Kirchen als Lofts für Asylsuchende? Warum nicht!
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Ein Bistum Luzern wäre zu klein und zu homogen, meint Felix Gmür, Bischof von Basel. (Bild: azi)

50 Fragen an Bischof Felix Gmür Kirchen als Lofts für Asylsuchende? Warum nicht!

10 min Lesezeit 14.07.2015, 13:00 Uhr

Der Bischof von Basel, Felix Gmür, ist gebürtiger Luzerner und lebt in Solothurn. Im Interview mit zentral+ erzählt er, was er an seiner Heimatstadt vermisst, wie er sich die Hölle vorstellt und was er mit leerstehenden Kirchen anzufangen wüsste.

Wie spricht man einen Bischof an? «Sagen sie Bischof Felix oder ganz einfach Herr Bischof», erklärt Hansruedi Huber, Sprecher des Bistums Basel. «Aber machen sie sich keine Sorgen, er ist sehr bodenständig», meint er. Es ist ein schönes Anwesen in Solothurn (siehe Box), in welchem zentral+ ihn zum Interview trifft.

Und tatsächlich: Bischof Felix ist keinesfalls abgehoben, begrüsst uns locker und bietet etwas zu trinken an. «Ich wär dann bereit für ihre 50 Fragen», lacht der sympathische 49-Jährige. Nun gut, dann legen wir los.

1. Würden Sie sich als modernen Bischof bezeichnen?

Luzerner in Solothurn als Bischof von Basel

Zum Bistum Basel gehören insgesamt zehn Kantone und 515 Pfarreien – darunter auch jene aus Luzern und Zug. Ihnen allen steht der Bischof von Basel vor, der seinen Amtssitz jedoch seit 1527 nicht mehr in der gleichnamigen Stadt, sondern sich über Umwege ins Jura 1878 schliesslich in Solothurn niedergelassen hat. 2010 wurde Felix Gmür – in Luzern geboren und aufgewachsen – als Nachfolger von Bischof Kurt Koch gewählt, der nach Rom berufen wurde. 

 

 Er überlegt. Ich glaube schon.

2. Was tun Sie lieber: Im Internet surfen oder in der Bibel lesen?

In der Bibel lesen.

3. Welches ist ihre Lieblingssünde?

Sünden sind immer etwas Schlimmes, daher kann es keine Lieblingssünde geben.

4. Es heisst immer wieder: «In der Kirche hängt der Haussegen schief.» Wie gehen Sie damit um?

Der Segen kommt vom Herrgott – und der hängt immer richtig. Er lacht.

5. Waren Sie mal verliebt?

Ja.

6. Wie viel Macht hat ein Bischof tatsächlich?

Viel weniger als man meint.

7. Mit über einer Million Gläubigen und 1’200 Mitarbeitenden stehen Sie dem grössten Schweizer Bistum vor. Fühlen Sie sich manchmal wie ein Manager eines Grosskonzerns?

Nein. Das Wichtigste ist, dass der Bischof Seelsorger bleibt und seine Message rüber bringt – nämlich, dass Gott die Menschen liebt und Christus uns alle retten will, sodass wir die Fülle des Lebens erfahren dürfen.

8. Ihr bischöflicher Wahlspruch ist: «Begreift, was der Wille des Herrn ist.» Was liegt im Willen des Herrn?

Den Willen des Herrn zu erkennen, ist ein Prozess, den man gemeinsam durchläuft.

9. Wollen Sie mal Papst werden?

Nein.

10. Was wollten Sie als Kind werden?

Uh, ganz vieles. Er lacht. Vom Lokiführer bis zum Tierarzt oder Bergführer. Alles Mögliche.

11. Was würden Sie heute beruflich machen, wenn Sie nicht zur Kirche gegangen wären?

Ich bin nicht zur Kirche gegangen, weil das ein Zufall ist, sondern aufgrund meines Glaubens an Gott. 

12. Wie viele Mitglieder wird Ihr Bistum in 20 Jahren noch haben?

Ich hoffe mehr. Er lacht.

13. Sie sind ein vielbeschäftigter Mann. Wie oft gehen Sie noch in die Kirche?

Jeden Tag. Zum Teil auch mehrmals. Ich habe jeden Tag irgendwo eine Messe und dann gehe ich auch sonst viel in Kirchen, um zu beten. Das ist nicht weil ich es muss, sondern weil ich es will. Und das ist das Wichtigste.

