Nackte Füdlis und kreischende Frauen

Mein erstes Mal im Stripclub

Was wohl Isa jetzt wieder umtreibt? (Bild: Mike Bislin)

Was tun in einer Grossstadt mit grenzenlosen Möglichkeiten? Richtig – man besucht eine Stripshow. In der neuen «Isa, garantiert kompliziert»-Kolumne fallen die Hüllen und die Kinnladen gen Boden.

Gitarre und Bass setzen ein – ausgerechnet zu jenem Lied, dessen Rhythmus perfekt für eine Herzdruckmassage sein soll. 103 Schläge pro Minute wummern durch den Raum und fünf Männer, die sich nackig machen werden, stehen auf der Bühne. Noch angezogen, unter dunkel-violettem Scheinwerferlicht, gehen sie in die Hocke.

«Well, you can tell by the way I use my walk
I'm a woman's man …»

Jetzt springen die Männer in die Luft und halten den rechten Arm in die Höhe. Die Scheinwerfer blitzen für den Bruchteil einer Sekunde grell und weiss, unter dem Pelzmantel eines Mannes vor uns lugen die Nippel hervor, sein Bauch ist stählern. Frauen kreischen, applaudieren – sie wollen mehr.

« … no time to talk
Music loud and women warm …»

Die «heisseste Show»

Ach. Berlin ist schön, Berlin ist wild. Das dachten meine Kollegin und ich vergangenes Wochenende auch. Was tun in einer Stadt, in der die Möglichkeiten grenzenlos scheinen und Rabattcodes dazu einladen, Neues zu erleben? Also beschlossen wir, Tickets für die «Sixx Paxx» zu kaufen – die «heisseste Show Europas».

Aus Versehen landet hier wohl niemand. Manche feiern einen Junggesellinnenabend: Ein letztes Mal fremde, nackte Füdlis betatschen. Andere feiern Geburtstag oder wollen ihren Liebeskummer vergessen. Nur ein einziger Mann sitzt in der Zuschauermenge – ansonsten sind es alles junge Frauen zwischen geschätzt 20 und 40 Jahren.

Talentiert: Mit nur einer Hand das Hemd aufreissen

Die Ausziehboys sind als Kens (Barbies Freund), Strassenfeger und Peaky Blinders verkleidet. Für ein paar Sekunden nur, denn Kleidung fliegt hier ständig. Ein leichter Handgriff – zack, das weisse Hemd ist offen. Mit nur einer Hand. Verrückt! Was sind das für Hemden? Gibt's etwa extra Stripteasehemden?

Man könnte sagen, die Show sei eine Mischung aus Tanzakrobatik, Musical und Breakdance. Eigentlich geht's aber nur ums Blütteln. Die Frauen sind begeistert, sie kreischen, stöhnen, pfeifen und toben.

Wer hier ist, kreischt – warum auch immer

Ich kreische mit. Wie automatisiert kommen diese «UUUH!»-, «Whuuuuuu-uiiiii!»-Laute aus mir, in immer höheren Oktaven und aufgedrehten Dezibelpegeln – manchmal schockiert, immer belustigt, einige Male sogar begeistert.

Anfassen ist ausdrücklich erwünscht. Immer wieder gehen die Stripper in die Zuschauermenge, um Frauen auf ihren Samtsesseln anzutanzen – oder sie auf die Bühne zu schleifen. Ein Tänzer steigt die Bühne runter, platziert sich breitbeinig vor seine Auserwählte – packt ihre beiden Hände, führt sie zu seiner Brust. Dann lässt er sie langsam hinuntergleiten. Bis zum Bauchnabel, packt ihre Hände und drückt sie auf seinen Po. Er gibt diesen Stripperblick von sich – der ausdrückt: «Ich bin-soooo geil und du findest mich so heiss». Kurz gesagt: den typischen «Fuckboy»-Blick.

Die Stripdollar im Dekolleté

Scheine fliegen keine auf die Bühne. Die holen sich die Stripper selbst ab – beim Eintritt konnten sich Besucherinnen mit «Stripdollar» eindecken. Dann stopfen sich die Frauen die Dollars möglichst auffällig in ihre Dekolletés. Oder sie haben sich ein blinkendes, pinkes Krönchen auf den Kopf gesetzt – auch dafür muss man ein paar Euros hinblättern.

Der Duschboy

«Baby, take off your coat
Real slow
And take off your shoes …»

Und plötzlich regnet es von der Decke. Tatsächlich: In einem Stripclub wie diesem – an anderen Abenden steigen Burlesque- und Drag-Shows – darf eine integrierte Regendusche an der Decke vermutlich nicht fehlen.

Jetzt schüttelt ein «Sixx Paxx»-Boy im weissen Bademantel sein Füdli auf der Bühne. Erst zieht er im Zeitlupentempo den Bändel weg, lässt Bademantel und Badetuch auf den Boden fallen – drei Minuten braucht er für das Spektakel. Andere schaffen das in fünf Sekunden. Der Duschboy rekelt und windet sich unter dem Duschstrahl.

«You give me a reason to live …»

Jetzt steht er nur noch im knappen Unterhöschen da – dieses knöpft er erst auf der einen, dann auf der anderen Seite auf. Spezielle Stripperunterhosen gibt's also. Es muss sie geben! Charmant und verschmitzt lächelnd hält er nun seine Hand vor sein Gemächt – denn das gibt es den ganzen Abend nie zu sehen.

Exgüsi, zu Hause warten die Büsis

Nach geschätzt 37 nackt gesichteten Füdlis und 22 weggeschleuderten Hemden neigt sich die Show dem Ende zu. Zweifelsohne: Es war witzig, die Stripper blieben charmant.

Viel mehr als auf nackte Füdlis freute ich mich auf Doris und Uwe. Die zwei Büsis aus unserer Airbnb-Wohnung.

Verwendete Quellen
  • Besuch an der Show
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