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Kinder aus schwierigem Quartier spielen die Hauptrolle
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Eines der «Kinder von Babel» schaut im St.-Karli-Schulhaus aus dem Fenster. (Bild: zVg )

Luzernerin zeigt ihr Werk an Solothurner Filmtagen Kinder aus schwierigem Quartier spielen die Hauptrolle

5 min Lesezeit 14.01.2017, 17:30 Uhr

Im St.-Karli-Schulhaus erklingt Beethoven: Die «BaBeL-Strings» bereiten sich auf ihren grossen Auftritt vor. Lena Mäder dokumentiert in ihrem Werk «Die Kinder von Babel» den Alltag von Kindern aus der Baselstrasse – nun wird die Dokumentation am bedeutendsten Festival für den Schweizer Film gezeigt.

«Ode an die Freude», aus der 9. Sinfonie Beethovens, klingt  aus den Klassenzimmern des St.-Karli-Schulhauses. Die Töne und der Rhythmus stimmen nicht ganz, es muss noch geübt werden, denn es steht ein grosses Konzert an. Nach Zürich soll es gehen, 300 Zuschauer werden die grosse Halle füllen – das Jahreshighlight für die jungen Luzerner Musiker. So beginnt Lena Mäders Dokumentarfilm «Die Kinder von Babel», der am 22. Januar an den Solothurner Filmtagen gezeigt wird.

Die Luzerner Filmemacherin zeigt einen speziellen Ausschnitt aus dem Leben von Kindern im Basel-Bernstrasse-Quartier: den Instrumentalunterricht im St.-Karli-Schulhaus. Die Musik wirkt als Brücke über kulturelle Gräben. Gleichzeitig stellt der Film die Frage: Ist die klassische Musik als Form der westlichen Hochkultur gerade dafür das richtige Mittel?

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Die Kinder der «BaBeL-Strings»

Grundlage für den Dokumentarfilm ist das Projekt «BaBeL Strings», ein interkulturelles Streichorchester für Kinder und Jugendliche zwischen sieben und zwölf Jahren. Das Projekt soll die Kinder bei der Integration unterstützen und ihnen die Chance auf Musikunterricht geben – trotz fehlender finanzieller Mittel der Eltern. Organisiert sind die «BaBeL-Strings» in einem Verein, der symbolische Jahresbeitrag beträgt drei Franken. Finanziert wird der Verein mit Beiträgen von der Stadt Luzern und von Spenden.

Die Cellisten verzweifeln in der Übungsstunde, von links: Omar, Gabriele und Sarafina.

Die Cellisten verzweifeln in der Übungsstunde, von links: Omar, Gabriele und Sarafina.

(Bild: zVg)

Mäder erklärt, sie habe das Projekt schon länger gekannt: «Ich wohne in der Nähe der Baselstrasse und sehe die Kinder oft auf ihrem Schulweg, wenn sie mit ihren Instrumenten stolz durch das Quartier spazieren.» Man sehe den Kindern an, wie viel es ihnen bedeute, die Instrumente nach Hause nehmen zu dürfen. Bewohnerin des BaBeL-Quartiers, Filmemacherin und Kindergärtnerin – das Thema kommt also nicht von ungefähr. Mäder bestätigt: «Für den Film wollte ich ein mir nahe liegendes Thema nehmen.»

Ein ganzes Jahr lang mit der Kamera dabei

Der Fokus lieg auf fünf Kindern: Omar, Gabriele, Taymaz, Sofiia und Apsarah. «Es handelt sich bei allen um Anfänger, bei denen man die Entwicklung gut erkennen kann», sagt Mäder. «Die Kinder haben alle einen Migrationshintergrund, kommen aus bescheidenen Familienverhältnissen und könnten sich den Musikunterricht an einer Musikschule niemals leisten.»

Taymaz spielt noch einmal die «Ode an die Freude», denn bald geht das Konzert los.

Taymaz spielt noch einmal die «Ode an die Freude», denn bald geht das Konzert los.

(Bild: zvg)

Die Luzernerin begleitet die Kinder während eines ganzen Jahres. Man taucht in die privaten Sphären der Kinder ein. Der Film führt vom Schulhaus in die Wohnungen der Baselstrasse, aber auch mit in das Übungslager des Musikvereins und alles läuft dramaturgisch auf den Jahreshöhepunkt zu: das grosse Konzert in der Tonhalle Zürich.

Anknüpfungspunkte im Fremden

Ein auffallender Protagonist heisst Taymaz. Ursprünglich aus dem Iran lebt er zusammen mit seinem Vater in einer Notunterkunft für Sans-Papiers. Der Film lässt die schwierigen Umstände eines alleinerziehenden Vaters ohne Aufenthaltsbewilligung mit den alltäglichen Sorgen seines Sohnes kommentarlos kollidieren: Seien es Hausaufgaben oder die schiefen Töne, welche die Geige noch Tage vor dem grossen Konzert von sich gibt. Der Zuschauer findet in dieser fremden Umgebung also Anknüpfungspunkte und Parallelen – das gibt dem Film eine sehr menschliche Note.

