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Konzerte statt Konserve
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Ein Konzert live oder ab Konserve kann sich teilweise stark unterscheiden. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

«Luzern live» erleben Konzerte statt Konserve

5 min Lesezeit 09.01.2015, 05:00 Uhr

Vier Clubs in Luzern haben zu Beginn dieses Jahres eine Aktion gestartet, um mehr Leute ins Theater und die Konzerte zu locken. Es handelt sich dabei um ein Plädoyer für die Live-Unterhaltung. Doch Konserven lassen sich immer einfacher konsumieren: finanziell und im überfüllten Alltag.

Alle schwitzen, tanzen und brüllen dasselbe Lied zur Band auf der Bühne hinauf, alles klebt, Bier läuft die Kehle und den Rücken hinunter.

Gänsehaut, stille Melodien, Pärchen halten sich im Arm und wiegen im Takt, während die Mädchen in der ersten Reihe den Leadsänger oder auch wahlweise den Gitarristen anschmachten.

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Live ist doch alles noch etwas intensiver. Der Verein «Luzern live», besser bekannt als «Luli», bietet seit Anfang Januar eine Aktion als Plädoyer für Live-Erlebnisse. Dabei sind Schüür, Sedel, Südpol und Treibhaus. Schaut man sich im Januar ein Konzert oder Theater in einem der Clubs an, gibt’s ein Gratis-Ticket für eine weitere Veranstaltung (siehe Box).

Magere Phase

«Mit der Januarloch-Aktion wollen wir einfach einen kleinen Anschub leisten und die Eintrittsbarrieren vom Portemonnaie lösen», so Marco Liembd, Verantwortlicher für die Öffentlichkeitsarbeit des Südpol und von Luli. Trotzdem stellt sich die Frage, weshalb die vier Clubs eine solche Aktion starten. Denn gratis gibt es doch sonst nichts. «Es gibt die fetten und es gibt die mageren Jahren. Momentan empfinden wir, dass Live-Erlebnisse eher in der mageren Phase stecken», sagt Liembd. Konzerte und Theater könnten also mehr Zulauf vertragen. Liegt es an den Eintrittspreisen für die Veranstaltungen?

Thomas Gisler, Programmleiter der Schüür, bestätigt: «Die Ticketpreise sind tatsächlich gestiegen. Das hängt aber stark damit zusammen, dass Bands nicht mehr so viele Platten verkaufen. Sie verdienen ihr Geld durch Konzerte und dadurch steigen natürlich auch die Gagen.» Für die Musiker habe sich die Quelle der Einnahmen durch die Digitalisierung der Musikbranche verschoben. «Es hat eine Priorisierung von der Konserve zum Konzert stattgefunden.» Und das mache sich auch bei den Ticketpreisen bemerkbar.

Marco Liembd sieht auch eine weitere Schwierigkeit: «Andererseits liegt das sicher am Überangebot. Damit meine ich aber nicht das kulturelle Überangebot, sondern eher, dass wir heute alle immer auf Trab sind. Aus dem Bett, zum Job, über den Mittag die Krankenkasse wechseln, noch schnell was essen, wieder Job, Kinder von der Krippe holen, noch schnell ins Fitness und dann einfach noch vor dem TV in die Couch sinken.» Live-Erlebnisse hingegen brauchen dann noch den Kopf.

Doch ist die Situation problematisch? «Jein», meint Marco Liembd. Denn wäre es so dramatisch, würden die Clubs wohl ganz einfach auf Konzerte verzichten.

Es muss sich nicht immer lohnen

Gisler gibt dabei zu bedenken: «Oft ist der Ansatz von ‹sich lohnen› in der Kultur der falsche.» Kultur habe auch den Auftrag, den Menschen Neues aufzuzeigen. Doch was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht. Das sei sicher so, sagt Marco Liembd, «doch es geht ja auch darum, Inhalte abseits des Mainstreams zugänglich zu machen.» Wichtig sei vor allem, dass man als Veranstalter nicht drauflege. «Und schlussendlich hat jedes Haus Ende Jahr eine Zahl die übrig bleibt. Die ist dann rot oder schwarz. Es kann also auch mal eine Veranstaltung einen Verlust machen, sofern dieser von einer Nächsten wettgemacht wird», so Gisler.

