Klinik St. Urban: Erneute Gewalteskalation verschwiegen
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Luzerner Psychiatrie in St. Urban. (Bild: zvg)

Verhandlung am Kriminalgericht Luzern Klinik St. Urban: Erneute Gewalteskalation verschwiegen

5 min Lesezeit 4 Kommentare 17.09.2021, 05:00 Uhr

Ein Patient der Luzerner Psychiatrie (Lups) hat 2017 in der Klinik in St. Urban einen Mitpatienten so heftig zusammengeschlagen, dass dieser kurz darauf verstarb. Zwei Jahre später gab es wieder einen Angriff, der beinahe tödlich geendet hätte, wie sich nun zeigt. Kommuniziert hat die Lups dies nicht.

Der Angriff kam aus dem Nichts. Die Frau hatte geduscht, das Pyjama angezogen, ihre Medikamente genommen und sich ins Bett gelegt. Plötzlich schoss ihre Mitpatientin in der Klinik St. Urban aus dem Bett auf. Sie brach die Antenne des Radioplayers ab und stürzte sich auf die neben ihr schlafende Frau. Sie stiess ihr die Antenne in die Nase, kniff ihr in die Brust und biss sie. Dann stopfte sie ihr eine Frucht aus der naheliegenden Früchteschale in den Mund, zog ihr einen Plastiksack über den Kopf und drückte ihr den Hals zu. «Ich bekomme keine Luft mehr», schrie ihr Opfer. Und: «Ich muss sterben!» Es half nichts.

So schnell der Angriff begonnen hatte, so abrupt endete er. Plötzlich liess die Angreiferin von ihrem Opfer ab und verliess das Zimmer. Das Pflegepersonal merkte erst am nächsten Morgen, dass etwas nicht stimmte. Sie fanden die angegriffene Patientin blutüberströmt, nackt und zitternd vor Kälte im Badezimmer des Zimmers, wie aus der Anklageschrift der Luzerner Staatsanwaltschaft hervorgeht.

Die Angreiferin ist nicht schuldfähig

Die Angreiferin sagte später aus, sie wäre lieber in einem Einzelzimmer gewesen. Die Geräusche und die Hektik auf der Station hätte sie kaum ausgehalten. Das Verhalten ihrer Mitpatientin habe sie derart gestört, dass sie ausgerastet sei. Sie habe Stimmen gehört, die ihr «Mach sie kaputt» gesagt hätten. Sie habe einfach Ruhe gewollt.

Gemäss einem forensisch-psychiatrischen Gutachten leidet die Frau an einer bipolaren und zwanghaften Störung. Zum Tatzeitpunkt 2019 war sie psychotisch und nicht in der Lage, das Unrecht ihrer Tat einzusehen. Sie ist demnach schuldunfähig. Das ist der Grund, weshalb die Staatsanwaltschaft Luzern heute vor dem Kriminalgericht wegen der versuchten vorsätzlichen Tötung keine Bestrafung, sondern eine ambulante Massnahme beantragt.

Zwei Jahre zuvor starb ein Patient

Die Fallkonstellation erinnert stark an einen Vorfall, der sich 2017 in der Klinik St. Urban zutrug. Auch in jener Nacht rastete ein psychotischer Patient aus. Der Kampfsportler brachte einen betagten Mitpatienten um, weil er glaubte, dieser sei Satan (zentralplus berichtete). Nach dem tragischen Vorfall wurden zusätzliche Sicherheitsmassnahmen getroffen, um derartige Zwischenfälle in Zukunft zu verhindern.

zentralplus berichtete zuletzt im Januar 2020 über die Sicherheitssituation in der Luzerner Psychiatrie (Lups). Auffällig: Sprecher Daniel Müller wich der Frage aus, ob es seit 2017 nochmal zu einem Zwischenfall gekommen sei, bei dem Patienten verletzt worden sind. Er nannte auch trotz mehrfachen Nachhakens keine Zahlen. Und er verschwieg, dass nur wenige Monate zuvor beinahe wieder eine Patientin ihr Leben in St. Urban verloren hätte.

Warum informiert die Luzerner Psychiatrie nicht aktiv und transparent, wenn es zu derart gravierenden und gefährlichen Zwischenfällen kommt? «Einerseits gilt es im Behandlungsverhältnis und auch bei ausserordentlichen Zwischenfällen immer die Persönlichkeits- und Datenschutzrechte der Patientinnen und Patienten zu beachten», schreibt dazu Sprecher Daniel Müller in einer schriftlichen Stellungnahme. Bei laufenden Verfahren sei zudem grundsätzlich die Staatsanwaltschaft Auskunftsgeberin.

