Kino ohne Leinwand
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Die WIM-Zug lud am Donnerstagabend zum Jahreskonzert in den Burgbachkeller.

Jahreskonzert WIM Zug im Burgbachkeller Kino ohne Leinwand

5 min Lesezeit 02.12.2016, 09:53 Uhr

Für das Jahreskonzert hat sich die Werkstatt für Improvisierte Musik Zug (WIM Zug) etwas besonderes einfallen lassen: Mit Marie-Cécile Reber und dem Duo Cyril Bondi/d’incise wurden erstmals Komponisten beauftragt, für ein frei besetztes Ensemble Improvisationskonzepte zu schreiben. Das Ergebnis lässt sich nur schwer in Worte fassen. Unsere Autorin hat es trotzdem versucht.

 

Mittwochabend im Burgbachkeller Zug. Kurz nach 20 Uhr betreten die elf Musiker der WIM Zug die Bühne und reihen sich nebeneinander auf.

Das Konzert beginnt mit dem Stück von Cyril Bondi und D’incise. Entgegen meiner Erwartung erklingt wenig Elektronik. Überhaupt klingt wenig. Bondi, ganz rechts aussen an seinem Harmonium gibt grosse Handzeichen, die minimste klangliche Änderungen zur Folge haben.

Scheinbar ohne Logik halten die Musiker die Klänge aus, während Bondi ohne erkennbaren Rhythmus die Zeichen gibt.

Ein Rauschen wird durch die Runde geschickt, mal so leise, das man meinen könnte, es sei nur der Verkehr der die Ägeristrasse runter kommt, ab und an hört man tatsächlich so etwas wie Tonhöhen. Scheinbar ohne Logik halten die Musiker die Klänge aus, während Bondi ohne erkennbaren Rhythmus die Zeichen gibt.

Wie ein Radio ohne Empfang schalten sich die Musiker durch die Sender auf der Suche nach einem Signal. Innerhalb weniger Minuten kehrt sich der Blick der Zuschauer nach Innen und mein Kopfkino beginnt.

Innerhalb weniger Minuten kehrt sich der Blick der Zuschauer nach Innen und mein Kopfkino beginnt.

Ich sitze in einem Hochgeschwindigkeitszug. Wir sind zwischen Start und Ziel, da wo nichts ist. Wir fahren einem Felsen entlang, durch einen Tunnel. Licht und Dunkelheit ausserhalb des Zuges wechselt sich so schnell ab, dass meine Augen es nicht mehr registrieren. Manchmal kommt uns ein Zug entgegen und ich lehne mich reflexartig weg vom Fenster. Dann kommt wieder ein Tunnel. Felsen. Tunnel. Zweiter Zug. Felsen. Und dann eine Brücke. Ich sehe den Horizont und habe das Gefühl, dass wir stehen geblieben sind.

Plötzlich öffne ich meine Augen und liege auf dem Waldboden. Der Boden vibriert leicht und wird wieder still. Meine Arme von mir gestreckt liege ich auf dem feuchten Laub am Boden und blicke nach oben. Die Bäume sind so hoch, dass ihre Wipfel sich fast berühren. Und hinter ihnen ein Stück Himmel, so schmal, dass ich nicht weiss ob es blau, grau oder weiss ist. Der Boden vibriert wieder und wird still. Ich renne leichtfüssig bergab. Meine Füsse rennen abgetrennt von meinem Kopf. Ich liege wieder am Boden und blicke nach oben. Die gleichen Bäume, die gleichen Wipfel. Etwas krabbelt über meine linke Hand aber ich habe nicht das Bedürfniss dieses Etwas zu verscheuchen. Der Boden vibriert leicht und wird wieder still.

Die Musik hört auf. Pause

Die Kunst des Zuhörens

Reizüberflutet verschwinde ich aus dem Saal und gehe nach draussen. Dort höre ich, wie eine ältere Dame erzählt, dass sie während des ganzen Stückes mit geradem Rücken auf dem Stuhl sass und meditierte. «Ich hätte mich am liebsten auf die Treppe verzogen um im Schneidersitz Yoga zu praktizieren», sagt sie und ich frage mich, was sie wohl daran gehindert hat. Dann erklingt der Gong und es geht weiter.