«Ausverkaufte Konzerte brauchen heute schon einen tiefen Griff in die Gagen-Kasse.»
Marco Liembd, Kommunikation Luli

Theaterveranstaltungen seien noch einmal schwieriger, da die Zielgruppe kleiner ausfalle. Trotzdem kann Liembd für den Südpol sagen, dass die Theaterzahlen zufriedenstellend und auch das Musikbüro zufrieden sei. «Das ist aber nicht der Punkt: Es hat überall noch Potential nach mehr Publikum, welches dann eine Veranstaltung wirklich deutlich über den Break-Even hebt.»

Was zieht?

Die etablierten Partyreihen wie die Bravo Hits-Party in der Schüür, die Sedel-Toxic oder die Nacht im Südpol, seien wohl die Veranstaltungen, die am besten laufen. «Ausverkaufte Konzerte brauchen heute schon einen tiefen Griff in die Gagen-Kasse», denn dabei handelt es sich oft um sehr bekannte Bands.

So gehts

Wer im Januar ein Konzert oder Theater in einem Luli-Club besucht (Schüür, Sedel, Südpol, Treibhaus), erhält einen Gutschein für ein weiteres Konzert oder Theater, welcher den ganzen Januar in einem der anderen drei Luli-Clubs gültig ist.

Ausgenommen davon sind ausverkaufte Konzerte/Theater sowie Parties. Reserviert werden sollte trotzdem.

«Oft sind internationale Bands halt auch nur an bestimmten Tagen verfügbar», erklärt Liembd und Gisler bestätigt. Doch grosse Namen seien auch nie ein Problem, sagt Gisler. «Und bei weniger bekannten Bands waren Konzerte schon immer ein Risiko.»

Aber trotzdem gäbe es Veränderungen: «Früher gab es phasenweise Stilrichtungen, die extrem anzogen. Ska-Punk, dann kam Mundart-HipHop. Bei solchen Veranstaltungen war der Laden voll, auch wenn die Leute die Bands nicht kannten», erklärt Gisler. Heute sei das nur noch in ganz wenigen Bereichen so. «Metal- und Hardrock-Konzerte werden regelmässig gut besucht. Das ist ein treues Stammpublikum.» Aber allgemein seien die Besucherzahlen bei Konzerten heute mit weniger bekannten Acts einfach weniger einschätzbar. «Wir haben in der Schüür zum Beispiel kein grosses Stammpublikum, welches immer wieder kommt um Konzerte zu entdecken. Die Leute picken sich das heraus, was sie kennen und spannend finden.»

Marco Liembd betont deshalb: «Luzern bietet eine grosse Vielfalt an Live-Erlebnissen. Luli will ermutigen, diese Auswahl zu erleben». Es geht darum, einen Blick mehr ins Live-Programm der verschiedenen Clubs zu werfen. «Die Grenzen sind heute fliessender geworden. Was gilt als live? Auch ein Laptop kann als Instrument zählen», gibt Thomas Gisler dabei zu bedenken. Unter «Live» kann heute also auch ein DJ fallen.

Zuletzt soll die Aktion auch zeigen, dass die App «Luli» – welche mittlerweile über 3’000 Mal auf iPhone oder Android heruntergeladen wurde – die involvierten Clubs strukturell zusammengebracht hat: «Erst durch den regelmässigen Austausch über Luli ist eine Aktion wie ‹Luli stopft dein Januarloch› überhaupt erst möglich», erklärt Liembd. «Diese Aktion soll ein erster Test sein, was gemeinsam möglich ist. Gelingt uns dieser, ist die Januarloch-Aktion erst der Anfang von weiteren, gemeinsamen Projekten.»

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