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«Keiner fährt 20 Kilometer für ein Päckli Darvida»
  • Gesellschaft
Die Entwickler Florian Gyger (links) und Emin Khateeb haben aus einem Programmier-Event heraus ihr Herzensprojekt entwickelt und sind stolz, einen Beitrag gegen Foodwaste zu leisten. (Bild: Rahel Hegglin)

Neue Foodwaste-App mit Zuger Wurzeln «Keiner fährt 20 Kilometer für ein Päckli Darvida»

5 min Lesezeit 28.12.2017, 12:22 Uhr

Aus einem Wettbewerb heraus entwickelten ein Zuger und ein Aargauer Programmierer eine App, die dafür sorgen soll, dass weniger Essen weggeworfen wird. Via «Foodshelf» werden Lebensmittel gratis angeboten und abgeholt. Bloss mit dem Marketing haben sie’s nicht so, die zwei.

Eigentlich wollten Emin Khateeb (24) und Florian Gyger (25) nur an einem Climathon teilnehmen, weil sie leidenschaftliche Programmierer sind und ihre Fähigkeiten beweisen wollten. Die beiden IT-Spezialisten lernten sich vor zehn Jahren kennen. Khateeb wohnte und arbeitete damals in Baar. Mittlerweile hat er seinen Arbeitgeber gewechselt und seinen Wohnort nach Rotkreuz verlegt. Gyger wohnt im aargauischen Küttigen. Dass die beiden am Climathon 2016 ein Herzensprojekt entwickeln würden, damit haben sie nicht gerechnet.

«Ein Climathon ist ein Wortspiel aus Hackathon und Clima», erklärt der Rotkreuzer Khateeb. «Innerhalb 24 Stunden muss man eine Applikation entwickeln, die die vorgegebenen Themen widerspiegelt.» Neben dem Hauptthema Klima standen vier Unterthemen zur Auswahl. Darunter auch «Foodwaste». «Wir waren uns schnell einig, dass sich unser Projekt um dieses Thema drehen wird. Bevor wir mit dem Programmieren loslegen konnten, mussten wir einige Ideen ordnen und das Konzept zum Leben erwecken», so Khateeb.

Foodwaste findet vor allem in Privathaushalten statt

Bei dem Climathon in Zürich standen den Teams während 24 Stunden Räumlichkeiten zur Verfügung, die mit der nötigen Technik ausgestattet waren. Zudem konnten sie sich dort Rat bei Experten holen. Für die beiden war klar, dass sie eine App entwickeln wollten, da sie damit am meisten Leute erreichen würden. «Rund 45 Prozent der weggeworfenen Lebensmittel stammen aus Privathaushalten. Mit einer App, die einfach und unkompliziert funktioniert, hoffen wir, diesen Prozentsatz zu verringern», erklärt Gyger.

«Die App ist natürlich kostenlos, denn Lebensmittel wegwerfen kostet ja auch nichts!»

Die Gründer von «Foodshelf»

Nach 24 Stunden Climathon war der App-Prototyp «Foodshelf» geboren. Die Experten prüften alle Projekte und kürten die sechs besten. Darunter auch «Foodshelf». Ausgezeichnet mit einem Diplom und dem Ziel, die App marktreif zu programmieren, machten sich die beiden auf den Heimweg. «Die Idee wurde zu einem Herzensprojekt», erklären sie. Während zwölf Monaten arbeiteten sie nebenberuflich daran weiter. «Insgesamt haben wir rund drei Monate volle Arbeitszeit investiert.» Anfang Oktober war es so weit: «Foodshelf» wurde gelauncht. Kompatibel auf allen iOS und Android Smartphones ist die App downloadbar. «Natürlich kostenlos, denn Lebensmittel wegwerfen kostet ja auch nichts!»        

