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Kein Geld für den Treff, die «schwierigen Jugendlichen» landen auf der Strasse
  • Gesellschaft
Der Dienstags-Treff in der i45 geht ab nächster Woche zu. (Bild: zvg )

Industrie 45 in Zug Kein Geld für den Treff, die «schwierigen Jugendlichen» landen auf der Strasse

4 min Lesezeit 14.04.2014, 06:01 Uhr

Seit sechs Jahren treffen sie sich jeden Dienstag und Sonntag in der Industrie 45: Die Lauten, die Unbequemen, die jede Woche gefühlte zwei Mal von der Polizei kontrolliert werden. Offiziell heissen sie «Jugendliche mit Migrationshintergrund», laut dem Leiter der Industrie 45 sind es die «Schwierigeren im Kanton». Und er ist froh, dass man sie überhaupt in die Industrie 45 holen konnte. Jetzt geht der i45 das Geld aus. Und den Jugendlichen der Treff zu.

Es ist laut im Jugendzentrum, weil die Albaner rumschreien, und die Schweizer, und die Italiener. Und sprechen kann man mit den Jungs schon darüber, dass ihr jahrelanger Treffpunkt nächste Woche zumacht, weil das Geld ausgeht. Aber erst nach dem Spiel: Der Töggelikasten voll besetzt, acht Jugendliche drum herum, aus den Boxen deutscher Hip Hop. Bis zu fünfzig Teenies hängen hier jeden Dienstagabend rum und jeden Sonntagnachmittag.

«Das sind die schwierigeren Jugendlichen im Kanton», sagt  Josef D’Inca, der Leiter der Industrie 45. «Die können sich sonst nirgends im öffentlichen Raum treffen, da werden sie wegen ihres Radaus sofort ausgegrenzt.» Und von der Polizei durchsucht, zwei Mal pro Woche, gibt ein empörter 14-Jähriger vom Töggelikasten kurz zu Protokoll, bevor er sich wieder dem Ball zuwendet. «Umso wichtiger ist es, dass man ihnen einen Platz bietet», so D’Inca.

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Seit sechs Jahren gibt es diesen Platz in der Industrie 45, einige hier haben ihre ganze Jugend im Dienstagstreff und im Sontags-Chillout verbracht. Jetzt soll damit Schluss sein: Das Geld ist aufgebraucht. «Wir haben damals von der Stadt einen ausserordentlichen Kredit für die aufsuchende Jugendarbeit bekommen und sind damit sparsam umgegangen», sagt D’Inca, «deshalb hat es auch so lange gereicht. Aber jetzt ist er aufgebraucht, und wir müssen den Treff schliessen.»

Versuch, den Treff selber zu finanzieren

Der Kredit war als Teilpensum angelegt worden: Aufsuchende Jugendarbeit beim JAZ (Jugendanimation Zug) im Sommer, der Treff in der Industrie 45 im Winter. Die aufsuchende Jugendarbeit beim JAZ werde weitergeführt, für den Treff müsse man nach Lösungen suchen. «Wir haben eigentlich kein Geld mehr», sagt D’Inca, «aber es ist für uns so wichtig, diesen Jugendlichen weiter einen Platz zu bieten, dass wir im Verein Zuger Jugendtreffpunkte (ZJT) einen Versuch starten, Rückstellungen für den nächsten Winter zu machen: Vielleicht können wir das Programm auf eigene Faust weiter finanzieren.»

«Wir sind halt laut»

Wenn das nicht klappt, sieht D’Inca schwarz für den Treff: Es stehen bald die Verhandlungen mit der Stadt zu den neuen Leistungsvereinbarungen an, man sieht vor, die Beiträge an den Verein ZJT um 100’000 Franken zu kürzen, so D’Inca. «Die Politik erkennt nicht, dass wir mit diesem Treff die schwierigen Jugendlichen von der Strasse holen.» Für diesen Job ernte man kein Lob: «Dabei sind gerade diese Jugendlichen sehr betreuungsintensiv.»

Und der Treff habe offensichtlich positive Wirkung auf das Klima in der Stadt: «Der Treff ist ein Tranquilizer für Zug. Und wenn’s ruhig ist, ist für die Politik alles gut, wenn sie aber Radau machen, werden sie einfach als Aussenseiter verunglimpft.» Das sehen auch die Jugendlichen selber so: «Wenn wir uns irgendwo in der Stadt treffen, dann kommt gleich die Polizei. Wir sind halt laut», sagt Agron, er ist 25 und einer der ältesten hier. «Aber im Treff werden wir akzeptiert wie normale Jugendliche. Für mich persönlich ist es nicht so schlimm, wenn der Treff zumacht, ich kann auch woanders hin. Aber die Jungen, für die ist es wichtig. Man kann nicht drei Stunden vor einem Glas sitzen in einer Bar, weil man keinen Cash für ein zweites hat. Hier können wir Billard spielen, zusammen kochen, rumhängen.»

«Wir lassen die Jugendlichen nicht im Stich»

Dass die Stadt keinen neuen ausserordentlichen Kredit sprechen kann, liege an der Leistungsvereinbarung, das sagt Susanna Peyer, die Leiterin der Fachstelle für Soziokultur, Abteilung Kind Jugend Familie. «Diese Verhandlungen sind immer auf vier Jahre ausgelegt, die nächste Leistungsvereinbarung wird per Ende 2015 ausgehandelt. Vorher kann die Stadt keine neuen Kredite sprechen.» Dass der Treff für die Jugendlichen und die Stadt sehr positive Wirkungen habe, davon ist man allerdings auch bei der Stadt überzeugt. «Sie haben es geschafft, zu diesen Jugendlichen einen Draht zu finden. Wir würden es auch sehr begrüssen, wenn der Verein ZJT es aus eigenen Mitteln ermöglichen könnte, den Treff weiterzuführen.»

Auch wenn der Treff als Format auslaufe, die Jugendlichen lasse man bestimmt nicht im Stich, so Peyer: «Sie haben in der Industrie 45 ein Stück Heimat gefunden, und wenn sie das möchten, können sie auf eigene Initiative einen Abend veranstalten, wie das andere Jugendliche auch machen: Einfach ohne intensive Betreuung. Da müssten sie aber Verantwortung übernehmen und zuverlässig sein.»

«Alle zu verhängt»

Die Stadt spielt den Ball den Jugendlichen zu, und stösst damit auf Unverständnis: Der Treff in der Industrie 45 habe viele Jugendliche davon abgehalten, dass sie irgendwo anders «Scheisse bauen», sagt Agron, oder besser, er schreit, denn die zehn Jungs, die um ihn herumstehen, diskutieren lauthals mit: Sie würden doch auch Steuern bezahlen, regt sich einer auf, sie müssten Unterschriften sammeln, poltert ein anderer. Aber dafür seien sie alle zu verhängt, gibt ein dritter zu. «Sehen Sie, hier können wir das», sagt Agron, «hier können wir rumschreien und niemanden störts. Wenn wir in der Stadt wären, hätte schon lange jemand die Polizei gerufen.»

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