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Keiner wird geschont, weder Politiker noch Prominenz noch Kultur
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Christoph Fellmann auf der Schwelle der «Altherren-Burg». (Bild: jav)

Luzerner Kleintheater-Jubeljahr ohne Hemmungen Keiner wird geschont, weder Politiker noch Prominenz noch Kultur

4 min Lesezeit 19.04.2018, 18:15 Uhr

Die Regierung bekommt ihr Fett weg. Wie auch der FCL und das «Gästival». Selbstverständlich ist auch der Tourismus Thema, wenn eine Komödie in Luzern spielt und Christoph Fellmann dabei keinen verschont. Zu sehen ist die Luzern-Soap im Rahmen des 50-Jahr-Jubiläums im Kleintheater.

«Treffen sich eine Touristikerin, ein Regierungspräsident, eine Afrikanerin und ein einfacher Bürger in Luzern.» Nein, das ist kein Witz. Das ist die Ausgangslage der Jubiläumskomödie im Kleintheater, die in vier Episoden von den Bemühungen einer friedlichen und freundlichen Tourismusdestination erzählt.

Vier spontane Teile und ein Happy End

Theaterautor Christoph Fellmann hat für das 50-Jährige des Kleintheaters ein vierteiliges Stück geschrieben. Eine Eigenproduktion, genauer eine Luzern-Soap mit Titelmelodie und Cliffhanger. Von und mit Luzerner Künstlerinnen und Künstlern. «Visit Pyöngyang!» heisst die Tourismuskomödie und jede Episode wird in nur einer Woche produziert und exklusiv gespielt.

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Der Vierteiler beginnt mit der Eröffnung des Gästivals und dem Auftritt der Luzerner «Hassliebe» Seerose. Man erlebt den Luzerner Regierungsrat bei der Arbeit, der FCL wird Meister und das Ganze endet happy mit einer neuen Tourismusstrategie für die Stadt Luzern.

«Visit Pyöngyang!» nimmt das neurotische Verhältnis der Luzerner mit ihren Touristen auseinander.

«Visit Pyöngyang!» nimmt das neurotische Verhältnis der Luzerner mit ihren Touristen auseinander.

(Bild: Ingo Hoehn)

Wild drauflos

Der sonst in seiner Recherche so gründliche Luzerner Autor und langjährige Journalist hat diesmal absolut gar nichts recherchiert. «Es war die vollkommende Freiheit voller frivoler Fantasien», so Fellmann. Und dabei schont er keinen. Weder Politiker noch Prominenz und auch nicht die eigenen Reihen in der Kulturszene. «Das Stück soll brüskieren und unterhalten, es soll aber niemanden auslassen. Und vor allem nicht nur Bürgerliche bashen», so Fellmann.  

«Das Theater ist auch in Luzern härter geworden.»

Doch es sei klar: Die politische Situation gerade in den letzten Jahren im Kanton Luzern habe die Hemmschwelle gesenkt, die Regierung ohne Handschuhe anzupacken. Es ist noch kein Jahr vergangen, seit der Kanton die Sparmassnahmen in der Kultur angekündigt hat. Und seither sei einiges passiert, so Fellmann.

«Das Theater ist in letzter Zeit auch in Luzern härter geworden, politischer und dokumentarischer.» Vor zehn Jahren sei das weniger der Fall gewesen. Doch vor zehn Jahren habe in Luzern auch nicht wirklich eine Freie Szene existiert. Heute gibt es die Gruppen «Zellstoff», «ultra», «sonah», «Mimito» oder auch das professionalisierte Theater «Aeternam», zählt Fellmann auf.

Christoph Fellmann in theatraler Montur.

Christoph Fellmann in theatraler Montur.

(Bild: Ingo Hoehn)

Eine Reihe alter Herren

Die heftigen Reaktionen der Freien Szene auf die Sparmassnahmen seien vorhersehbar gewesen, findet Fellmann. «Endlich gab es eine Freie Szene in Luzern, die gewann in den letzten Jahren an Boden unter den Füssen, da zieht ihn die Regierung weg.» Deshalb seien die freien Kulturschaffenden beim Protest auch ganz vorne mit dabei gewesen. «Wir zeigen, es ist genug. Ein Mittel dafür ist die Strasse und eine ist die Bühne. Das ist nicht nur Protestfolklore», so Fellmann.

«Dass die Kulturszene an Respekt gegenüber der Regierung verloren hat, hat sich diese auch selber zuzuschreiben.» Eine rein männliche Regierung sei im 21. Jahrhundert per se lächerlich, sagt Fellmann.

Das Stück

Spiel: Julia Schmidt, Martina Binz, Patric Gehrig, Marco Sieber
Text: Christoph Fellmann
Musik: Christov Rolla
Regie: Reto Ambauen
Ausstattung: Nina Steinemann
Technik: Alessandro Paci
Grafik: Edita Vertot

Episode 1 mit Matto Kämpf (21. April), Episode 2 mit Frölein Da Capo (28. April), Episode 3 mit Johnny Burn und Theater Nawal (12. Mai), Episode 4 mit Beat Schlatter (19. Mai). Am 25. Mai werden alle Episoden nochmals gezeigt mit Schauspieler Mathias Ott.

Apropos Folklore

Dass neben der Politik vor allem der Tourismus die Hauptrolle in «Visit Pyöngyang!» spielt, geht auf das «Gästival» zurück. 200 Jahre «Gastfreundschaft Zentralschweiz» wurde 2015 mit diesem Festival gefeiert. «Eine sehr verkrampfte Sache auf einer unsäglichen Seerose», sagt Fellmannn rückblickend.

Er plädiert deshalb dafür, dass die Seerose schräg im Luzerner Seebecken versenkt werden soll. «Als Artefakt, als Erinnerung für die gescheiterte Bemühung um einen gehaltvollen Qualitätstourismus.»

Ihm selbst gehe der Tourismus im Alltag am Allerwertesten vorbei, so Fellmann. Was ihn daran interessiere, sei das neurotische Verhältnis der Luzerner zu ihren Touristen. Gerne hätte man die hippen Individualtouristen, die mit Einheimischen ein lokales Bier geniessen und alles über die hiesige Kultur erfahren wollen.

Stattdessen bekommt man weitere 100 Cars mit 5’000 Chinesen. «So ärgert sich der gekränkte Luzerner, dass alle nur an einer Uhr und einem steinernen Löwen interessiert sind. An Dingen, die für den gemeinen Luzerner völlig unwichtig sind.»

Die Dinge, die für ihn wichtig sind, die sollen in der Tourismuskomödie Platz haben. Und durch die kurze Probezeit vor den jeweiligen Aufführungen können durchaus ganz aktuelle Geschehnisse in das Stück eingebaut werden. «Man kann sich also in den nächsten Tagen mit politischen und anderen Kapriolen kreativ betätigen und sich damit noch in die Komödie reinschreiben», wirbt Fellmann.

PS: Alle Ähnlichkeit mit real existierenden Personen seien rein zufällig, betont Fellmann. Auch, wenn sie Guido, Reto, Marcel, Paul und Röbi heissen.

Die Luzerner Polizei.

Die Luzerner Polizei.

(Bild: Ingo Hoehn)

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