Lena Mäder während den Aufnahmen mit Apsarah, die im Film mitspielt.

Lena Mäder während den Aufnahmen mit Apsarah, die im Film mitspielt.

(Bild: zVg)

Von Höhlenmenschen und Adam und Eva

Das Zusammenprallen der verschiedenen Kulturen zeigt sich auf allen Ebenen, auch bei einer intensiven religiösen Diskussion unter den Kindern: So wurde laut Gabriele die Bibel von Höhlenmenschen geschrieben und Adam und Eva lebten zu Zeiten von Dinosauriern.

Ob das stimmt, sei fraglich, da es nicht so im Koran stehe, wirft Omar ein. Und Taymaz konstatiert, man könne nichts wissen, dies seien sowieso alles nur Geschichten. Durch kindliche Argumente wird eines der schwierigsten und aktuellsten Themen verhandelt – ganz ohne Wertung.

Der dritte Fokus liegt bei zwei Mädchen, Sofiia und Apsarah. Erstere stammt ursprünglich aus Russland und bleibt ausserhalb der Wohnung ihrer Familie stumm. Dies führt dazu, dass Sofiia nur in einer kurzen Sequenz zu Wort kommt – als sie zu Hause ihrer Mutter vorspielen darf. So kommt die Musik am effektivsten als kulturelle Brücke zur Geltung, denn ihre Freundin Apsarah versteht Sofiia auch ohne Worte. So entsteht eine Freundschaft – ohne dass gesprochen wird.

Apsarah übt zu Hause für den grossen Auftritt.

Apsarah übt zu Hause für den grossen Auftritt.

(Bild: zVg)

Film ist ein Abschlussprojekt

«Die Kinder von Babel» ist das Abschlussprojekt von Mäders Masterstudium in Dokumentarfilm an der Zürcher Hochschule der Künste. Die 32-jährige Luzernerin hat vor ihrem Studium als Kindergartenlehrperson gearbeitet. In diesem Beruf ist sie vorübergehend wieder als Stellvertreterin an einem Luzerner Kindergarten tätig. Mäder sagt aber: «Ich habe verschiedene filmische Ideen, die ich möglichst bald umsetzen möchte.»

«Der Zuschauer muss in den Film eintauchen, um die Handlung mitzuerleben.»

Lena Mäder, Filmemacherin

Co-Produktion mit dem SRF

Der Dokumentarfilm arbeitet mit dem Stilmittel der reinen Beobachtung. Die sonst typische Begleitstimme aus dem Off fällt ganz weg. Aus den unkommentierten Sequenzen entstehe die Handlung von selbst, so Mäder: «Die Bilder erzählen die Geschichte. Der Zuschauer taucht in den Film ein und erlebt so das Geschehen mit.» Die Filmemacherin war mit einem kleinen Filmteam so oft im Unterricht, dass sie irgendwann einfach dazu gehörte. Zu diesem Team gehörten Roman Hodel an der Kamera und Salome Wüllner, zuständig für den Ton.

«Rue de Blamage» auch an den Solothurner Filmtagen

Am 22. Januar läuft noch ein zweiter Film an den Solothurner Filmtagen: Aldo Gugolz' «Rue de Blamage». In seiner Dokumentation – ebenfalls über die Baselstrasse – dreht sich alles um das Leben im Quartier im Norden von Luzern: Ein drogenabhängiger Strassenmusiker, der sein Leben als Vater meistern möchte. Eine syrische Flüchtlingsfrau, die Angst um ihre Tochter hat. Eine Besitzerin eines Bordells, die sich neue Gesprächsthemen wünscht. Und ganz zentral ist Heinz, der Strassenkehrer – und die Verwirklichung seines Denkmals am Kreuzstutzkreisels.

Der Film entstand in Co-Produktion mit dem Schweizer Fernsehen SRF. Die Filmemacherin erklärt: «Die Zusammenarbeit mit dem Schweizer Fernsehen war für mich ein Glück. Das Fernsehen übernahm einen Teil der Finanzierung und dank der späteren Ausstrahlung des Films, wird ein enorm breites Publikum erreicht.»

Eine Bereicherung für unsere Gesellschaft

Der Film zeigt, dass Musik als Verbindungselement funktioniert. Darübergelegt werden viel grössere Probleme: Religion, Herkunft, Identität, Kindheit. 

«Mein grösster Wunsch wäre», so Mäder, «dass der Zuschauer nach dem Film merkt, was für eine Bereicherung diese Kinder für unsere Gesellschaft sind. Was haben wir für ein Glück, dass diese Familien zu uns in die Schweiz gekommen sind. Die Kinder von Babel – das ist echte Integration.»

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