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Kommt jetzt die Schul- und Lehrer-Rangliste?
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Charles Vincent, Leiter der Dienststelle Volksschulbildung, ist der Chef des Luzerner Bildungswesens. (Bild: zvg )

Kritische Reaktionen zu Luzerner Plänen Kommt jetzt die Schul- und Lehrer-Rangliste?

4 min Lesezeit 1 Kommentar 16.03.2018, 04:52 Uhr

Wenn eine Klasse künftig schlechte Testresultate liefert, wird das beim Kanton vermerkt. Kommt dies mehrfach vor, werden Massnahmen ergriffen. Beim Kanton spricht man von Qualitätskontrollen und Chancengerechtigkeit. Doch die Lehrer fürchten sich vor einem Ranking.

Heute ist es in der Sekundarschule üblich, den sogenannten Stellwerk-Test zu absolvieren. Die Resultate zeigen in erster Linie den individuellen Leistungsstand der Schüler. Die Resultate von Stellwerk 8 – also in der achten Klasse – geben zudem Aufschluss, welche Berufe für die Schulabgänger in Frage kommen. Bei Stellwerk 9 geht es darum, wie die Jugendlichen in der Berufsschule eingestuft werden. Das Spezielle am Stellwerk-Test: Er passt die folgenden Aufgaben laufend an die Ergebnisse der vorherigen Aufgaben an. Adaptives Lernen wird das Instrument genannt und war ursprünglich als Lernhilfe gedacht. 

Doch nun verfolgt die kantonale Dienststelle für Volksschulbildung weitergehende Pläne. «Wir werten die Ergebnisse von Stellwerk 9 neu kantonal genauer aus», bestätigt Charles Vincent, Leiter Dienststelle Volksschulbildung, Informationen von zentralplus. «Wir haben die Schulleitungen im Sinne der Transparenz Mitte Januar darüber informiert und auch auf ihre Aufgaben hingewiesen.»

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Schulleitungen sind gefordert

Der Kanton schaut also künftig genauer hin. Die Resultate werden gesammelt und gelistet. Gibt es bald ein Schul-Ranking? Vincent dementiert: «Es kommt weder eine Schul- noch Lehrpersonen-Rangliste.» Dies habe man den Schulleitungen auch so kommuniziert.

«Es ist auch im Sinne der Chancengerechtigkeit angebracht, dass allenfalls in einzelnen Schulen Massnahmen ergriffen werden.»

Charles Vincent, Leiter Dienststelle Volksschulbildung

In erster Linie liege es wie bisher an den Schulleitungen, die Resultate zu prüfen und bei Bedarf geeignete Massnahmen abzuleiten. Erst in zweiter Linie wird der Kanton reagieren. «Und zwar auch nur, wenn über drei Jahre grössere Abweichungen gegenüber dem kantonalen Durchschnittswert festgestellt wurden.» Die Schulleitungen können aber auch vorher von sich aus an uns gelangen, um die Ergebnisse zu interpretieren und allfällige Massnahmen zu besprechen.

Es geht auch ums Geld 

«Es geht darum, Schulen und Schulleitungen bei Bedarf zu unterstützen, wenn grössere Abweichungen vorliegen», erklärt Vincent. Doch ist es überhaupt möglich, die Schule in Flühli mit der Schule in Emmenbrücke zu vergleichen? Der Kanton habe die Aufgabe, eine vergleichbare Qualität in allen Schulen zu gewährleisten, entgegnet Vincent. Dass eine Klasse mit einem hohen Anteil an fremdsprachigen Schülern im Deutsch schlechter abschneide, sei eine Erklärung. Dies dürfe aber nicht als Ausrede hinhalten, wenn tatsächlich Probleme vorliegen. 

«Es ist auch im Sinne der Chancengerechtigkeit angebracht, dass allenfalls in einzelnen Schulen Massnahmen ergriffen werden, wenn die Ergebnisse von Stellwerk 9 über mehrere Jahre nicht zufriedenstellend sind», sagt Vincent. Die faktenbasierte Analyse sei für den Kanton auch ein Beweismittel, wenn etwa von einer Gemeinde mehr Fördergelder nötig wären beziehungsweise die zusätzlich vom Kanton zur Verfügung gestellten Mittel nicht spezifisch genug eingesetzt würden.

Schulen nicht eins zu eins vergleichbar 

Pirmin Hodel, Präsident Verband Schulleiterinnen und Schulleiter Kanton Luzern, kann der Offensive des Kantons zur Qualitätssicherung einiges abgewinnen: «Die Stellwerktests kosten, also sollten wir das Instrument auch optimal ausnutzen.» Von einem Ranking mag er nicht sprechen, schliesslich müsse man den durchschnittlichen Wert um zehn Prozentpunkte unterschreiten, damit die Dienststelle Volksschulbildung bei der Schulleitung nachfragt.