Böten Einzelzimmer mehr Sicherheit?

Der entstehende Eindruck, die Luzerner Psychiatrie habe die versuchte Tötung unter den Teppich gekehrt, ist aus seiner Sicht «nicht richtig und entspricht auch nicht unserem Selbstverständnis hinsichtlich einer korrekten, faktenbasierten und fairen Kommunikation».

Auffällig ist aber, dass es in beiden Fällen – und auch in einem ähnlichen gelagerten Zwischenfall in Zug – psychotische Patienten waren, die schwere Gewalt anwendeten. Stellt sich die Frage: Warum werden solche Patientinnen nicht grundsätzlich in Einzelzimmern untergebracht, nachdem es in den letzten fünf Jahren zu einem vollendeten und einem versuchten Tötungsdelikt gekommen ist?

«In besonders schweren Fällen kommen Intensivzimmer zum Einsatz, zum Beispiel dann, wenn sich Patientinnen und Patienten in einem Erregungszustand befinden.»

Lups-Sprecher Daniel Müller

Müller beantwortet die konkrete Frage nicht. Stattdessen macht er allgemeine Ausführungen zum Umgang der Klinik mit psychotischen Patienten. Die Behandlungen in der Luzerner Psychiatrie würden nach «modernen Standards» erfolgen und – wo immer möglich – in einer «offenen Atmosphäre mit möglichst hoher Selbstbestimmung der Patientinnen», schreibt er in der schriftlichen Stellungnahme.

Wohl niemand wünsche sich eine Psychiatrie wie in der Vergangenheit zurück, in welcher Patientinnen «häufig medikamentös ruhiggestellt und teilweise präventiv weggeschlossen wurden». Was dies mit der Frage nach der Unterbringung in Einzelzimmer zu tun hat, ist unklar.

Reizarme Umgebung dient der Beruhigung

Die pauschale Annahme, dass psychotische Patienten allein aufgrund ihrer Psychose eine Gefahr darstellten, sei jedenfalls falsch, so Müller. Akutabteilungen hätten schliessbare Bereiche, in denen aggressive Patientinnen, die das friedliche Zusammenleben krankheitsbedingt verunmöglichen, vorübergehend abgeschirmt und intensiver betreut werden können.

«In besonders schweren Fällen kommen Intensivzimmer zum Einsatz, zum Beispiel dann, wenn sich Patientinnen und Patienten in einem Erregungszustand befinden», schreibt Müller weiter. Die Lups verfüge zudem über einen hohen Anteil an Einzelzimmern, «so dass wir leicht irritierbare Patientinnen und Patienten in für sie reizärmerer Umgebung behandeln können». Wieso dies im Fall der obengenannten Patientin nicht gemacht wurde, obwohl diese nach eigenen Angaben lieber ein Zimmer für sich gehabt hätte, bleibt offen.

Es fehlt an Transparenz

Wer sich in eine psychiatrische Klinik begibt, sucht und braucht Hilfe. Die Patientinnen selber, aber auch ihre Familien verlassen sich darauf, dass sie dort sicher sind. Nur: Ist das in der Luzerner Psychiatrie der Fall? Ohne Zahlen zu kennen, ist das unmöglich zu beurteilen.

Deshalb hat zentralplus erneut die Frage gestellt, zu wie vielen Zwischenfällen mit körperlichen Übergriffen auf Mitpatienten es in den letzten fünf Jahren gekommen ist. Und obwohl Fallzahlen wohl kaum den Persönlichkeitsschutz einzelner Patientinnen tangieren würden, gab es dazu von der Lups keine Auskunft.

Müller schreibt dazu generell: «Verbale und bisweilen auch körperliche Aggression ist bei bestimmten, psychiatrisch meist schwer erkrankten Patientinnen und Patienten ein beinahe alltägliches Phänomen.» Schwerwiegende Gewaltereignisse kämen in der institutionellen Psychiatrie aber selten vor. Das gelte auch für die Luzerner Psychiatrie.

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4 Kommentare
  1. Strittmatter, 19.09.2021, 19:29 Uhr

    transparenz wäre/ist sicher besser und gut. alle (zusätzlichen)- massnahmen, wie einzelzimmer, fach-und pflegepersonal haben dann auch ein preisschild. was die frage wieder aufwirft; warum unsere spital -(klinik) – betreuungskosten so teuer und hoch sind. NIEMAND kann voraussehen wann sich so ein schrecklicher vorfall ereignet, ob zuwenig, genug oder auch zuviel personal eingeteilt ist. das sind zum glück ausnahmen. es soll nicht als rechtfertigung oder als entschuldigung gelten, doch handlungen und reaktionen von den verschiedenen formen von psychischen krankheiten können nicht vorher gesehen werden. das hören von laten atmen kann unter umständen jemanden so arg triggern, dass es zum unglück kommt. wir alle kennen doch diese emotionen.

