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«Kies-Krimi» – Ein Landwirt und seine 20 Einsprachen
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In Zell tobt seit Jahren ein Kampf um den Rohstoff Kies. (Bild: AURA/Emanuel Ammon)

Kampf um Steine im Luzerner Hinterland vor Gericht «Kies-Krimi» – Ein Landwirt und seine 20 Einsprachen

4 min Lesezeit 1 Kommentar 15.09.2016, 05:06 Uhr

Seit Jahren schwelt im Luzerner Hinterland ein erbitterter Kampf um die Kiesvorkommen. Nun sah es gut aus für die Gemeinde Zell und die lokalen Kiesunternehmen in ihrem Wirtschaftskrimi gegen den Berner Baukonzern Marti. Noch steht dem Happy End aber ein renitenter Bauer im Weg. Vor Gericht hatte dieser mit erheblichen Gedächtnislücken zu kämpfen.

Kies ist das Gold des Luzerner Hinterlands. Das wissen aber nicht nur die Hinterländer – auch die Berner haben davon Wind bekommen.

Seit Jahren streitet sich nun die Marti Holding AG aus Moosseedorf mit drei lokalen Kiesunternehmen aus dem Luzerner Hinterland. Obwohl streiten sehr milde formuliert ist. Selbst die Zeitung «Bund» berichtete im vergangenen Jahr über die «Wildwest-Methoden des Baukonzerns Marti». Es geht um verbarrikadierte Zufahrtsstrassen, zermürbende Einsprachen und Beschwerden, um Steuerdelikte und um Verstösse gegen das Kartellgesetz.

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Beschwerden bis vor Bundesgericht

Involviert sind zahlreiche Tochterfirmen der Marti Holding AG, die Gemeinde Zell und drei lokale Kiesunternehmen und Privatpersonen aus der Nachbarschaft.

Die Verhältnisse sind verwirrend, die Eigentums- und Vertragsverhältnisse komplex. Man hat kaum noch den Überblick, wer weshalb gegen was Beschwerde einreicht. Statuten und Zonenpläne wurden geändert, und alles wurde sofort wieder per Einsprache blockiert. Bis zum Bundesgericht beschäftigt der Kieskrieg die Justiz.

Einer der ständigen Beschwerdeführer gegen das lokale Unternehmen Kieshandels AG Zell ist ein Landwirt, dessen Land in Zell von der Kiesabtragung und dem Transport betroffen ist. Doch es scheint nun, als werde dieser genauer unter die Lupe genommen. Man will wohl von Seiten des Gerichts endlich Klarheit über die Gründe der Beschwerden und die Hintergründe erhalten. Und Ruhe.

Ein Gerichtstermin – wofür?

Zusammen sitzt man am Mittwochnachmittag wieder mal vor dem Kantonsgericht. Es geht um eine Parteibefragung – was das jedoch genau ist und wozu es gut sein soll, das scheint keiner so genau zu wissen, aber gekommen sind sie trotzdem alle. Von der Kieshandels AG Zell, der Gemeinde und der Regierung sind mehrere Vertreter dabei – inklusive Rechtsberatung und Anwalt. Einige der Vertreter nehmen in den hinteren Reihen Platz. So auch der Senior-Chef der Kieshandels AG.

Befragt wird jedoch der private Beschwerdeführer. Der Landwirt wirkt nicht so geübt vor Gericht, wie man es sich nach diesen Jahren von Gericht zu Gericht vorstellen könnte.

Man weiss von nichts

Der Kantonsrichter will von ihm wissen, ob er Geld dafür erhalten habe, Beschwerde zu führen. Ob er seinem Anwalt bereits etwas habe bezahlen müssen. Ob er sich überlegt habe, wie viel Geld es ihn kosten würde, wenn er verlieren würde. Ob er diese Kosten dann auch selbst tragen würde.

Die Antworten wirken nicht sehr überzeugend: Nein. Nein. Das wisse er nicht – nicht viel wahrscheinlich. Dazu sage er nichts.

Auch dazu, wie die bisherigen Gerichtsverfahren, die Anwaltskosten und die Einsprachen finanziert worden sind, will er sich nicht äussern. Glaubt man jedoch einem Artikel der «Berner Zeitung» vom Juli 2015, wurden Zehntausende Franken an Anwaltskosten des Landwirts von einer Tochterfirma der Marti Holding beglichen.

Eines der Kiesabbaugebiete in Zell. (AURA/Emanuel Ammon)

(Bild: Copyright by AURA )

Eine verkappte Geschichte – voller ausgelassener Details

Als er die Geschichte um seine Beschwerde erzählen soll, wird er dann doch etwas gesprächiger. Angefangen habe alles mit Sportanlagen, welche die Kieshandels AG Zell auf seinem Land habe bauen wollen. Die Details lasse er hier weg. Das ginge zu lange.

Nach einigem Hin und Her und nach unfreundlichen Telefonaten wegen einer geplanten Werkstrasse habe er dann mit einer anderen Firma einen Vertrag abgeschlossen. «Seither habe ich das Theater», betont er.

Er habe all die Beschwerden eingereicht, weil einfach vieles nicht fair abgelaufen sei. «Die Firma hat eine Zufahrtsstrasse, sie braucht keine zusätzliche, die das Waldstück zerschneidet.» Man habe ihm das Land ungenügend instandgestellt, er müsse ständig mit Dreck und Steinen leben. In den hinteren Rängen des Saals wird geschnaubt und zynisch gelacht.

Als der Anwalt der Kieshandels AG zu seinen Fragen kommt, werden die Aussagen des Landwirts immer unklarer. Allgemein gibt es viele Punkte, in welchen er sich nicht an seine eigenen Beschwerden zu erinnern vermag. So wie er auch von den finanziellen Aufwänden keine Ahnung zu haben scheint, welche solche Gerichtsverfahren und Anwaltskosten beinhalten.

Er weiss von nichts

Seit 2007 habe es 20 Verfahren gegen die Kieshandels AG Zell im Namen des Landwirts gegeben. Und in dreien davon wurde verlangt, dass die AG nicht mehr über sein Land fahren dürfe. Also das, was er noch vor wenigen Minuten bei der Befragung als selbstverständlich bezeichnete. Er habe nie etwas dagegen gehabt. Von diesen, seinen eigenen Beschwerden und Einsprachen wisse er nichts.

Er habe das Waldstück erst gerade wieder aufgeforstet, argumentiert der Landwirt. Doch scheinbar war das kein Auftrag. Er habe diese Aufforstung selbst verlangt, so der Anwalt der Kieshandels-AG. «Das kann sein», so die Antwort. Er habe aber nie jemandem Steine in den Weg gelegt. Schnauben aus den hinteren Reihen.

Ende in Sicht?

Zum Ende der Befragung bleibt offen, wie es für die Parteien weitergehen wird. Dass das ganze Drama, in welchem bisher um die 70 Verfahren angestrebt worden sind, bald zu Ende ist, daran glaubt wohl kaum noch einer.

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1 Kommentare
  1. Hans Peter Roth, 15.09.2016, 13:52 Uhr

    Die zweite Foto (Wohnhäuser am nahen Abgrund) verblüfft: Wo ist so was möglich? Nur in einer Bananenrepublik! Die Kiesabbauer von Zell sind wie die Kehrrichtverbrenner von Napoli!