«Wir müssen jeden Fall situativ betrachten.»

Pirmin Hodel, oberster Luzerner Schulleiter

«Die Schulleitungen sind an diesen Resultaten interessiert, damit wir bei Problemen Optimierungen vornehmen können», sagt er. «Wir müssen jeden Fall situativ betrachten», sagt Hodel. Dass man die Gemeinden nicht eins zu eins vergleichen könne, sei logisch. «Bei einer sehr kleinen Schule ist das Resultat anders zu interpretieren als bei Brennpunktschulen, also Schulen mit einem hohen Anteil fremdsprachiger Kinder.»

Hodel ist Rektor in Willisau. Dort hat man die Lehrer noch nicht vollumfänglich informiert. «Ich kann mir vorstellen, dass einige im ersten Moment die Nase rümpfen werden», sagt er. Es sei jedoch wichtig zu erklären, dass es sich nicht um ein Überwachungs-Instrument handle. «Viel mehr soll dieses Ranking auch feststellen, wo Unterstützung benötigt wird.» Hodel sieht die Sache entspannt und will die Entwicklung nun gespannt weiterverfolgen.

Lehrer wollen genau hinschauen 

Fridolin Müller, Leiter Konferenz Sek I beim Luzerner Lehrerverband, sieht die Entwicklungen kritisch. «Wir werden sehr aufmerksam hinschauen», sagt er. Er hofft und fordert die Verantwortlichen auf, dass die heutigen Versprechen auch in der Zukunft eingehalten werden und keine Lehrpersonen- respektive Schulrangliste erstellt und geführt wird. «Hier sind besonders auch die Schulleitungen in der Verantwortung.»

Durch das genauere Auswerten der Stellwerkergebnisse 9, die eben auch als Qualitätsindikatoren einer Schule dienen könnten, erhalte dieser Test einen neuen Charakter. Das Stellwerk 8 dient als diagnostisches Förderinstrument für Schüler im 9. Schuljahr. Dies mache auch Sinn, so Müller. «Und zu was dient das Stellwerk 9 neu – für eine Qualitätskontrolle der Lehrpersonen?» Dies war nie Ziel und Zweck und Absicht dieser Tests, meint Müller. «Wir werden sehen, wohin diese genauere Auswertung führen wird.»

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1 Kommentare
  1. Räto Leber, 18.03.2018, 04:25 Uhr

    Sie sind eben doch ein Überwachungsinstrument. Die Qualitätskontrollen. Kommen als Newspeak aus den Büros der höheren Angestellten im Bereich kantonaler Volksschulbefasster. Und sind die Folge der Kommodifizierung der Bildung. Alles wird verwert- und messbar, halleluja; aber Bildung besteht nicht vor allem aus den Steuerungswerten der normierten Aufgaben zuhanden des Herrn Vincent. Schulen sind verschieden. Je nach Standort. Und je nach dem Schülerinnenmix. Pisa verdeutlichte den Quatsch der normierten Waage unterschiedlicher Gewichtsklassen. Und Herr Vincent weiss das. Trotzdem beugt er sich als Bürokrat dem ökonomisierten Zeitgeist ausgehend von der OECD und der ihr angehängten Lehrindustrie. Vincent (und viele kantonal Chefveramtete schweizweit) folgen dem Diktat der Atomisierung der Bildung zur Metrisierung von “Kompetenzen” zwecks Vermessung der Synapsenaktivität von Lernenden und der Verschiebung der Verantwortung von den Lehrerinnen hin zu den Entwicklern des Lernsettings und den Schulleitern, die zum “guten Unterricht” trotzdem eigentlich nichts beitragen. Die beiden verbandeln sich mit einer Politik des mangelnden Sachverstands und zusammen unterminieren sie die Methodenfreiheit und ignorieren die von der Praxis geprägten Lackmustests der Reformen im Schulzimmer.

    Seit zwanzig Jahren circa werden die Schulen umgebaut und auch vermessen. Trotzdem können 20% der Schulabgänger einen durchschnittlichen Text kaum verstehen. Vom Französisch als Mittel zum Gespräch ganz zu schweigen. Und die MINT-Fächer glänzen vor allem in den Positionspapieren der einschlägigen Steuergruppen.

    Nach 45 Jahren unterrichten werde ich den Verdacht nicht los, dass weder die Schulentwickler noch die Kommunalpolitiker wirklich an Lösungen interessiert sind, denn da ist ein weites Feld zum lohnwirksamen und politischen Profil zeichnenden Furchenziehen mit den Pflügen der projektheischenden Dozenten der pädagogischen Hochschulen. Für viel Geld verbauen deren theorieverliebte Akteure Luftschlösser in der schulischen Landschaft und anschliessend fehlt das Geld bei den Lehrerinnen am Ende des Monats. IHR Gehalt steht in keinem Verhältnis zu dem, was sie für die Gesellschaft leisten!