Klimawandel macht den Tierkostümen zu schaffen
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Die frühlingshaften Temperaturen bremsen den Verkauf von Tierkostümen. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Das verkaufen die Läden für die Fasnacht 2020 Klimawandel macht den Tierkostümen zu schaffen

4 min Lesezeit 18.02.2020, 16:47 Uhr

An der Fasnacht wird heuer viel geschminkt und mehr geschneidert – das zeigt ein Besuch in Luzerner Fachgeschäften. Tierkostüme finden weniger Anklang als früher. Dafür haben die Goldenen Zwanziger begonnen – und setzen den Trend.

«Nächstes Jahr gehen wir als Römer», sagt die Mutter zur quengelnden Tochter und schubst sie in Richtung der langen Schlange, die sich vor der Kasse im Luzerner Näh- und Hobbycenter Vonarburg gebildet hat.

Das gesamte Untergeschoss – über 400 Quadratmeter – ist dem Thema Fasnacht gewidmet. Neben unzähligen Kostümen, Perücken und Hüten hängen zahlreiche Hilfsmittel an den Wänden. Eine Gruppe Frauen berät bei unserem Besuch über blauen Haarkalk. «Die Farbe bleibt länger als einen Tag», sagt eine.

Selber nähen ist gefragt

Dann treffen wir Geschäftsführer Jörg Schnider, der freundlich und zugleich ein wenig gehetzt wirkt. Kein Wunder, so kurz vor der Fasnacht.

«Schminken steht heuer hoch im Kurs.»

Jörg Schnider, Geschäftsführer Vonarburg Voco AG

«Schminken steht heuer ganz hoch im Kurs», erzählt er. Dazu hilfreiche Artikel seien sehr gefragt. «Und es wird auch wieder mehr geschneidert.»  Für Vonarburg eine gute Nachricht, denn der Verkauf von Stoffen und Nähbedarf ist für das Geschäft aus dem Luzerner Wey-Quartier «sehr wichtig», wie Schnider sagt.

Online-Auftritt ist wie ein Schaufenster

Vonarburg führt auch einen Online-Shop, doch wichtiger scheint das Geschäft im Verkaufslokal zu sein. «Die Leute fassen die Waren eben doch gerne vor dem Kauf an», sagt Schnider. Der Online-Shop erfülle bei Vonarburg die Funktion eines elektronischen Schaufensters (zentralplus berichtete).

Schminkutensilien sind bei ihm ein Renner: Jörg Schnider, Geschäftsführer im Hobby- und Nähcenter Vonarburg.

Leute, die online eingekauft haben, sehen, dass sie vor Ort Fehlendes kurzfristig besorgen können – vorab, wenn die Qualität der Ware aus Fernost nicht den Vorstellungen entspricht.

Inspiriert: Wilde Zwanziger

Auch beim Luzerner Fasnachtsbazar erfüllt die Homepage die Funktion eines Schaufensters – einen Internet-Shop gibt es nicht, jedoch ist ein Teil des Sortiments zu besichtigen (zentralplus berichtete). Das Geschäft laufe gleich gut wie in den vergangenen Jahren, sagt Geschäftsführer Damian Surber – trotz der Konkurrenz durch den Online-Handel.

«Die Roaring Twenties: Das ist so etwas wie ein neuer Trend.»

Damain Surber, Geschäftsführer Fasnachtsbazar

Mit dem Beginn von 2020 sind auch die «Goldenen Zwanziger» zurück. Was vor 100 Jahren in war, gerät wieder in den Fokus. «Man kann sagen, dass die Roaring Twenties so etwas wie einen neuen Trend setzen», sagt Surber, der einiges an Charleston-Mode im Sortiment hat – seien es nun Schiebermützen oder Kopfputz für Cocktail-Parties, die nach Abendrobe verlangen.

Steampunk ist nicht kleinzukriegen

Ausserdem sind Steampunk-Sujets nach wie vor sehr begehrt, sowohl bei Vonarburg wie auch im Fasnachtsbazar am Paulusplatz. Und dies, obwohl viele Filme, die sich dieser Ästhetik verschrieben haben – wie «Sherlock Holmes», «Mad Max», «Van Helsing», «Hugo Cabret» – schon vor Jahren im Kino über die Leinwand flimmerten. Der letzte, «Mortal Engines: Krieg der Städte», stammt aus dem Jahr 2018.

Steampunk-Maske bei Aeschlimann in Luzern.

Dennoch gibt der Futurismus aus Sicht des 19. Jahrhunderts optisch viel her – und Steampunk-Utensilien aus Kunststoff, die cool aussehen, sind für wenig Geld zu haben.

An konkreten Filmvorbildern für Fasnachtssujets taugen aus dem letzten Jahr «Die Eiskönigin 2», «Star Wars» oder «Joker». Letzteres verlangt nach viel Schminke, was die These des Vonarburg-Chefs stützt.

Trainer statt Tiere

Und was ist mit den Frosch-, Faultier- und Rindviehverkleidungen der letzten Jahre? «Tierkostüme sind weiter rückläufig», sagt Damian Surber vom Fasnachtsbazar. Bei Vonarburg verkauft man sie laut Schnider durchaus noch, doch der Absatz hänge mit der Witterung zusammen.

Perücken und Kopfputz im Fasnachtsbazar in Luzern.

«Tierkostüme kaufen die Leute oft kurzfristig, wenn es kalt ist», sagt Schnider. «Heuer erwarten wir aber keine grosse Kälte.» Also sind statt einer wärmenden Ganzkörper-Tierhülle eher dünner Zwanzigerjahre-Schick oder grelle Trainingsanzüge aus den 1970er- und 1980er-Jahren begehrt.

Ausverkauf bei Aeschlimann

Zu erwarten sind dieses Jahr wohl auch viele Greta-Thunberg-Masken. Indes waren auf unserm Rundgang in den Luzerner Läden gar nicht so viele Greta-Utensilien zu finden. Den Rundgang beschliessen wir mit einem Besuch beim Modegeschäft Aeschlimann an der Hirschmattstrasse, das früher ebenfalls für Fasnachtsartikel bekannt war.

Bekanntlich schliesst es im März seine Tore (zentralplus berichtete). Der einzige Verkaufsraum, der dem Traditionsgeschäft geblieben ist, steht ganz im Zeichen des Ausverkaufs. Hier findet man bis zu 30 Prozent Abschlag auf die verbliebenen Gewänder und Accessoires – aber möglicherweise auch noch zum letztes Mal einen qualitativ guten Hut, einen Schal oder seltene Knöpfe, für die das Luzerner Geschäft bei der Kantonalbank bekannt war.

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