«Es gibt bestimmt homosexuelle Priester in unserem Bistum, die das jedoch nicht ausleben.»

14. Sind Sie oft in Luzern?

Was heisst viel? Vielleicht einmal in der Woche bin ich in Luzern oder der Umgebung.

15. Was vermissen Sie von Luzern, wenn Sie nicht gerade dort sind?

Den See und die Berge.

16. Was spricht gegen ein Bistum Luzern?

Es wäre zu klein und zu homogen. Im Bistum Basel herrscht eine grosse Vielfalt und das macht alles viel spannender.

17. Was halten Sie von «Fifty Shades of Grey»?

Ich weiss es nicht. Ich habe ihn nicht gesehen.

18. Was steht momentan auf Ihrem Nachttisch?

Etwas ganz Unspektakuläres: eine Nachttischlampe.

19. Wie würden Sie mit homosexuellen Priestern in ihrem Bistum verfahren?

Er überlegt. Es kommt darauf an, ob ein Delikt vorliegt. Es gibt bestimmt homosexuelle Priester in unserem Bistum, die das jedoch nicht ausleben. Genauso wie es heterosexuelle Priester gibt, die ledig sind und zölibatär leben. Wenn jetzt auskommen würde, dass ein homosexueller Priester einen Freund hat und er mit diesem zusammenlebt, dann liegt ein Delikt vor. Dann würde ich als aller Erstes mit ihm reden. Es ist wichtig zu hören, was der Betroffene selbst dazu sagt.

Bischof Felix Gmür ist zurückhaltend, wenn es um die Frage geht, ob homosexuelle Paare Kinder adoptieren dürfen. (Bild: azi)

Bischof Felix Gmür ist zurückhaltend, wenn es um die Frage geht, ob homosexuelle Paare Kinder adoptieren dürfen. (Bild: azi)

20. Beno Kehl (Bruder Beno), einst bekanntester Franziskaner der Schweiz, darf in ihrem Bistum nicht einmal mehr ehrenamtlich für die Kirche arbeiten, weil er sich in eine Frau verliebt hat. Die Einsiedler Benediktiner erlaubten ihm die Leitung der Fastenexerzitien. War Ihr Urteil vielleicht doch zu hart?

Nein, weil es nicht stimmt, was sie sagen. Er darf einfach keine Sachen machen, für welche er nicht ausgebildet ist. Und das auch nicht freiwillig. Ganz normale ehrenamtliche Tätigkeiten kann er weiter ausführen, so wie jeder andere auch. Lassen Sie mich ein Beispiel machen  – auch Sie können nicht sagen: «Ich bin jetzt Papst, aber mache das ehrenamtlich.» Er lacht.

21. Talar oder Jeans?

Er überlegt. Beides. Je nach Ort, wo man gerade ist.

22. Ihr Lieblingsgericht, das Sie selbst kochen können?

Das will ich nicht sagen – weil sonst krieg ich nur noch das aufgetischt. Er lacht. Aber ich kann sagen, dass ich wirklich alles gerne mag.

23. Hat ein Bischof auch Macken?

Ja, sicher. Aber da müssen Sie die anderen Leute fragen. Lacht und schaut zu Hansruedi Huber, dem Kommunikationsverantwortlichen des Bistum Basels. Habe ich Macken? Huber lacht: «Nein. Also, er ist mein Chef – ich muss das jetzt sagen, ich habe noch keine entdeckt.»

24. Was denken Sie über die vielen Freikirchen?

Die haben eine grosse Dynamik und eine klare Message. Und von aussen machen sie manchmal den Eindruck, etwas «eng» zu sein. 

25. Müsste der Islam aufgrund der vielen Mitglieder nicht öffentlich-rechtlich anerkannt werden?

Die Frage ist, wie viele Muslime sich in eine Struktur einbringen können, die zur öffentlich-rechtlichen Anerkennung erforderlich ist – nämlich eine demokratische Organisationsstruktur. Ich selber hätte da nichts dagegen, aber ich weiss nicht, ob eine solche Anerkennung von den Muslimen überhaupt gewünscht wird.

