Kantonsgericht gibt grünes Licht für den Abriss eines Pionierbaus
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Ein Haus, das polarisiert: das Gewerbegebäude im Luzerner Tribschenquartier. (Bild: jal)

CSS will in Luzern bauen Kantonsgericht gibt grünes Licht für den Abriss eines Pionierbaus

4 min Lesezeit 7 Kommentare 28.07.2020, 05:00 Uhr

Die Krankenversicherung CSS will im Tribschenquartier einen architektonischen Pionierbau abreissen. Sehr zum Ärger von Fachverbänden. Das Kantonsgericht jedoch hat ihre Beschwerde jetzt abgewiesen. Ob der Streit damit ein Ende findet, ist ungewiss.

Die CSS-Krankenversicherung kann auf den nächsten Etappensieg im Ringen um das Gewerbegebäude anstossen. Das Luzerner Kantonsgericht hat die Beschwerde des Schweizer und des Innerschweizer Heimatschutzes gegen den Abriss im Tribschenquartier abgelehnt.

Für die beiden Verbände ist das Gebäude des Luzerner Architekten Carl Mossdorf eine architektonische Ikone. Obwohl in einem äusserlich wenig erbaulichen Zustand, wollen sie die 1933 erstellte Liegenschaft an der Luzerner Tribschenstrasse 51 als Zeitzeugen erhalten.

Die Eigentümerin des Grundstücks, die CSS-Versicherung, plant an seiner Stelle aber einen Neubau mit Platz für bis zu 500 Mitarbeitende. Ein Einigungsversuch der beiden Seiten scheiterte, deshalb sah sich der Heimatschutz zum Rechtsweg genötigt (zentralplus berichtete).

Schützenswert, aber nicht unter Schutz gestellt

Das Gewerbegebäude ist im Inventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz (ISOS) enthalten und im Bauinventar der Stadt Luzern als schützenswert eingetragen. Es gilt demnach als eine der wichtigsten Bauten der architektonischen Avantgarde in Luzern – und erster Zweckbau in Sichtbeton-Bauweise in Luzern.

Die zuständige Dienststelle des Kantons hat 2017 jedoch darauf verzichtet, das Gebäude unter Schutz zu stellen (zentralplus berichtete). Deshalb hat die Stadt Luzern dem Abriss stattgegeben.

Keine unhaltbare Missachtung

Das Luzerner Kantonsgericht stützt in seinem Anfang Juli gefällten Urteil diese Haltung. «Dem Gericht ist bewusst, dass es sich beim Gewerbegebäude an der Tribschenstrasse 51 um ein bedeutendes Bauwerk der Moderne handelt», heisst es im Urteil.

Die Stadt Luzern müsse dem zwar Rechnung tragen. Aber: Das Gebäude steht durch die – rechtskräftige – Bau- und Zonenordnung nicht unter Schutz. Ein nachträgliches Eingreifen ist nur in Ausnahmefällen möglich. Es müssten «aus Sicht des Ortsbildschutzes geradezu unhaltbare, unter keinen Umständen vertretbare Verhältnisse» vorliegen.

Das Gewerbegebäude von 1933 an der Tribschenstrasse.

Ansonsten seien die Planbeständigkeit und die Rechtssicherheit höher zu gewichten. Ein Argument, das im vorliegenden Fall auch die CSS immer wieder vorbrachte: Sie betonte stets, dass die Behörden ihr zum Zeitpunkt des Kaufs zugesichert hätten, dass das Gebäude nicht unter Schutz gestellt würde.

Schutzwürdigkeit wurde geprüft

Das Kantonsgericht hält denn auch fest, dass bereits in den 1990er-Jahren der Erhalt des Gewerbegebäudes diskutiert – und in der Folge verworfen wurde. Die Planung sei in den letzten Jahrzehnten nie auf eine Erhaltung des Gewerbegebäudes ausgerichtet gewesen.

Das heisst aber nicht, dass die Frage nicht geprüft wurde. Zwar bringt das Gericht durch die Blume zum Ausdruck, dass der Luzerner Stadtrat die Abwägung zwischen Schutzwürdigkeit und anderen Interessen 2013 eher spärlich vollzog. Spätestens mit dem Widerstand aus Fachkreisen und dem negativen Entscheid der zuständigen kantonalen Dienststelle zum Schutz des Gebäudes wurde die Thematik aber aufgegriffen.

