Warum analoges Dating noch mieser ist als Tinder

Ein ganzer Berg, reserviert für Singles – ab durch die Hölle

Was wohl Isa jetzt wieder umtreibt? (Bild: Mike Bislin)

Wie ist das so, mit Dutzenden anderen, geouteten Singles auf 2528 Meter über Meer festzustecken? Spoilerwarnung: ziemlich unangenehm. Die neue «Isa, garantiert kompliziert»-Kolumne.

Analoges Dating soll baaahnbrechend sein. So, wie sich einst unsere Grosseltern kennengelernt haben. Seriöser, ernsthafter, realistischer – mühsamer halt. So kam’s, dass mich eine Kollegin neulich fragte, ob wir ein Weekend in Davos verbringen wollen. Da gebe es Tickets für einen Event: Mit einer Gondel auf einen Berg, Gratisdrinks, Fondue, Nachtschlitteln und Afterparty – alles zusammen für 80 Stutz.

«Laaaadies-Weekend!», dachte ich, stupid, wie ich war und Meisterin des Verdrängens. Ich lud noch eine weitere Kollegin ein. Der Haken an der ganzen Sache: Der Event war nur für Singles.

«Hey, was isch dis Stärnzeiche?»

Tage später versammelte sich eine Horde Liebeshungriger bei der Talstation. «Wird bestimmt witzig. Und ungezwungen!», dachte ich, nur um mir Sekunden später vom Veranstalter ein Klarsichtmäppchen um den Hals legen und sagen zu lassen, dass immer zwei Frauen und zwei Männer sich die Gondel teilen müssen.

Im Klarsichtmäppchen enthalten: Nummer, Kugelschreiber und Kärtchen mit Aufgaben, mit denen wir mit anderen Singles «locker» ins Gespräch kommen sollten. «Hey, was isch dis Stärnzeiche?», beispielsweise. Denn die Aufgabe war: Einen gleichgesinnten Amateurastrologen finden, mit identischer Sternenkonstellation bei der Geburt.

Birchermüsli oder Deeptalk

Sie hätten sich «mega viiiel öberleid», erklärten die Veranstalter. So mussten alle Singles bereits im Voraus ihre Interessen angeben. Ich durfte preisgeben, ob ich eher an «Heiraten», «Herausforderungen» oder «Holzschnitzen» interessiert bin. «Deeptalks» oder «Birchermüsli» favorisiere. Meinen Freitagabend eher mit «Filzen» oder «Flamenco» verbringe, eher auf «Schmetterlingsbeobachtung» oder «innere Ruhe» stehe.

Die Tischzuteilung fürs Fondue überliessen die Verkuppler ebensowenig dem Zufall. Neben mich gesellte sich ein Mann – Dreitagebart und ganz nett –, der das ganze Spektakel genauso «cringe» fand wie ich. Jackpot! Das Caquelon vor uns war jedoch nicht für uns alleine. So gesellte sich mein Fonduegäbeli neben seines und jene von (angehenden) Psychologinnen – und solchen, denen eine Therapiesitzung gutgetan hätte.

Lieber an eine Hundsverlochete

So lauschte ich den Gesprächen von Männern, die ungefragt über die Körper von anderen anwesenden Frauen urteilten. Einer meinte: «Die zwei Fraue gsähnd us wie Schwöschtere – aber s’isch nur für eini es Komplimänt. Hi-hi!»

Ich sass an diesem Tisch, vor mir eine semiwarme, stinkige und gummige Käsemasse, umgeben von verzweifelten Singles und anstandslosen Männern. Scheinbar waren sich einige nicht zu schade, 80 Stutz in die Hand zu nehmen, um oberflächliche Sprüche rauszuhauen. Toll. Da wäre ich bei der räudigsten Hundsverlocheten in besserer Gesellschaft gewesen.

Ich wurde stocksauer. «Resting bitch face», Wein auf ex! Schliesslich stellte ich den einen Typen zur Rede, warum er nicht einfach zu Hause geblieben sei, wenn er hier nur über die Frauen herzöge. Da wäre es doch bequemer auf seinem weissen, mit Billigbier-befleckten Ikea-Kunstledersofa, auf dem er durch Tinder und Bumble swipen könnte. Seine «Voll fett»-Kommentare von sich geben könnte und wo man ihn nicht hören muss.

«Ah, hani voll nööööt so gmeint.» Das sei «voooooll falsch überecho imfall». Ob er mich und die anderen Frauen auf einen Drink einladen dürfe. Ich lehnte dankend ab. Kein Getränk dieser Bar wäre promillemässig imstande gewesen, ein Gespräch mit diesem Typen annähernd angenehm zu machen.

Ich überlasse es lieber dem Zufall

Zum Glück waren die Kufen der Schlitten scharf geschliffen. Ich schnappte mir meine Kolleginnen und wir bretterten den Hügel runter. Das Klarsichtmäppli warf ich in den Kübel. Die Afterparty war der Hit. Tanzen, Trinkspiele und lockere Gespräche auf der Tanzfläche – insbesondere unter Mädels. Das Datingdebakel wich einer gelösten Party.

Dating – ob online oder offline – ist einfach nichts für mich. Das habe ich eigentlich schon vor diesem Abend gewusst. Es ist mir zu erzwungen. Zu gesucht, zu künstlich. Ich bin der Meinung: Wir treffen im realen Leben nicht auf «Bumble-Boys», wie sie uns Dating-Apps vorschlagen. Genauso wenig, wie ich die Teilnehmer des Single-Schlitteln per Zufall kennengelernt hätte.

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