Auch Leute mit Datenschutzbedenken kommen zum Zug

Die App funktioniert ohne Registrierung und Passwort. Einmal gedownloadet, kann man sofort starten. Wichtig ist, dass das Smartphone auf seinen aktuellen Standort zugreifen kann. Denn so wird angezeigt, in welcher Reichweite Esswaren abgeholt werden können. Wer die GPS-Freigabe auf dem eigenen Gerät unterdrückt, muss den Standort manuell eingeben. «Mit der Möglichkeit, den Standort manuell zu konfigurieren, möchten wir dem Nutzer ein Feature anbieten, damit die App nicht auf den Standortzugriff des Handys angewiesen ist. So wollen wir möglichen Datenschutzbedenken entgegenwirken, was viele andere Apps nicht anbieten.»

Dazu noch eine Telefonnummer hinterlegen und schon kann es losgehen. Auf der App sind alle angebotenen Lebensmittel mit einem Foto abgebildet und dazu die Information zum Ablaufdatum und die Entfernung des Anbieters. Wer sich für ein Lebensmittel interessiert, kontaktiert mit einem Klick den Anbieter und vereinbart mit diesem einen Abholtermin. «Damit sich ‹Foodshelf› etabliert, müssen viele Personen die App nutzen. Denn keiner fährt 20 Kilometer für ein Päckli Darvida», erklärt der Zuger.

So sieht sie aus, die «Foodshelf»-App.

So sieht sie aus, die «Foodshelf»-App.

(Bild: zVg)

Bereits 600 Personen nutzen die App

Was die beiden entwicklungs- und programmiertechnisch draufhaben, fehlt ihnen dabei marketingtechnisch. «Die App war parat, aber wir wussten nicht, wie wir diese bekannt machen konnten», sagt der Rotkreuzer. So haben sie in der Nachbarschaft von ihrer App erzählt, eine Flyeraktion im Raum Aarau durchgeführt und Studenten darauf hingewiesen. «Rund um Aarau entstand eine kleine Community, die sich nun langsam auf den ganzen Kanton ausweitet», freut sich Gyger. Mittlerweile können sie rund 600 eingetragene Profile zählen, die regelmässig Lebensmittel anbieten oder abholen.

«Aber je mehr Nutzer die App hat, umso mehr Serverkosten fallen an, damit die Serverstabilität gewährleistet ist.»

Emin Khateeb, Mitbegründer von «Foodshelf»

Obwohl Khateeb bereits seit zehn Jahren im Kanton Zug wohnt, ist die App im Raum Zug und Luzern noch wenig verbreitet. «Es sind rund 20 Nutzer in der Umgebung. Wir erhoffen uns jedoch, dass bald viele neue App-Anwender aus diesem Gebiet dazukommen und so dazu beitragen, Foodwaste zu reduzieren», erklärt der Rotkreuzer.

Doch reich werden die beiden mit ihrer Entwicklung nicht. Einerseits ist die App für alle kostenlos, andererseits gibt es auf der Applikation keine Werbung. «Wir hoffen, einige Gönner für das Projekt zu gewinnen, die helfen, unsere privaten Ausgaben zu decken.» Momentan befinden sich die Ausgaben noch im dreistelligen Bereich. «Aber je mehr Nutzer die App hat, umso mehr Serverkosten fallen an, damit die Serverstabilität gewährleistet ist.» Auch mit den hinterlegten Daten arbeiten sie nicht. «Diese werden nur von uns verwaltet und garantieren bei einem App-Absturz, dass wir die gespeicherten Profile wieder aufschalten können. An Dritte geben wir diese nicht weiter», so Khateeb.

Lebensmittelstandard muss gewährleistet sein

Wer häufig Lebensmittel wegwirft oder stöbern möchte, welche Esswaren in der eigenen Umgebung kostenlos angeboten werden, der sollte die App downloaden. Mit dem Akzeptieren der Nutzerbedingungen stimmt man zu, dass die angebotenen Waren richtig gelagert wurden, nicht abgelaufen sind und dem Lebensmittelstandard in der Schweiz entsprechen. Sollte jemand diesen Bedingungen nicht gerecht werden, kann man den Entwicklern einen Nutzer melden. Khateeb erklärt: «Wir prüfen dann das Profil und sprechen eine Mahnung aus. Bei wiederholten Verstössen gegen unsere Bedingungen sperren wir den Nutzer.»

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