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Kindes- und Erwachsenenschutz: Die Fälle stapeln sich
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Die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde der Stadt Luzern sucht aktuell eine neue Leitung. Bis im April soll diese gefunden werden. (Bild: mag)

Behörden am Anschlag Kindes- und Erwachsenenschutz: Die Fälle stapeln sich

7 min Lesezeit 19.10.2013, 06:01 Uhr

Seit ihrer Schaffung auf anfangs dieses Jahres herrscht bei den Kinder- und Erwachsenenschutzbehörden KESB eine hohe Arbeitslast, teilweise auch Überbelastung. Überstunden und Gefährdungsmeldungen häufen sich. Recherchen von zentral+ zeigen: Die Lage ist angespannt, Ausbauten bei den Stellenbudgets schaffen aber zunehmend Abhilfe.

Mit Beginn dieses Jahres trat ein neues Kindes- und Erwachsenenschutzrecht in Kraft (siehe Box). Schon nach kurzer Zeit zeigt sich: Mit den geschaffenen Stellen alleine lässt sich die Arbeit nicht bewältigen.

Die Gründe für die hohe Arbeitsbelastung sind vielseitig. Sie reichen von unterschätztem Bearbeitungsaufwand über zu knapp berechnete Stellenbudgets bis hin zu falschen Erwartungen an die neue Behörde. Dazu kommen Mehraufwände, wie sie bei jeder neuen Organisation Aufgabe entstehen: Einarbeitung neuer Mitarbeiter, unterschiedliche Interpretation von Aufgaben, Gestaltung von Abläufen oder fehlende Standards.

Bearbeitungsaufwand unterschätzt

Bei der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) der Stadt Luzern wurden zwischen Anfang Januar und Ende September dieses Jahres zum Beispiel 981 neue Verfahren eröffnet. In derselben Zeit bearbeitete die Behörde zusätzlich die noch nicht abgeschlossenen Verfahren aus dem Jahre 2012. Aktuell sind 505 Verfahren pendent.

Rechtlich neu geregelt

Seit dem 1.1.2013 gilt das neue Kindes- und Erwachsenenschutzrecht. Neu sind nicht mehr die Gemeinden sondern professionelle Fachbehörden für entsprechende Fragen und Entscheide zuständig. Im Kanton Luzern haben sich die Gemeinden selbstständig in sieben Kindes- und Erwachsenenschutzkreisen organisiert. Im Kanton Zug wurde das neue Amt für Kindes- und Erwachsenenschutz geschaffen.

An die Stelle der Vormund- und Bereitschaften ist ein System verschiedener Beistandschaften getreten. Die Fachpersonen können sich aus Psychologen, Juristen, Medizinern, Vermögensverwaltern und Sozialfachleuten zusammensetzen und entwickeln individuelle Lösungen für die betroffenen Personen. Das Ziel der Behörden ist es, diese Personen so viel wie nötig, aber so wenig wie möglich zu unterstützen.

Gemäss Pia Zeder, Präsidentin der KESB Luzern, bewegt sich die Anzahl Fälle zwar im Rahmen der Erwartungen. «Hingegen wurde der Bearbeitungsaufwand in gewissen Bereichen massiv unterschätzt.» Betroffen seien insbesondere die Bereiche der fürsorgerischen Unterbringung, die Anpassung der altrechtlichen Massnahmen und die Massnahmen für ehemals erstreckte elterliche Sorge. Dazu komme die Umsetzung der neuen Vorgaben im Bereich der Vermögensverwaltung.

Der hohe Bearbeitungsaufwand sei nicht nur bei der KESB in Luzern ein Problem. Auch die anderen Behördenstellen kämpften mit Problemen, so die Information von Pia Zeder. Dementsprechend sagt Marlis Meier von der KESB in der Region Entlebuch, Wolhusen und Ruswil: «Wir werden zum Teil als neue Heilsbringer betrachtet.» Sie spricht auch von hohen und teilweise falschen Erwartungen an die KESB.

Nicht alle Mitarbeiter dieser KESB können auf langjährige Erfahrungen im Arbeitsbereich Kinder- und Erwachsenenschutz zurückgreifen. Marlis Meier sagt: «Profitieren können wir vor allem von den Mitarbeitern, die früher im Vormundschaftssekretariat und als Vormundschaftsbehördenmitglieder oder auf Gemeindeverwaltungen tätig waren.»

