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Kein Appetit auf Krabbeltiere: Luzerner Insektenzucht sucht Käufer
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Die Heuschrecken nutzen die Eierkartons als Rückzugsort. (Bild: pze)

Nix Grossdietwil: Coop & Co. kaufen im Ausland ein Kein Appetit auf Krabbeltiere: Luzerner Insektenzucht sucht Käufer

4 min Lesezeit 16.10.2018, 18:59 Uhr

Von wegen Boom: Die Zukunft der grössten Schweizer Zucht von Speiseinsekten ist offen. Der Mutterkonzern will Entomos aus Grossdietwil loswerden und sucht einen Käufer. Zwar verkauft neu auch die Migros Heuschrecken und Mehlwürmer, doch sie deckt sich lieber im Ausland ein. Grund: Die Schweizer Bioinsekten seien bis zu fünfmal teurer.

Mit viel Optimismus ist eine Hinterländer Insektenzüchterin in einen boomenden Markt eingestiegen: Entomos in Grossdietwil ist Pionierin und die grösste Schweizer Produzentin von Mehlwürmern, Heuschrecken und Grillen – und das in Bioqualität (zentralplus berichtete). Angefangen hat das Unternehmen 2009 mit Tierfutter, seit 2017 produziert es auch Speiseinsekten.

Doch die Schweizer haben (noch) kaum Appetit auf Krabbeltiere, obwohl diese seit Frühling 2017 immer öfters in Läden und auf Speisekarten stehen. Am Dienstag hat neu auch die Migros angekündigt, dass sie in den Hype-Markt einsteigt. Getrocknete Insekten sind ab sofort in grösseren Filialen wie der Mall of Switzerland, der Migros Schweizerhof oder im Surseepark erhältlich.

Nur ein medialer Hype?

Doch anscheinend ekeln sich zu viele vor den gewöhnungsbedürftigen Proteinquellen: Von den angepeilten 80 Tonnen jährlich ist Entomos weit entfernt und musste die Produktion diesen Sommer auf einen Bruchteil zurückfahren (zentralplus berichtete). «Die Insekten waren ein medialer Hype und wir hatten grosse Erwartungen, doch die Nachfrage nahm bereits nach drei Monaten stark ab», sagte Geschäftsführer Urs Fanger bereits im August zu «20 Minuten». Doch er glaubte weiterhin an den Markt und den künftigen Appetit der Schweizer auf Insekten.

Doch nun ist die Geduld zu Ende: Entomos’ Mutterkonzern suche einen Käufer, berichtete die SRF-Nachrichtensendung «10vor10». Geschäftsführer Urs Fanger bestätigt gegenüber zentralplus die Verkaufsabsichten. «Wir haben festgestellt, dass die Lebensmittelproduktion zu weit weg von unseren ursprünglichen Marktaktivitäten liegt», begründet er den Entscheid.

Urs Fanger zeigt die Mehlwürmer, die Entomos heute schon verkauft – als gefriergetrocknete Futterinsekten.

Entomos-Geschäftsführer Urs Fanger.

(Bild: pze)

Entomos gehört zur Andermatt-Gruppe, die auf biologischen Pflanzenschutz spezialisiert und mit Tochterfirmen in Europa, Amerika und Südafrika tätig ist. Inwiefern der enttäuschende Absatz eine Rolle spielt, will Fanger nicht sagen, man stecke mitten in den Verkaufsverhandlungen.

Entomos vertreibt die Bioinsekten «Made in Switzerland» über den eigenen Onlineshop «Gourmetbugs». Ob Entomos auch Coop und Migros beliefere, will er nicht sagen. Nur so viel: «Wir arbeiten mit verschiedenen Verarbeitern zusammen», so Fanger. Es hängt also vom Käufer ab, ob die Insektenzucht in Grossdietwil eine Zukunft hat.

Schweizer Produktion zu teuer?

Entomos hat stets betont, dass man in einen unsicheren Markt einsteige. Doch die anfängliche Schätzung von zehn Prozent der Bevölkerung, die an Insekten interessiert ist, ging nicht auf. Dies hätte es gebraucht, um das angepeilte Volumen von 80 Tonnen jährlich zu erreichen.

Doch nicht nur der Ekel der Konsumenten dürfte ausschlaggebend sein, sondern auch die Konkurrenz aus dem Ausland. Die importierten Tiere sind viel billiger als die Hinterländer Bioinsekten. «Die einheimischen Insekten werden ungefähr doppelt so teuer wie die importierten», sagte Fanger 2017 zu zentralplus.

Die Preisfrage ist auch für die Grossverteiler entscheidend, bei Coop und Migros kommen die Insekten – zumindest zum Teil – aus dem Ausland: Coop bezieht die Insekten über das Zürcher Startup Essento. Und dieses kauft in der EU und der Schweiz ein, ist gemäss eigenen Angaben aber bestrebt, den Schweizer Anteil zu erhöhen. Melchior Füglistaller, Leiter Verkauf und Marketing bei Essento, sagt dazu: «Wir haben auch schon Insekten von Entomos bezogen.»

Mmmh, leckere Heuschrecken – getrocknet, ungewürzt und lange haltbar.

Mmmh, leckere Heuschrecken – getrocknet, ungewürzt und lange haltbar.

(Bild: zvg/Désirée Good)

Migros kauft in Holland ein

Die Migros bezieht hingegen keine Bioinsekten aus dem Luzerner Hinterland. Die Mehlwürmer, Grillen und Heuschrecken ihres neuen Angebots «Mi Bugs» stammen aus Holland und wurden auch dort verarbeitet. Grund sind der Preis und die sichere Verfügbarkeit.

15 Gramm Heuschrecken kosten in der Migros 6.90 Franken, günstiger sind die Grillen und Mehlwürmer – ein Preis, der den Gelegenheitskonsumenten nicht schmerzt. «Wir hätten gerne Insekten aus der Region bezogen, aber sie wären viel zu teuer», sagt Migros-Mediensprecher Tristan Cerf. Die Migros habe bei Entomos Preise angefragt, diese seien teilweise vier- bis fünfmal so hoch gewesen wie beim holländischen Produzenten.

Der Produzent aus Holland könne zudem eine konstante Qualität und Verfügbarkeit garantieren. Weil die getrockneten Insekten nicht gekühlt werden müssen, sie die Lieferkette ökologisch und nachhaltig. Cerf sagt: «Wir würden uns freuen, wenn wir in Zukunft Insekten aus der Schweiz beziehen könnten.» Den Betrieb von Entomos zu übernehmen, sei indes keine Option.

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