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Klimawandel: Wie man Fleischliebhabern Gemüse schmackhaft macht
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Wer das Klima schonen will, legt besser Gemüse als Fleisch auf den Grill. (Bild: Aura)

Luzerner Umweltpsychologin gibt Tipps Klimawandel: Wie man Fleischliebhabern Gemüse schmackhaft macht

7 min Lesezeit 1 Kommentar 25.07.2019, 05:00 Uhr

Katharina Kossmann weiss, wie man ökologisch lebt. Das Team um die Umweltpsychologin an der Hochschule Luzern gibt den Behörden Tipps, um Menschen aufs Fahrrad oder zum Fleischverzicht zu bewegen. Ein Gespräch über schlechte Kampagnen, irrationale Menschen und die Grenze zur Manipulation.

Jugendliche gehen auf die Strasse, die Grünen jubeln bei den Wahlen, der Luzerner Kantonsrat widmet dem Klima eine Sondersession: Inzwischen dürfte dem Hintersten und Letzten bewusst sein, dass die Erde ächzt.

Doch im Alltag durchgesetzt hat sich das Umdenken noch nicht. In der Schweiz wird nach wie vor eifrig geflogen, der Fleischkonsum geht nur langsam zurück. Ein Forschungsprojekt der Hochschule Luzern hat nun Empfehlungen erarbeitet, mit denen Menschen gezielter zu umweltfreundlichem Verhalten motiviert werden können.

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Katharina Kossmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Tourismuswirtschaft der HSLU und mitverantwortlich für die sechs Leitfäden. Die 29-jährige Umweltpsychologin erklärt im Interview, was es braucht, damit Menschen ihr Verhalten ändern und wann sie selber fast verzweifelt.

zentralplus: Katharina Kossmann, ich weiss, dass Fleischessen und Fliegen dem Klima schaden. Trotzdem verzichte ich nicht konsequent darauf. Was läuft falsch?

Katharina Kossmann: Damit sind Sie sicher nicht allein (lacht). Der Mensch ist von Natur aus ein Gewohnheitstier. Veränderungen bewirken Stress und können Ängste hervorrufen. Und gewisse Muster funktionieren im Alltag halt einfach so gut, dass man zu bequem ist, um sich anzupassen. Zudem haben viele Menschen eine sogenannte Verlustaversion, also eine Angst, etwas zu verlieren.

zentralplus: Angesichts dieser Bequemlichkeit und Befürchtungen: Können die Menschen etwas für den Umweltschutz tun, ohne dass sie Angst haben müssen?

Kossmann: Ich bin überzeugt, dass jeder seinen Teil beitragen kann, ohne dass es dem Einzelnen wehtut. Wenn jede Person auf eine Kleinigkeit «verzichtet», können wir schon viel erreichen. Einstein hat mal gesagt: Wer das Privileg hat zu wissen, hat die Pflicht zu handeln. Damit bringe ich viele Bekannte zum Nachdenken.

zentralplus: Wie bewegt man die Menschen konkret dazu, klimafreundlicher zu leben?

Kossmann: Zuerst braucht es Wissen. Wenn jemand über die negativen Folgen des Fliegens oder Mikroplastik im Meer liest, setzt sich etwas in Bewegung. Es braucht also einen äusseren Reiz, sei es ein Gespräch mit Freunden, ein persönliches Erlebnis oder ein Medienbericht.

«Wer weniger Fleisch essen will, muss wissen, in welchem Restaurant das Gemüse nicht nur Beilage ist.»

zentralplus: Aber das Wissen alleine reicht nicht.

Kossmann: Das ist so. Nur weil man weiss, dass Fliegen schlecht ist, verzichtet man nur ungern auf den Urlaubskomfort. Der grösste Teil der Bevölkerung unternimmt nicht die Anstrengung, das eigene Verhalten deswegen anzupassen.

zentralplus: Was braucht es dann?

Kossmann: Wir haben das anhand eines Vier-Phasen-Modells dargelegt. Es zeigt, dass man die Menschen je nach Phase, in der sie sich befinden, spezifisch ansprechen muss. In der ersten Phase, jener der Vorüberlegungen, braucht es unter anderem Wissen. In der zweiten Phase, der Phase der Absicht, hat der Akteur die Absicht gefasst, zu handeln. Dann muss man ihn durch Kampagnen oder Vorbilder motivieren, das tatsächlich umzusetzen. Etwa, indem man die Vorteile aufzeigt, die ein Verzicht auf sein Leben hat.

zentralplus: Wie sehen die weiteren Phasen aus?