Unterschiedliche Ausgangslagen

Ein weiterer Grund für die hohe Arbeitsbelastung liegt in der unterschiedlichen Ausgangslage der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde. Die KESB Stadt Luzern entstand aus einer bereits bestehenden und funktionierenden Organisation, dem Sekretariat der Vormundschaftsbehörde SVB. Eine ähnliche Situation lag in Kriens und Emmen vor. Diese drei Behörden haben bezüglich der Aufbauarbeit einen Vorteil gegenüber jenen KESB-Stellen, die bei Null beginnen mussten.

Dies war zum Beispiel bei der KESB Willisau-Wiggertal der Fall. Gemäss Irmgard Dürmüller sind im Moment 900 Dossiers offen. Alle Mitarbeiter seien deshalb stark belastet.

Die gegenwärtige Herausforderung liege darin, dass nebst dem Tagesgeschäft enorme Aufbauarbeit zu leisten sei, sagt Elisabeth Scherwey von der KESB Luzern-Land. Etliche Prozesse seien noch nicht definiert, da diese KESB-Stelle komplett neu aufgebaut werden musste. Anlässlich der Delegiertenversammlung sei seitens der Verbandsgemeinden aber ein «wohlwollendes Verständnis» für die gegenwärtige Situation spürbar gewesen, so Elisabeth Scherwey.

Neues Polizeigesetz verursacht Aufwand

Im Kanton Zug führte auch das neue Polizeigesetz betreffend Schutz vor häuslicher Gewalt zu einer Erhöhung der Gefährdungsmeldungen. Dem neuen Gesetz zufolge muss die Zuger Polizei bei häuslicher Gewalt an die KESB Meldung erstatten. Die Behörde muss dann jede einzelne eingehend prüfen.

Eine weitere Ursache für den hohen Bearbeitungsaufwand liegt im Kanton Luzern in der Gesetzgebung: Sie sieht unter anderem vor, dass die meisten Entscheide der KESB in Dreierbesetzung gefällt werden. Dieses umfangreiche Verfahren bedingt seinerseits eine Steigerung beim Aufwand. Dieses Vorgehen habe aber auch Vorteile. Pia Zeder nennt die Berücksichtigung aller Aspekte der Fälle durch den interdisziplinären Austausch, die Entlastung des Personals durch geteilte Verantwortung, die Einheitlichkeit der Rechtsprechung und die Qualitätssteigerung bei der KESB.

Stellenzuwachs knapp berechnet

«Wir wurden überrascht, dass es anfänglich so viel Mehrzeit gab. Wir haben nicht damit gerechnet», sagt auch Marlis Meier, Präsidentin der KESB Entlebuch, Wolhusen und Ruswil. Der Grund dafür sei die Suche nach individuellen und massgeschneiderten Lösungen für die zu behandelnden Fälle. Dazu komme, dass sich Leute schneller an die neue Stelle wenden würden als sie dies früher vielleicht getan hätten.

«Aus meiner Sicht wurde bei der Pensenplanung zu wenig beachtet, dass in der ersten Phase neben der Alltagsarbeit die Umsetzung des neuen Rechts, die Einarbeitung neuer Mitarbeitender und die Umsetzung der Neuorganisation zu bewältigen ist», sagt Pia Zeder von der Stadtluzerner KESB.

Ähnliche Situation in Zug

Die Umstellung auf die neue Struktur ist auch im Kanton Zug noch nicht abgeschlossen. Das neue zentralisierte Amt für Kindes- und Erwachsenenschutz ersetzt dort 22 vorhergehende separate Behördenstellen in den Gemeinden. Amtsleiterin Gabriella Zlauwinen sagt, die Belastung der Mitarbeitenden sei im Moment sehr hoch. Seit Anfang Jahr ist die von den Gemeinden übernommene Anzahl laufender und noch zu bearbeitender Fälle von 1405 auf 1754 Fälle angestiegen.

Ein möglicher Grund für die Fallzunahme ist gemäss Gabriella Zlauwinen, dass die neue zentrale KESB-Stelle anonymer ist als die vorhergehenden Vormundschaftsbehörden auf Ebene der Gemeinden. Die Leute würden sich eher an die neue anonymere Stelle wenden.

Gegenmassnahmen ergriffen

Als Folge der hohen Arbeitsbelastung wurden bei den verschiedenen Kinder- und Erwachsenenschutzbehörden erste Massnahmen eingeleitet und teilweise auch schon umgesetzt.

Im Rahmen der Umstrukturierung der KESB wurden auf dieses Jahr hin die Pensen bei der Stadtluzerner Abteilung von 16,6 auf 24,1 Stellen erhöht. Seit Anfang Oktober steht ein weiteres Pensum von 30 Prozent zur Verfügung. Trotz dem hohen Arbeitsanfall sei das Betriebsklima gut, so Pia Zeder. Von den 32 Mitarbeitern kam im Januar jeder Dritte neu dazu. Diese Stellen konnten ohne Mühe mit geeigneten Fachkräften besetzt werden.