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  2. Herbert, 18.09.2021, 15:20 Uhr

    Die Klinik hat zu wenig Personal.
    Ich kenne das aus Erfahrung.
    Personsl Sparen ist nicht der Korrekte Weg

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  3. Franziska, 17.09.2021, 07:40 Uhr

    Hm. Ich habe das Gefühl, dass hier zu wenig Hintergrundwissen über Psychiatrie im allgemeinen und Psychiatrische Kliniken im speziellen vorhanden ist. Dies erweckt bei mir einen eher tendenziösen Eindruck.

    Ich habe sowohl eine der Akutstationen sowie eine Spezialstation in St. Urban als Patientin selber erlebt. Von daher kann ich zumindest ein subjektives Bild zeichnen. Ich habe die Pfleger:innen und Therapeut:innen als kompetent und einfühlsam erlebt. Aber auch als nicht selbstverschuldet gestresst, insbesondere auf der Akutstation. Denn dort hat es die wohl schwersten Fälle, aber auch zu wenig Personal. Und zu wenig Platz bzw. «zu viele» Patient:innen! Wenn man selbst sieht und hört, wie sich heftige psychiatrische Störungen bei Menschen zeigen können, dann weiss man, dass es keine 100% Sicherheit geben kann, wenn man nicht in unmenschliche Zeiten zurück möchte.

    Eine Kritik habe ich aber dennoch: Einzelzimmer. Ich kann kein Verständnis aufbringen, weshalb es, insbesondere auf der Akutstation, nicht ausschliesslich Einzelzimmer gibt. Ich kann aus Erfahrung sagen, dass Zimmer mit mehreren Personen eher schädlich sind als nützlich (falls das überhaupt geht). Andere haben evtl. andere/bessere Erfahrungen gemacht. Mehrpersonenzimmer machen (vielleicht!) noch auf der D&S Station Sinn, aber auch da ist es fraglich, da Menschen vor allem Ruhe benötigen, um sich wieder erholen zu können.

    Eine konkrete Kritik am Artikel: Die explizite Erwähnung der Bipolaren- und Zwangsstörung der Angreiferin ist unglücklich. Denn das beschriebene Verhalten entspricht (wie später korrekt erwähnt) einer Psychose – und nicht einer Bipolaren Störung. Es fördert lediglich die Stigmatisierung und Vorurteile gegenüber Menschen mit einer Bipolaren Störung und Betroffenen mit psychischen Schwierigkeiten ganz allgemein. Der friedlichste Mensch, den ich persönlich kenne, ist auch Bipolar.

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    1. Redaktion Lena Berger, 17.09.2021, 08:34 Uhr

      Vielen Dank für den differenzierten Kommentar und die konstruktive Kritik. Es stimmt, der Artikel ist kritisch. Aber aus meiner Sicht nicht gegenüber der Arbeit, die in der Luzerner Psychiatrie geleistet wird, sondern gegenüber der Kommunikation. Ich fände es wichtig, dass transparent über gewalttätige Zwischenfälle informiert wird – zumal kleinere Zwischenfälle gemäss dem Sprecher der Lups für die Mitarbeiter:innen zum Alltag gehören. Es sollte kein Tabu sein, darüber zu sprechen. Wie sonst soll sich die Situation verbessern? Gerade wenn Sie sagen, es habe aus Ihrer Sicht in der Aktutstation zu wenig Personal. Wenn nicht darüber gesprochen wird, was das für die Pfleger:innen und Patient:innen heisst, dann entsteht auch kein Druck, sie besser zu schützen. Wobei es – wie geschrieben – schwierig ist, als Aussenstehende einzuschätzen, wie gravierend das Problem ist, wenn keinerlei Zahlen dazu veröffentlicht werden. Die zwei schweren Zwischenfälle in den letzten fünf Jahre lassen aber zumindest aufhorchen.

      Was den Hinweis betreffend die Diagnose angeht, so kann ich das Anliegen nachvollziehen. Es liegt mir fern, Menschen mit bipolaren Störungen zu stigmatisieren. Auf der anderen Seite finde ich es wichtig, den Leser:innen zu erklären, weshalb die beschuldigte Person nicht bestraft wird, sondern eine Therapie angeordnet wird. Und um das nachvollziehbar zu machen, scheint es mir nötig, das Gutachten wiederzugeben. Deshalb habe ich es erwähnt.

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