Kossmann: In der dritten Phase geht es um das Handeln. Um handeln zu können, muss allerdings erst noch ein geeigneter Rahmen dafür gegeben sein, wie zum Beispiel Infrastruktur. Wer mehr Velo fahren möchte, braucht dazu gute Velowege oder Möglichkeiten, sein Fahrrad unterwegs aufzupumpen. Wer weniger Fleisch essen will, muss wissen, in welchem Restaurant das Gemüse nicht nur Beilage ist. Die Stadt könnte dann zum Beispiel einen Stadtplan mit vegetarischen Restaurants herausgeben. In der vierten Phase geht es darum, mit Gemeinschaftsstrategien das zur Gewohnheit gewordene Verhalten beizubehalten – auch vor dem Hintergrund von «Rückfällen».

Die Stadt Luzern wirbt an der Obergrundstrasse für vegetarisches Essen aus der Region.

zentralplus: Nehmen wir ein konkretes Beispiel: die städtische Kampagne zur 2000-Watt-Gesellschaft (siehe Bild). Wie beurteilen Sie diese?

Kossmann: Auf den Plakaten steht zum Beispiel: «Mit meinem Salat bringe ich unsere Stadt ans Energiesparziel.» Man sieht das Sujet und denkt sich vielleicht: Was soll das, ich kann ja nicht jeden Tag nur Salat essen. Wer nicht Expertin ist, weiss nicht, warum das so ist und in welchem Zusammenhang die Aussage steht. Erklärt wird der Kontext einzig ganz unten auf dem Plakat in kleiner Schrift. Der Einfluss auf das Verhalten der Menschen dürfte nicht allzu gross sein.

Das Forschungsprojekt

Ein Forschungsteam des Instituts für Tourismuswirtschaft ITW der Hochschule Luzern hat gemeinsam mit den Städten Luzern und Biel untersucht, wie man Menschen zu energiefreundlicherem Handeln bewegen kann. Dazu befragten sie unter anderem über 3000 Personen zu ihrem Verhalten. Daraus resultierten konkrete Handlungsempfehlungen und sechs Leitfäden: Wie Bürger ermuntert werden können, mehr Velo zu fahren, ihren Fleischkonsum zu reduzieren, mehr gebrauchte statt neue Güter zu kaufen, öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen, ihr Mobiltelefon erst zu wechseln, wenn es kaputt ist, und energiesparender zu wohnen. Sie richten sich an Behörden, Kommunikations- oder Beratungsagenturen, Verbände und NGOs.

zentralplus: Was läuft bei bisherigen Kampagnen falsch?

Kossmann: Viele Behörden fokussieren sich auf eine isolierte Infokampagne oder einzig auf die Infrastruktur. Aber das reicht eben nicht, man muss alle vier Phasen berücksichtigen, sonst fallen die Leute durch das Raster.

zentralplus: Wie sollte man es idealerweise machen?

Kossmann: Angenommen, die Stadt Luzern will mehr Menschen auf das Fahrrad bewegen: Dann braucht es zuerst Informationen, wieso das besser ist für die Umwelt. Anschliessend eine emotionale Kampagne, die zeigt, dass Velofahren Spass macht und dass man damit Zeit und Geld spart. Das kann zum Beispiel ein Promi sein, der fröhlich an einer Autokolonne vorbeifährt.

zentralplus: An vielen Autos vorbeizufahren, löst bei manchen Velofahrern aber eher Furcht statt ein Lächeln aus.

Kossmann: Genau, einige fahren vielleicht nicht Velo, weil sie sich nicht sicher fühlen oder nicht wissen, welches die ideale Strecke ist. Deshalb könnten die Verantwortlichen Fahrradkurse anbieten, eine Velokarte oder Flickwerkzeug bereitstellen. Zuletzt könnte man eine öffentliche Velotour organisieren oder eine Challenge auf einer App: Dadurch kann man jedem auf spielerische Weise zeigen, dass er kein einsamer Wolf ist.

zentralplus: Wer sein Auto liebt, wird trotzdem nicht umsteigen.

