Kesb Luzern: Nach dem Lockdown sind die Gefährdungsmeldungen massiv gestiegen
  • Gesellschaft
Die Corona-Massnahmen haben zu einem Anstieg der Gefährdungsmeldungen bei der Kesb Luzern geführt. (Bild: Pixabay)

Psychische Auswirkungen der Corona-Massnahmen Kesb Luzern: Nach dem Lockdown sind die Gefährdungsmeldungen massiv gestiegen

4 min Lesezeit 27.04.2021, 17:30 Uhr

Die Massnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie haben Auswirkungen auf die psychische Gesundheit der Menschen. Dies bekam die Kesb Luzern nach dem ersten Lockdown deutlich zu spüren. Die gute Nachricht: Nur selten waren Massnahmen nötig.

Wie aus dem Geschäftsbericht der Stadt Luzern hervorgeht, ist die Zahl der Gefährdungsmeldungen im Jahr 2020 deutlich angestiegen. Im Bericht heisst es, das liege an den «Corona-Massnahmen, die Auswirkungen gehabt hätten auf die psychische Gesundheit der Menschen».

Bei der Kesb Luzern wurde das mit einem Anstieg der Gefährdungsmeldungen ganz konkret spürbar. «Zu Beginn des Lockdowns bekamen wir noch keine Meldungen von den Schulen. Die kamen erst später, als sich die Schulen um die Gesundheit ihrer Schüler und Schülerinnen zu sorgen begannen», sagt Kesb-Präsidentin Angela Marfurt. Nach dem Lockdown, also ab Mai 2020, hätten die Meldungen von Schulleiterinnen, Polizei, Eltern und Ärztinnen dann zugenommen.

Kinder sind aus dem Rhythmus gefallen

Was hat den Kindern konkret zu schaffen gemacht? Angela Marfurt kennt die ganze Palette der Probleme, die im Lockdown entstanden sind. «Einige der Kinder und Jugendlichen haben teilweise den Tages-Rhythmus verloren: Manche haben bis in die frühen Morgenstunden Computerspiele gespielt und kamen dann morgens nicht mehr aus dem Bett. Wir nennen das Tag-Nacht-Umkehr», so Marfurt.

«Bewegungsmangel wirkt sich auch auf die Lebensfreude aus und kann zu depressiven Verstimmungen führen.»

Auch der Bewegungsmangel machte sich bei einigen Kindern bemerkbar. «Dieser wirkt sich auch auf die Lebensfreude aus und kann zu depressiven Verstimmungen führen», so die Kesb-Präsidentin. Es habe aber auch Meldungen wegen Vereinsamung, Verwahrlosung und häuslicher Gewalt gegeben.

Gewalt in der Familie

Angela Marfurt erinnert sich an einen konkreten Fall, in dem es wegen der Corona-Massnahmen zu Schwierigkeiten in einer Familie gekommen ist. «Ein Vater wurde gegenüber der Mutter gewalttätig. Die 14-jährige Tochter reagierte auf die psychische Belastung und wurde magersüchtig.» Die Mutter habe von sich aus die Kesb eingeschaltet.

«Wir haben dann mit der Familie das Gespräch gesucht und für die Tochter einen Platz in der Jugendpsychiatrie Kriens gefunden. Der Mutter haben wir geholfen, sich vom Partner zu lösen. Auch den Mann, der Suchtprobleme hatte, haben wir begleitet und für eine Therapie motiviert», erzählt die Kesb-Präsidentin

Mehr Meldungen, aber nicht mehr Massnahmen

Interessanterweise ist im Corona-Jahr 2020 zwar die Zahl der Gefährdungsmeldungen gestiegen, nicht aber diejenige der angeordneten Massnahmen. «Unsere Mitarbeitenden von der Sozialabklärung haben vieles in den ersten Gesprächen aufgefangen und die Fälle an spezialisierte Fachstellen weitergeleitet», so Marfurt.

«Wenn sich jemand bei uns meldet, hat das immer einen ernsten Hintergrund.»

Die Kesb habe zwar – wie die Polizei und das Frauenhaus auch ­– keinen Anstieg von Meldungen wegen häuslicher Gewalt festgestellt (zentralplus berichtete). «Aber ich gehe davon aus, dass die innerfamiliäre Situation während der beiden Lockdowns schwierig war und viele Eltern überfordert waren.»

Wenn beide Eltern im Homeoffice arbeiten und die Kinder Homeschooling machen müssen, ist es extrem herausfordernd, die Kinder den ganzen Tag zu beschäftigen und alle Bedürfnisse unter einen Hut zu bringen. Das sieht auch Angela Marfurt so. Sie hält jedoch fest: «Es war eine Herausforderung für viele Familien. Aber oft nicht so, dass es eine Massnahme brauchte.»

Erklärtes Ziel: So wenig eingreifen wie möglich

Daraus zu schliessen, dass die meisten Gefährdungsmeldungen «nicht nötig» gewesen sind, wäre aber falsch. «Wenn sich jemand bei uns meldet, hat das immer einen ernsten Hintergrund. In der Regel sehen die Betroffenen die Kesb als das letzte Mittel, um die Situation zu ändern», so Marfurt. Dass Meldungen unnötig gemacht würden, gebe es ganz selten.

«Wir kommen nicht mit dem Fallbeil, sondern sind für die Leute da. Wir ordnen nur Massnahmen an, wenn es nicht anders geht.»

«Unsere Sozialarbeiterinnen schreiben ihre Berichte nicht einfach am Schreibtisch. Sie gehen sehr oft heim zu den Familien. Bereits in den ersten Gesprächen reden sie mit den Betroffenen über mögliche Entlastungen und bestehende Hilfsangebote.» In dieser ersten Phase sei die Kesb «sehr nahe» an den Familien dran.

«Wir arbeiten mit den Leuten zusammen und versuchen sie dazu zu befähigen, selber mit der Situation klarzukommen», so Marfurt. «Wir kommen nicht mit dem Fallbeil, sondern sind für die Leute da. Wir ordnen nur Massnahmen an, wenn es nicht anders geht.»

Ältere Menschen vereinsamen

Auch im Erwachsenenschutz machten sich die Corona-Massnahmen bemerkbar: «Wir hatten viel mit der Vereinsamung älterer Menschen und Alleinstehender zu tun, die schon vorher wenig soziale Kontakte hatten», erzählt die Kesb-Präsidentin. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihr der Fall eines betagten Mannes, der während des ersten Lockdowns seine Frau verloren hat. «Nachdem sie gestorben war, vereinsamte er richtiggehend und verwahrloste zunehmend.»

Die Kesb erfuhr schliesslich über die Polizei davon, die ihrerseits von Nachbarn eingeschaltet worden war. «Wir haben den Mann schliesslich überzeugt, in ein Betagtenheim zu gehen, wo man sich nun um ihn kümmert. Es kommt oft vor, das alte Paare symbiotisch leben und diejenige Person, die zurückbleibt dann vereinsamt», sagt Marfurt zum Schluss.

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