Marie-Cécile Reber, die bis anhin ganz links auf der Bühne stationiert war, begibt sich in die Mitte und übernimmt die Rolle der Dirigentin. Ihre Bewegungen sind sanfter als die von Bondi aber nicht weniger effektiv.

Ein Klangteppich entsteht, fast unhörbar, diesmal mit klaren Tonhöhen. Es kommt langsam Bewegung in die Musiker, ihre Blicke schweifen über die Bühne und sie vermischen ihre Klänge sodass kaum entzifferbar ist, welches Instrument dafür verantwortlich ist.

Minutenlang schwillt der Teppich kaum merklich an. Einzig die perkussiven Basstrommelgeräusche des Kontrabass’ erlauben es dem Zuhörer die treibende Wirkung zu entziffern.

Kurz vor dem ersehnten Höhepunkt bricht das Stück ab und geht über in ein nervös wirkendes Zusammenspiel von Klopfgeräuschen.

Aus meiner Lethargie gerissen versuche ich die Geräusche einzuordnen. Ich glaube ein paar Reihen hinter mir ein Flüstern im Publikum zu hören, bin mir aber nicht sicher, ob das nicht sogar zur Komposition gehört. Die Geräusche transformieren sich und werden organischer.

Kopfkino zum Zweiten

Und dann sind wir wieder in der Natur.

Diesmal sehe ich einen Teich vor mir. Ich tauche ab. Ein grosser Fisch schwimmt an mir vorbei und betrachtet mich. Er scheint unzufrieden zu sein. Algen wickeln sich um meine Füsse und ich winde mich und schwimme weiter, der Fische hinter mir her.

Vorwurfsvoll bläst er seine Backen auf. Dicke Luftblasen entweichen seinem Mund und ich versuche sie zu fassen, aber meine Hände sind mit Moos überwachsen. Der schlammige Boden lässt meine Füsse versinken und verwurzelt mich. Hoch über mir sehe ich noch ein wenig Sonnenlicht, der Rest ist grün. Meine Zehen schlagen im Schlick Wurzeln. Du gehörst nicht hierher, scheint der Fisch mir zu sagen, aber er hat keine Hände um mich zu verjagen und schwimmt davon. Alles um mich ist grün.

Und dann ist der Spuk vorbei und das Licht geht an. Kurz werden noch die eingeladenen Gastmusiker vorgestellt, bevor wir uns alle ins Foyer begeben.

Wie so oft besteht das Publikum bei Freien Improvisations Konzerten aus Musikern und Liebhaber des Genres, die sich ausgiebig über die musikalischen Aspekte des eben Gehörten auslassen.

Freie Improvisation ist aus der Perspektive des Zuhörers ein einsamer Zustand.

Tricks und Kniffe werden ausgetauscht und auf höchstem Niveau gefachsimpelt. Ich sitze daneben über mein Notitzbuch gebeugt und versuche krampfhaft dieses Erlebnis in Stichworten niederzuschreiben.

Bei solch einem Konzert, das vom Prinzip her einmalig und nicht reproduzierbar ist, stösst der Begriff der Konzertrezension an seine Grenzen. Freie Improvisation ist aus der Perspektive des Zuhörers ein einsamer Zustand.

Die Absenz von Form, Rhythmus und Harmonik erzwingt eine schonungslose Auseinandersetzung mit der eigenen Hörerwartung. Somit ist diese Rezension, entgegen des von Journalisten angestrebten Objektivitätprinzips, gänzlich subjektiv und wiederspiegelt nicht den durchschnittlichen Eindruck der anwesenden Zuschauer.

Der einzige, spürbare Konsens an diesem Abend war die Tatsache, das dieses Konzert die Zuschauer bewegt hat. Sei es musikalisch, physisch, psychisch oder schlicht und einfach durch das Betrachten von elf hochkonzentrierten Musikern die sich für 90 Minuten komplett der Improvisation unterworfen haben.

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