«Es trifft somit nicht zu, dass sich die Behörden mit der Schutzwürdigkeit des Gewerbegebäudes nicht befasst hätten», steht im Urteil. Es liege deshalb «keine unhaltbare Missachtung des ISOS und des Bauinventars» vor.

Entscheid hätte auch anders ausfallen können

Die Behörden massen dem Erhalt der Arbeitsplätze der CSS bekanntlich mehr Gewicht bei als dem Schutz des Gebäudes. Das ist laut Urteil zulässig. «Es ist in Anbetracht der spezifischen Umstände, namentlich mit Blick auf die Planungshistorie im Gebiet Tribschenstadt sowie der isolierten Stellung des Gewerbegebäudes ausserhalb eines schutzwürdigen Ensembles zumindest vertretbar, wenn das öffentliche wirtschaftliche Interesse hier höher gewichtet worden ist als das Schutzinteresse für das Gewerbegebäude», so das Kantonsgericht.

«Der Entscheid ist für uns schwer zu akzeptieren.» 

Rainer Heublein, Präsident Innerschweizer Heimatschutz

Der Entscheid zum Schutzstatus hätte indes auch anders ausfallen können. Laut Urteil wäre es unter Umständen auch vertretbar gewesen, die wirtschaftlichen Interessen hinter jene der Schutzwürdigkeit zu stellen.

Allein: Dem Heimatschutz nützt dies heute wenig. Denn die rechtlichen Grundsätze wurden eingehalten. Ein Abriss des Gewerbegebäudes ist nach dem aktuellen Zonenplan grundsätzlich möglich und die von der Stadt verfügte Abbruchbewilligung rechtmässig. Daran ändern laut dem Kantonsgericht weder die Ende 2019 eingereichte Petition noch die fachlichen Gutachten etwas. Es weist die Beschwerde der beiden Verbände ab.

Enttäuschter Verband prüft Weiterzug

Das Urteil ist nicht rechtskräftig und kann ans Bundesgericht weitergezogen werden. Ob ein Weiterzug erfolgt, ist beim Innerschweizer Heimatschutz noch offen. Das werde zurzeit intern analysiert, sagt der Präsident. Inhaltlich zum Urteil Stellung nehmen will der Verband daher noch nicht. Rainer Heublein stellt aber klar: «Der Entscheid ist für uns schwer zu akzeptieren.»

Ganz anders die Gefühlslage bei der CSS. «Wir nehmen die Entscheidung des Kantonsgerichts erfreut zur Kenntnis», sagt Mediensprecherin Christina Wettstein. Das Unternehmen hat erneut Recht bekommen und rückt seinem Ziel eines Neubaus einen Schritt näher. Mit der Revision der Bau- und Zonenordnung hat kürzlich auch das Luzerner Stadtparlament die Weichen für das Projekt gestellt (zentralplus berichtete).

Wann der Baustart erfolgen wird, ist allerdings noch unklar. Das Gewerbegebäude darf ohnehin erst abgerissen werden, wenn die Baubewilligung für den Neubau vorliegt.

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7 Kommentare
  1. CScherrer, 28.07.2020, 08:41 Uhr

    Und der Irrsinn geht weiter! Unglaublich, dass überhaupt auf solche Einsprachen eingetreten wird. Mittlerweile steht aus Sicht solcher „Heimatschützer“ jedes Gebäude praktisch unter Denkmalschutz, weil denen plötzlich in den Sinn kommt, dass es sich dabei um den einzigen Bau eines Architekten in der Stadt Luzern handelt. Was soll der Blödsinn? Nur ein paar wirklich handverlesene Architekten haben etwas Grosses, etwas Einzigartiges gebaut. Diesen Klotz hat niemanden interessiert. Erst als die CSS sich dafür interessierte, kamen diese „Heimatschützer“ auf den Plan. Man wird in dieser Stadt das Gefühl nicht los, dass ein paar Neider aus der Stadt auf Kosten der Hausbesitzer ein Museum machen wollen. Längst vergangene Epochen sind vergangen. Es tut auch mal gut, wenn Altes und Kaputtes dem Neuen Platz macht.