Kossmann: Eine gewisse Sensibilität für das Thema muss vorausgesetzt werden, ansonsten bewirkt auch eine perfekte Kampagne nichts. Und man darf sich nichts vormachen: Es dauert seine Zeit, bis sich eine solche Verhaltensänderung etabliert hat – im Durchschnitt drei Monate. Und man darf auch nicht betrübt oder enttäuscht sein, wenn man doch mal wieder ins Auto sitzt oder eine Wurst verspeist.

«Wichtig ist, dass sich die Menschen nicht zu etwas gezwungen fühlen.»

zentralplus: Der Aufwand für eine solche Kampagne dürfte viel grösser ausfallen als ein einfaches Plakat zu kreieren.

Kossmann: Das ist unbestritten. Die Frage ist halt, welche Ziele man verfolgt. In China müssen inzwischen bereits Menschen von Hand die Obstbäume bestäuben, da es kaum Bienen und – aufgrund des hohen Pestizideinsatzes – Insekten mehr gibt. Das ist nur ein Beispiel, das zeigt, dass die Langzeitkosten viel höher ausfallen können als der Preis einer gezielten Kampagne.

zentralplus: Eine solche Kampagne wäre zudem viel offensiver als zum Beispiel diejenige mit den Salatköpfen. Doch bereits bisherige Versuche, den Menschen Empfehlungen zu machen, führten in Luzern zu Kritik. An der Botschaft einer noch deutlicheren Kampagne dürfte zum Beispiel die Autolobby sicher keine Freude haben.

Kossmann: Es gibt immer jemanden, der unzufrieden ist. Die Frage ist aber: Was nützt der Gesellschaft am meisten? Und man muss auch beachten: Es kommt immer darauf an, wie man etwas kommuniziert. Man kann zum Beispiel sehr viel über Humor machen, es muss nicht jede Kampagne bierernst sein. Wichtig ist letztlich, dass der erste Schritt immer über Freiwilligkeit läuft. Erst als letztes Mittel sollte der Staat Verbote aussprechen.

Katharina Kossmann erklärt die Empfehlungen im Video:

zentralplus: Ihre Vorschläge basieren auf einem Konzept der Sozialpsychologie. Wo ist das noch harmlos – und wo fängt die Manipulation der Menschen an?

Kossmann: Ich spreche mich klar gegen manipulative Kampagnen aus. Es gibt zum Beispiel Experimente in Mensen, wo das Obst im Regal zuvorderst steht und die süssen Desserts dahinter. Das Resultat: Es entscheiden sich mehr Menschen für das Gesündere. Das ist eine Beeinflussung, aber keine Manipulation, denn jeder hat immer noch die freie Wahl.

zentralplus: Aber das ist eine Gratwanderung, nicht?

Kossmann: Wichtig ist, dass sich die Menschen nicht zu etwas gezwungen fühlen, sondern wissen, dass die Entscheidung ihnen überlassen wird. Die Entscheidung muss immer beim Individuum bleiben. Sprich, es braucht jeweils eine andere Option als die gesellschaftlich erwünschte. Es ist übrigens nachgewiesen, dass Menschen öfters das gewünschte Verhalten wählen, wenn sie wissen, dass sie selber die Entscheidungsfreiheit haben.

zentralplus: Sie befassen sich beruflich mit Umweltpsychologie. Frustriert es Sie nicht, zu sehen, dass die Menschen so träge sind?

Kossmann: Doch, manchmal stimmt es mich ziemlich traurig. Zum Beispiel wenn ich Leute sehe, die es sich leisten könnten, biologische Produkte zu kaufen, aber trotzdem zu Billigdiscountern rennen oder Ökostrom beziehen könnten und es nicht tun. Aber der Mensch ist halt einfach manchmal irrational.

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1 Kommentare
  1. Tomas Kobi, 25.07.2019, 21:27 Uhr

    Diese Phasen der Veränderung sind nicht neu. Es handelt sich um das Veränderungsmodell von Prochaska und DiClemente,1986. Es wurde mittlerweile bereits auf viele verschiedene Gesundheitsverhaltensweisen adaptiert (Alkohol-Sucht, Ernährung Tabakkonsum und Drogenkonsum)
    Gut, nun kann es auch für die Klimaverhaltensänderung genutzt werden.