapolitik, wo der Staat Rahmenbedingungen festlegen muss. Ausserdem braucht es Vorgaben in der Wirtschaftspolitik, denn der freie Markt ist nicht immer das heilbringende Mittel.

zentralplus: Dann stellen Sie sich also gegen den freien Markt und dessen Errungenschaften wie unseren Wohlstand?

rtsch: Nein, ich teile auch eine liberale Grundhaltung. Das heisst aber nicht «laissez faire». Eine angemessene Umverteilung ist ein wichtiges Steuerungsinstrument.

«Wenn eine Region aufzeigt, dass ihre Bedürfnisse anders sind, ist das noch kein Bruch mit der Solidarität.»

zentralplus: Sie treten als Vertreterin der Stadt an. Welche Beziehungen haben Sie zur Luzerner Landschaft? Wissen Sie, was die Menschen dort beschäftigt?

rtsch: Ich habe beruflich regelmässig mit ländlichen Regionen zu tun. Unser Planungs- und Beratungsbüro erstellt regionale Entwicklungskonzepte, zum Beispiel auch für das Berner Oberland. Aus diesen Arbeiten weiss ich, dass die Herausforderungen in den ländlichen Regionen anders sind als in urbanen Gebieten.

zentralplus: Und wo sehen Sie die Herausforderungen im ländlichen Luzern?

Zur Person

Korintha Bärtsch ist in der Stadt Luzern geboren und aufgewachsen. Seit 14 Jahren politisiert die 34-Jährige im Luzerner Stadtparlament. Die studierte Umweltnaturwissenschaftlerin ist zudem seit sechs Jahren Chefin der Grünen-Fraktion und war Präsidentin des Luzerner Stadtparlaments. Sie arbeitet als Projektleiterin bei einem Beratungs- und Planungsbüro in Bern. Zuvor war sie als Teamleiterin bei der kantonalen Dienststelle Umwelt und Energie in Luzern tätig. In der städtischen Politik gilt sie als pragmatisch und konsensorientiert und geniesst über die Parteigrenzen hinweg Sympathien.

rtsch: Ein Thema ist natürlich die Abwanderung und damit verknüpft die Frage der Infrastruktur wie beim ÖV. Hier bietet uns die Digitalisierung viele Möglichkeiten. Ein Beispiel ist die App «Taxito», mit der man eine kurze Mitfahrgelegenheit organisieren kann. Erste Versuche im Luzerner Hinterland sind vielversprechend. Solche Ansätze muss man weiter ausbauen. Weiter sollten wir in den Zentren auf dem Land mehr Co-Working-Arbeitsplätze schaffen. Durch das Internet ist man vernetzt, man kann da arbeiten und sich den langen Arbeitsweg in eine Stadt sparen. Und man kann auch wieder vor Ort einkaufen. Das hilft gegen das Lädelisterben und die Abwanderung von Familien.

zentralplus: Im Kanton Luzern sprechen momentan viele von der Vertiefung des Stadt-Land-Grabens. Wie nehmen Sie diesen wahr?

rtsch: Ich finde es wichtig, dass man erkennt, dass es verschiedene Herausforderungen gibt, die nach unterschiedlichen Lösungen rufen. Letztlich sind wir aber ein Kanton, der am gleichen Strick ziehen will. Wenn eine Region aufzeigt, dass ihre Bedürfnisse anders sind, ist das noch kein Bruch mit der Solidarität. Wenn die Stadt vielleicht progressiver ist als das Land, sollte man nicht sagen, «jetzt hört doch mal auf und stellt euch nicht einfach quer». Umgekehrt gilt dies natürlich auch für die Landschaft.

«Eine linke Stimme in der fünfköpfigen Regierung führt nicht zu einer komplett anderen Politik.»

zentralplus: Lassen Sie uns nochmals übers Geld reden. Ihre Partei kämpft gegen den Steuer-AHV-Deal (STAF). Doch dieser würde dem Kanton Luzern jährlich rund 38 Millionen in die Kassen spülen. Was ist Ihre Meinung?

rtsch: Trotz den 38 Millionen erachte ich die Vorlage als falsch für das schweizerische Steuersystem. Denn unabhängig von den kurzfristigen finanziellen Vorteilen für Luzern, muss man die Vorlage in einen grösseren Kontext stellen. Als verantwortungsbewusste Bürgerin habe ich nicht nur eine Vision für den Kanton Luzern, sondern für die ganze Schweiz. Die aktuelle Vorlage kurbelt den Steuerwettbewerb unter den Kantonen jedoch weiterhin an. Wir haben aber auch ohne Sonderbesteuerung nach wie vor sehr tiefe Unternehmenssteuern in der Schweiz. Wohin sollten denn die Firmen ziehen?

zentralplus: Was wäre dann Ihre Alternative?

rtsch: Die Steuerbefreiung für Statusgesellschaften muss aufgehoben werden. Dies ist auch möglich ohne Schaffung neuer Steuerschlupflöcher wie Patenbox oder andere Abzüge. Wechseln diese Gesellschaften den Status hin zur normalen Besteuerung, so können sie schon heute fünf Jahre lang stille Reserven aufbauen und damit ihre Steuerbelastung optimieren. Das muss als Instrument genügen.

zentralplus: Dann würde es mit Ihnen in der Regierung also eine andere Politik geben als die jetzige, die den Steuerwettbewerb als Fundament betrachtet.

Bärtsch: Eine linke Stimme in der fünfköpfigen Regierung führt nicht zu einer komplett anderen Politik. Sie führt aber sicher zu breiteren Diskussionen und dementsprechend auch zu tragfähigeren Lösungen. Ich könnte mal eine Frage in den Raum stellen, auf welche die anderen vielleicht gar nicht kommen würden. Momentan ist es für den Regierungsrat obsolet, eine linke Ansicht nur schon zu diskutieren.

zentralplus: Und was würde anders, wenn eine Frau im Regierungsrat sässe?

rtsch: Frauen haben oft einen anderen Blick auf die Dinge als Männer und stellen andere Fragen. Ich bin überzeugt, dass mit einer links-grünen und weiblichen Vertretung die Diskussion wieder sachlicher und der Ton weniger rau würde. Das gilt auch in der Diskussion zwischen Regierung und Parlament. Das heutige Hickhack führt zu politischem Stillstand und die Leute regen sich über die Politik auf. Ich hoffe, dass ich dem Gegensteuer geben könnte.

Lotto im Säli: Bärtsch und ihre Partei ziehen im Wahlkampf alle Register

zentralplus: Wie zuversichtlich sind Sie, dass es am 19. Mai klappt?

rtsch: Mein Resultat im ersten Wahlgang und die Dutzenden persönlichen Gratulationen geben mir enorm viel Energie und Schwung für den Schlussspurt. Nach dem ersten Wahlgang ist quasi ein Damm gebrochen. Viele unbekannte Leute kommen momentan auf der Strasse auf mich zu, um mir Glück zu wünschen.

Insbesondere viele Frauen bedanken sich bei mir, dass ich kandidiere. Die Partei wird mit Anfragen für Plakate überrannt. Auch von Leuten vom Land. Ob es klappt, wird sich zeigen. Ich persönlich denke, dass das Resultat deutlich ausfallen wird – entweder zugunsten der einen oder der anderen Seite.

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1 Kommentare
  1. Rosa Luxemburg, 02.05.2019, 13:30 Uhr

    danke zp fürs ausführliche interview!

    ich wünsch ihr viel drive und kraft im neuen amt. beides brauchts und viel geduld.