    1. Remo Genzoli, 28.07.2020, 12:47 Uhr

      lieber herr scherrer
      ich verstehe ihren ärger. aber als im tribschenquartier aufgewachsener, also mit diesem „klotz“ grossgewordener und die entwicklung in diesem quartier miterlebter ex-tribscheler macht es für mich schon sinn, nicht einfach alles einem rübe-ab-kopf-ab-alles-ab profit- und effizienzdenken zu opfern. dieses quartier wurde in den letzten 60 jahren regelrecht umgepflügt und einer anderen nutzung zugeführt, was ich auch begrüsse, ich bin kein nostalgiker. aber gerade diesen gewerbebau finde ich ein erhaltenswerter zeitzeuge der vergangenen gewerblichen nutzung des tribschenqiartiers und darum erhaltenswert. ja, und das arbeitsplatzerhaltgejammer kann ich schon fast nicht mehr hören. wenn die argumente ausgehen, wird meistens diese nötigungskeule aus dem schrank gezerrt. die css müsste bei einer anpassung ihrer ausbaupläne kaum insolvenz anmelden. im gegenteil, sie könnte sich ja diesbezüglich kooperativ-proaktiv verhalten und den „klotz“ in ihre ausbaupläne integrieren und sich quasi, mit nicht allzu grossem aufwand, als „denkmalerhalterin“ profilieren.

    2. Fredy Zurkirchen, 28.07.2020, 13:26 Uhr

      Vielleicht interessiert sie der Artikel in der Tripsche Zytig, der zu diesem Theme etwas Hintergrund vermittelt. Liebe Grüsse.

    3. CScherrer, 28.07.2020, 13:53 Uhr

      Lieber Herr Genzoli

      Ich bin mit Ihnen vollkommen einverstanden und verstehe Ihre Einwände resp. Ihre Besorgnis über die weitere Entwicklung „Ihres“ Quartiers. Ihre Idee den „Klotz“ in die Ausbaupläne zu integrieren finde ich übrigens absolut richtig und bin davon überzeugt, dass daraus ein tolles neues/altes Gebäude entstehen könnte. Das Problem dabei ist jedoch die Tatsache, dass die Stadt solches nicht zulässt. Gerade für Hauseigentümer in einer Schutzzone B ist es praktisch unmöglich, etwas in dieser Form zu realisieren. Von der Zone A (Altstadt) wollen wir gar nicht sprechen.
      Ich kritisiere lediglich die Stadt und ihr engstirniges Verhalten punkto Sanierungen etc.

  2. Müller, 28.07.2020, 08:19 Uhr

    Was ist wohl Wichtiger ein grässlicher herunter gekommener Beton Klotz oder Arbeitsplätze, ???

    1. CScherrer, 28.07.2020, 13:55 Uhr

      Das ist ein wirklich überholtes Argument mit den Arbeitsplätzen. Ausserdem ist es eigentlich vollkommen überholt, dass solch grosse Unternehmen praktisch mitten in der Stadt ihre Bürogebäude haben. Mitunter sind diese Arbeitnehmer für den morgendlichen Stau mit verantwortlich.

    2. peter, 28.07.2020, 14:31 Uhr

      Herr/Frau/Familie Müller
      stellen sie sich dieses Frage bitte nach weiteren 50 Jahren und überprüfen sie dann ob die Arbeitsplätze mit ihren EDV Installationen noch nicht grässlich herunter gekommen sind und sich der „Klotz“ zwar leicht renoviert , aber doch immer noch sinnvoll in die Überbauung der Tribschenstadt einfügt.
      Ich bin als „Neu-Tribscheler“ den Argumenten von Remo Gensoli betreffend Erinnerung und Zeitzeuge einer anderen, damals gewerblichen Nutzung des Quartiers sehr offen und gerne gefolgt und finde sie wichtig, nicht nur hier sondern in vielen weiteren Fragen die anstehen zur Stadtentwicklung wichtig und bedenkenswert. Dass Herr Gensoli gleich einen produktiven und wohl sinnvoll machbaren Lösungsvorschlag anbietet freut mich sehr und ich hoffe auf eine Lösung, die auch diesen „denkmalerhaltenden“ Ansatz berücksichtigt und so auch kulturell aufgewertete Architektur entstehen kann und nicht schon wieder die angeblich so stark fehlenden Arbeitsplätze (für wen und welche Arbeit eigentlich?) als Begründung herhalten müssen.

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