26. Kirchen werden im Ausland teilweise umgenutzt. Könnten Sie sich auch Wohnungen oder Partys in leeren Luzerner Kirchen vorstellen?

Er überlegt. Das ist eine schwierige Vorstellung. Aber, dass man gewisse Kirchen umnutzen könnte, das kann ich mir durchaus vorstellen. Vielleicht als Bibliothek oder Konzertraum. Aber auch, dass man sie zu Lofts ausbaut für Asylsuchende.

27. Welche Beziehung haben Sie zu Frauen?

Normalerweise eine gute.

28. Haben Sie Angst vor Veränderungen?

Nein.

29. Wie sieht die katholische Kirche in 100 Jahren aus?

Anders als heute, aber immer noch gleich spannend.

«Dann schreien sie natürlich und brennen, werden grilliert und ihnen werden die Arme abgeschnitten und so weiter.»

30. Welcher war oder ist ihr Lieblingspapst?

Jeden Papst habe ich wirklich gerne, weil jeder sein eigenes Profil hat. Zumindest, die die ich kenne. Ich kann nicht sagen, dass ich den einen lieber mag als den anderen. Ich finde es gut, wie jeder für sich eine eigene Botschaft verkörpert.

31. Welches ist Ihr Lieblingsheiliger?

Das ist von der Stimmung abhängig. Heilige haben ja immer bestimmte Zuständigkeiten. Ich finde die Heilige Rita sehr wichtig, weil sie dann hilft, wenn man nicht mehr weiterkommt. Der Heilige Ignatius unterstützt dabei, das Wichtige vom Unwichtigen unterscheiden zu können. Der Heilige Franziskus steht für die Menschlichkeit – sie alle haben ihr Profil und das finde ich grossartig. Aber ich kenne längst nicht alle Heiligen – es gibt so viele.

32. Wie stellen Sie sich die Hölle vor?

Es gibt verschiedene Darstellungen von der Hölle. Was ich daran besonders aufschlussreich finde, ist, dass die Menschen in der Hölle keinen Halt haben. Dann schreien sie natürlich und brennen, werden grilliert und ihnen werden die Arme abgeschnitten und so weiter. Und dann der Teufel. Aber die Menschen haben keinen Halt mehr und diese Haltlosigkeit, das ist die Hölle für mich.

33. Die schönste Kirche, die sie je besucht haben?

Er überlegt. Für mich gibt es keine «schönste» Kirche, aber es gibt Kirchen, die mich extrem berühren. Zum Beispiel ist der Petersdom in Rom eine Kirche, die mich immer wieder erstaunt. Aber auch unsere Kathedrale hier in Solothurn ist seit der Renovation wunderbar. Die Hofkirche in Luzern ist mir nahe, weil ich dort aufgewachsen bin. Die Kirche in Basel, in welcher ich Vikar war, (die Antoniuskirche, Anm. d. R.) war die erste Betonkirche in der Schweiz und die zweite auf der Welt überhaupt, hat mir sehr gut gefallen, weil sie extrem modern ist. Wenn die Sonne von aussen hereinscheint, gibt das ein besseres Licht als in jeder Disco. Lacht. Eine super Light Show.

«Wenn die Sonne von aussen hereinscheint, gibt das ein besseres Licht als in jeder Disco», schwärmt Bischof Felix Gmür von der Basler Antoniuskirche. (Bild: azi)

«Wenn die Sonne von aussen hereinscheint, gibt das ein besseres Licht als in jeder Disco», schwärmt Bischof Felix Gmür von der Basler Antoniuskirche. (Bild: azi)

34. Gab es je eine Zeit, wo Sie sich für die Religiosität geschämt haben?

Fürs religiös Sein? Nein, nie.

35. Wie haben Sie zum Glauben gefunden?

Durch Menschen, die ihren Glauben glaubwürdig gelebt haben.

36. Fürchten Sie sich machmal?

Er überlegt. Nein. Ich glaube nicht, da ich kein ängstlicher Mensch bin.

37. Wann haben Sie zum letzten Mal geweint?

Vor ein paar Tagen – wegen einem kranken Menschen.

38. Wann zum letzten Mal herzhaft gelacht?

Heute Morgen. Er lacht.

«Ich glaube, dass in allen Religionen etwas enthalten ist, das zu Christus führt.»

