«Kinder waren verängstigt und mussten fliehen»
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Links die Langensandbrücke, über welche jeweils die Gästefans transportiert werden oder marschieren. Rechts das FCL-Fanlokal – und vorne Stadtpräsident Stefan Roth. (Bild: Luca Wolf)

Stadtpräsident Roth zu den Krawallen «Kinder waren verängstigt und mussten fliehen»

6 min Lesezeit 29.05.2015, 16:36 Uhr

Die Massenschlägerei vom Pfingstmontag hat viele betroffene Anwohner geschockt. Stadtpräsident Stefan Roth (CVP) musste als Blitzableiter für die Sorgen herhalten – und will künftig solche Krawalle verhindern. Wie das geschehen soll, weiss Roth jedoch noch nicht. Ein Teil des Problems sei aber das Fanlokal am Bundesplatz.

Diesen Freitag hat auch der Luzerner Stadtrat auf die Ausschreitungen zwischen Fussballanhängern vom Pfingstmontag reagiert (zentral+ berichtete). Der Stadtrat verurteilt demnach die Krawalle «aufs Schärfste». Die Gefährdung der Quartierbevölkerung sei nicht tragbar. Man wolle nun mit den zuständigen Stellen des Kantons, der Luzerner Polizei, des FC Luzern, der Fanarbeit, der VBL und der SBB die Lage analysieren und nach Lösungen suchen. Auch sucht der Stadtrat das Gespräch mit den betroffenen Quartiervereinen. Nächsten Montag ist das Thema zudem im permanenten Sicherheitsausschuss traktandiert.

zentral+: Stefan Roth, wie haben Sie von den Krawallen erfahren?

Stefan Roth: Ich war am Pfingstmontag ausser Haus und habe dann medial am Dienstagmorgen davon erfahren.

zentral+: Was ging Ihnen dabei durch den Kopf?

Roth: Ich dachte: Schon wieder der FC Zürich. Wir hatten ja schon letzten Sommer mit dem gleichen Gegner ähnliche Probleme. Nach den montaglichen Ausschreitungen hat der Stadtrat das Thema nun thematisiert. Es ist einfach nicht akzeptabel, dass Quartierbewohner gefährdet werden. Spielende Kinder im Moosmattquartier waren ob der Ausschreitungen verängstigt und sind nach Hause geflohen. So geht’s einfach nicht mehr weiter.

«Spielende Kinder im Moosmattquartier waren ob der Ausschreitungen verängstigt und sind nach Hause geflohen.»

zentral+: Wie waren die Reaktionen aus dem Quartier?

Roth: Ich bekomme Mails und werde von Leuten angesprochen. Und das ist nachvollziehbar. Wenn man so was mal erlebt, wenn 300 Leute Parolen singend angelaufen kommen, das kann Angst machen.

zentral+: Wie reagiert der Stadtrat darauf? Mit «Dialog vertiefen», wie angekündigt, werden sich die Anwohner kaum mehr zufrieden geben?

Roth: Ich begrüsse das Durchgreifen der Polizei und die hohen Strafen der Staatsanwaltschaft, wie sie gerade diesen Donnerstag wieder bekannt gegeben wurden (zentral+ berichtete). Diese Strafen sollen auch weiterhin veröffentlicht werden, auch die Rayonverbote sind konsequent umzusetzen. Wenn es aber DIE Lösung gäbe, hätten wir sie zusammen mit dem Kanton längst umgesetzt. Nun braucht es eine gemeinsame Analyse, was genau am Montag passiert ist. Warum kam es soweit? Daraus sollen die Konsequenzen auf die nächste Saison hin gezogen werden.

zentral+: Was braucht es aus Sicht des Stadtrates an neuen Massnahmen?

Roth: Es sind schon viele Optionen geprüft und verworfen worden. Um konkrete neue Massnahmen zu nennen, ist es aber zu früh.

zentral+: Offenbar ist die Angst von Gewalttätern, erwischt zu werden, sehr klein. Sonst würden sie sich nicht auf offener Strasse prügeln. Wie lässt sich das ändern?

Roth: Was nun an Bussen von der Staatsanwaltschaft veröffentlicht wurde, ist ein Zeichen in die richtige Richtung. Das ist wichtig für die Aussenwahrnehmung. Abschreckend könnte auch wirken, wenn sich die Haftzeit von heute 48 auf 72 Stunden verlängern liesse, wie das die kantonale CVP gefordert hat. Damit müssten sich die Gewalttäter auch am Arbeitsplatz erklären. Aber hier stellen sich gemäss Regierung rechtliche Fragen (zentral+ berichtete).

zentral+: Ist das Pilotprojekt «Focus One» der Schweizerischen Fussball-Liga ein probates Mittel? Dabei filmen Detektive mit Hightech-Kameras die Fans, um sie besser identifizieren zu können?

Roth: Auch das ist eine Massnahme, auf dessen Resultate ich gespannt bin. Ich kann mir vorstellen, dass die SFL dieses Projekt weiter führt.

zentral+: Allerdings stellen sich auch hier rechtliche Fragen, etwa betreffend Datenschutz?