«In der KESB Luzern sind wir auf einem guten Weg. Trotz guten und motivierten Mitarbeitenden ist die neue Situation auch für uns eine grosse Herausforderung. Die Belastung ist hoch und nicht ohne Mehrzeit zu bewältigen», so Pia Zeder. Die Überstunden hätten «massiv» zugenommen. Alleine zwischen Januar und August sind 1400 zusätzliche Mehrstunden angefallen. Das ist mehr als eine Arbeitswoche pro Vollzeitstelle. Gemäss Zeder ist es fraglich, «ob es in nächster Zeit gelingt, Mehrzeiten in grösserem Umfang zu vermeiden.»

Angespannte Arbeitssituation

Bereits im Frühling konnte die KESB Willisau-Wiggertal um eine Stelle von 80 Prozent aufstocken. Dasselbe könnte Ende Jahr nochmals geschehen, muss aber zuerst noch bewilligt werden.

Auf die Arbeitsbelastung hat auch die KESB Entlebuch/Wolhusen/Ruswil reagiert und eine Aufstockung vorgenommen. Es sei sicher im Moment nicht einfach, geeignetes Fachpersonal zu finden, sagt Marlis Meier. «Wir hatten hingegen Glück bei der Besetzung der Stellen.»

In der 15 Verbandsgemeinden umfassenden KESB Luzern-Land sind aktuell 248 Gefährdungsmeldungen in Bearbeitung. «Wir haben sehr viel zu tun», sagt Elisabeth Scherwey. Zumal nebst den Gefährungsmeldungen noch weitere Verfahren wie Unterhaltsverträge, gemeinsame elterliche Sorge und die fürsorgliche Unterbringung zu bearbeiten sind.

Erste Massnahmen gegen die hohe Arbeitsbelastung wurden im Sommer getroffen. Bis zu diesem Zeitpunkt anfallende Überstunden wurden teilweise ausbezahlt. Sollte sich die Arbeitssituation nicht beruhigen, müssen gemäss Scherwey weitere Massnahmen angedacht werden. Nach Kündigungen in der Fachbehörde der KESB Luzern-Land werden nun zwei Neubesetzungen mit zusätzlichen Stellenprozenten bestückt.

Stellenplan in Zug erhöht

Diese starke Zunahme geht auch an der Zuger KESB nicht spurlos vorbei. Gabriella Zlauwinen sagt: «Die Belastung aller Mitarbeitenden ist sehr hoch. Sie weisen zusammen einen Mehrzeitsaldo von über 1300 Stunden aus.» Der grosse Arbeitsaufwand werde mit viel Engagement und Mehrzeit aller Mitarbeitenden bewältigt. «Durch die fehlenden Ressourcen ist die Bearbeitungszeit der Fälle jedoch länger.» Als Folge dieser Arbeitsüberlastung wurde der Stellenplan des Amts für Kindes- und Erwachsenenschutz um zwei Stellen auf knapp 28 erhöht. Zudem wird mit Aushilfen gearbeitet. Geeignete Fachleute zu finden sei allerdings in Zug nicht sehr leicht.

Emmen auf Kurs

Die Situation bei der KESB in Emmen unterscheidet sich von den bisher angesprochenen. Im Vergleich mit den anderen Behörden scheint es mit der Arbeit in Emmen aufzugehen. Die zuständige Präsidentin, Claudia Zwimpfer, sagt: «Die Tage sind arbeitsintensiv. Wir verzeichnen aber keine grossen Überstunden.» In den ersten zehn Monaten wurden 886 Verfahren behandelt. 268 Fälle sind zurzeit in Bearbeitung.

Die KESB Kreis Emmen hätte mit 620 Stellenprozenten begonnen und sei nun mit 800 Prozenten vollzählig. Die offenen Stellen konnten mit geeigneten Fachkräften besetzt werden. 

Diese vergleichsweise angenehme Situation ist unter anderem auf die vorgängig bereits bestehenden Strukturen zurückzuführen. «Die meisten Personen, die heute in der KESB Kreis Emmen tätig sind, waren am Aufbau mitbeteiligt. Ohne Aufregung ging jedoch auch in Emmen die Neuorganisation nicht vonstatten. Wir hatten die hohe Arbeitsbelastung und die Überstunden während des letzten Jahres», informiert Claudia Zwimpfer. Mittlerweile ist das Team, welches aus Fachbearbeitern, Juristen und Sozialabklärern besteht, eingespielt.

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