39. Was für Musik hören Sie?

Vieles, aber es muss etwas Spezielles in der Musik haben. Es muss künstlerisch hochstehend oder wirklich neu sein. Ich höre viel klassische Musik und Opern mag ich besonders gerne. Viel höre ich auch World Music. Momentan höre ich wieder viel äthiopische Musik, mich fasziniert dieses Urtümliche. Elektrocumba mag ich auch. Das ändert sich aber immer wieder.

40. Welche Beziehung haben Sie zu anderen Religionsgemeinschaften?

Keine intensive, aber eine sehr wertschätzende. Ich finde es sehr interessant und auch berührend, wie Menschen in anderen Religionen beten. Das finde ich das Wichtigste in der Religion, dass man betet.

41. Glauben Sie, dass letztlich alle Religionsgemeinschaften zum selben Gott beten?

Das glaube ich nicht. Aber ich glaube – wie es im zweiten vatikanischen Konzil hiess – dass in allen Religionen etwas enthalten ist, das zu Christus führt. Ich glaube, dass Christus letztlich der Retter der Welt ist.

42. Glauben Sie, dass die gleichgeschlechtliche Ehe jemals von der katholischen Kirche akzeptiert wird?

Nein. Und zwar, weil das einfach keine Ehe ist.

«Als ich mir Harry Potter in Rom angeschaut habe, da habe ich mich so erschrocken, dass ich sogar meine Brille verloren habe.»

43. Was halten Sie davon, dass homosexuelle Paare Kinder adoptieren?

Ich bin da sehr zurückhaltend, weil ich mich frage, was die Motivation dahinter ist. Und ich frage mich auch, was mit den Rechten der Kinder ist. Das «Normale» in dem Sinne, wie es von der Natur vorgesehen ist, ist, dass ein Kind mit Mann und Frau als Eltern aufwächst. Ich weiss nicht, ob es gut ist, das einem Kind vorzuenthalten.

44. Ausser der Bibel – welches ist Ihr Lieblingsbuch?

Ich lese sehr viele Bücher. Ich habe kein Lieblingsbuch, aber ich lese immer wieder Sachen von Wittgenstein, dem Philosophen. Und sehe mir gerne Bildbänder über Kunst an. Solche Bücher liebe ich. Gerade habe ich einen Bildband angeschaut, einen Katalog von der Giacometti-Ausstellung in Bern.

45. Ihr Lieblingsfilm?

Ich habe auch keinen Lieblingsfilm. Ich gehe aber sehr gerne ins Kino und bin dann immer extrem in den Geschichten drin – wirklich 100 Prozent, als ob ich ein Teil davon wäre. Ich weine und lache mit den Darstellern. Danach bin ich immer sehr erschlagen. Als ich mir Harry Potter in Rom angeschaut habe, lacht, da habe ich mich so erschrocken, dass ich sogar meine Brille verloren habe. 

46. Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, welcher wäre das?

Dass möglichst viele Leute durch ihren Glauben zur Zufriedenheit gelangen.

47. Glauben Sie, dass die katholische Kirche jene Kirche ist, die sich Gott gewünscht hat?

Ich glaube, Gott wünscht sich eine Kirche, die sich immer mehr auf ihn zubewegt. Und die katholische Kirche macht Schritte in diese Richtung. Manchmal ein bisschen langsamer und manchmal schneller.

Bischof Felix Gmür wünscht sich eine Kirche, deren Tür für alle offen steht. (Bild: azi)

Bischof Felix Gmür wünscht sich eine Kirche, deren Tür für alle offen steht. (Bild: azi)

49. Wie sieht die Kirche aus, die Sie sich wünschen?

Das ist eine Kirche, die offen auf die Menschen zugeht; deren Tür für alle offen steht und allen hilft, Jesus besser kennenzulernen und so zu leben, wie er das getan hat.

50. Welches ist der wichtigste Gegenstand in Ihrem Büro?

Die Computermaus … oder mein Fülli. Ich schreibe alles mit ihm und bin da ziemlich altmodisch. Ich schreibe viel lieber von Hand. Vor allem Briefe und Karten. Das hat für mich einen hohen Wert – gerade in der heutigen Welt der virtuellen Kommunikation, wo man nur noch selten etwas Materielles zum Lesen in die Hand nimmt.

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