Roth: Im Sicherheitsausschuss werde ich das einbringen und will wissen, wie die Erfahrungen in anderen Städten bislang sind.  

zentral+: Für viele könnte der lang diskutierte, aber schlussendlich verworfene Fanperron in Richtung Inseli eine Lösung sein?

Roth: Das sehe ich nicht so. Es hat sich gezeigt, dass der Perron am falschen Ort ist. Das Thema ist vom Tisch.

«Es hat sich gezeigt, dass der Fanperron am falschen Ort ist. Das Thema ist vom Tisch.»

zentral+: Warum? Damit könnten die Gästefans mit den Extrazügen hinter dem Bahnhof ein- und aussteigen und mit Bussen via Werkhofstrasse zum Stadion transportiert werden. Dadurch müsste die Zentralstrasse nicht mehr gesperrt werden und der Brennpunkt Bundesplatz, wo das Fanlokal steht, wäre entschärft.

Roth: Die Vor- und Nachteile dieses Perrons wurde mehrfach diskutiert. Nebst dem grossen finanziellen Aufwand stellen sich offenbar viele weitere heikle Fragen: Was ist etwa, wenn die Fans dort dann doch nicht einsteigen wollen und quer durch den Bahnhof marschieren?

zentral+: Unter anderem Ihre Partei, die CVP, kritisiert auch, dass das Fanlokal am falschen Ort sei.

Roth: Des sehe ich auch so. Das Fanlokal gehört in die Nähe der Swissporarena. Dort kommt die Stimmung auf. Dort kann man sich nach dem Spiel treffen und diskutieren.

zentral+: An den Ausschreitungen vom Montag hätte ein anderer Standort des – am Pfingstmontag geschlossenen – Fanlokals aber wohl wenig geändert: Gewaltbereite hätten sich auch so treffen können. Zudem bliebs am Bundesplatz selber ruhig.

Roth: Der Bundesplatz bleibt immer ein neuralgischer Punkt bei der jetztigen Gästefan-Führung in und vom Stadion. Liesse sich ein anderer, geeigneterer Standort finden, so wäre dies ein Puzzlestein zur Beruhigung der Situation. 

Starke Polizeikräfte riegeln am Pfingstmontag den Bundesplatz ab, um den Heimmarsch der Zürichfans zu ermöglichen.

Starke Polizeikräfte riegeln am Pfingstmontag den Bundesplatz ab, um den Heimmarsch der Zürichfans zu ermöglichen.

(Bild: zvg)

zentral+: Die Polizei hat am Montag aus Angst vor Übergriffen bewusst den Entscheid gefällt, die FCZ-Fans zum Bahnhof marschieren zu lassen, anstatt sie mit Bussen zu transportieren. Und trotzdem liefen sich gewaltbereite Gruppierungen über den Weg, als sie ihre Wege bei der Voltastrasse fast kreuzten. War der Entscheid richtig?

Roth: Zu polizeitaktischen Anweisungen äussere ich mich nicht. Wir analysieren nun gemeinsam mit Kanton und Luzerner Polizei, was genau abgelaufen ist.

zentral+: Offenbar haben gewaltbereite Gruppen auf beiden Seiten eine Schlägerei mit allen Mitteln gesucht – lässt sich das überhaupt verhindern?

Roth: Wir haben als Politiker zumindest die Aufgabe alles zu tun, dass das nicht mitten in Wohnquartieren passiert, wo unschuldige Dritte gefährdet werden. Das darf nicht sein.

«Wir haben als Politiker zumindest die Aufgabe alles zu tun, damit solche Ausschreitungen nicht mitten in Wohnquartieren passieren.»

zentral+: Die FCZ-Fans marschierten entlang der Voltastrasse zum Bahnhof. Auf der parallel gelegenen Eschenstrasse waren die Luzerner (siehe Grafik unten). Hätte man die Eschenstrasse nicht besser kurzfristig sperren sollen? Dann wäre es zumindest dort nicht zu Ausschreitungen gekommen?

Roth: Das interessiert auch den Stadtrat. Wir wollen all diese Fragen im Sicherheitsausschuss besprechen. Bestimmt gibt es gute Gründe für diesen Entscheid.

Grafiklegende: Die Route der FCL-Fans ist dunkelblau eingezeichnet, jene der FCZ-Fans rot. Im Bereich des braunen Kreises kam es zu den Schlägereien. Die Polizei sicherte den Übergang von der Voltastrasse zur Eschenstrasse (schwarzer Balken). Die beiden Fanmärsche marschierten unglücklicherweise fast genau zur gleichen Zeit in die Volta- resp. Eschenstrasse ein, was zur Eskalation beigetragen hat. Die Luzerner Fanorganisation USL gibt dafür der Polizei die Schuld: Diese hätte laut USL eine Fangruppe blockieren sollen, damit zuerst die andere die Strasse runter läuft und sich die Fanblöcke damit nicht so nahe kommen.

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