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Kantilehrer will in die Champions League
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Schiedsrichter Stephan Klossner: Sein bisheriger Höhepunkt war ein Cupfinal. (Bild: Martin Meienberger)

Ein Luzerner Profi-Schiedsrichter erzählt Kantilehrer will in die Champions League

4 min Lesezeit 24.07.2017, 05:09 Uhr

Ständig im Fokus, kaum wahrgenommen: Schiedsrichter sind jene Hauptakteure auf dem Fussballplatz, die man gerne vergisst. Wir trafen uns mit Stephan Klossner. Vom Willisauer Kantilehrer erfahren wir, wieso jemand Spielleiter wird, was er vom Videobeweis hält – und wieso er von der Champions League träumt.

Das Spiel beginnt. Erster Angriff der Heimmannschaft. Zweikampf im Strafraum. Der Stürmer fällt. Foul? Penalty? Schwalbe? Eine Fahne verdeckte meine Sicht, ein Nebenmann kauft gerade Bier, der andere schaut auf sein Natel. Aber ich, wie alle anderen im Stadion, habe es gesehen: Penalty! Egal, wie der «Schiri» entscheidet: Ein Trainer reklamiert, Spieler motzen, die Fangruppe tobt.

Die Emotionen kochen, während er einen kühlen Kopf bewahren muss. Er ist nie der Held, nur der Buhmann. Sein T-Shirt wird nie jemand kaufen. Und doch: Ohne Schiedsrichter geht’s nicht. Wie beispielsweise Stephan Klossner, Schweizer FIFA-Schiedsrichter aus Willisau.

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Einer der sieben besten Schiedsrichter der Schweiz

Pünktlich erscheint der sportlich gebaute Stephan Klossner zum Interview. Erst vor einer Stunde sei er von einem Europa-League-Qualifikationsspiel aus Norwegen zurückgekommen.

«Eine Weltmeisterschaft? Träumen darf man ja immer.»

Stephan Klossner, Schiedsrichter

Von seinem Onkel und einem guten Kollegen, beide waren Spielleiter, wurde Stephan Klossner ermutigt, sich dem Schiedsrichtern zu widmen. Beide erkannten sein Talent früh. Während des Gymnasiums begann er dann mit dem Pfeifen. Der Erfolg blieb nicht aus, dies machte ihm Mut. Heute ist er einer der besten Schiedsrichter der Schweiz. Seit 2010 leitet er Spiele in der höchsten Schweizer Liga und im Schweizer Cup. Seit 2012 ist er einer von sieben Schweizer Fifa-Schiedsrichtern.

Cupfinal als Höhepunkt

Sein bisheriger Karriere-Höhepunkt war der von ihm geleitete Cupfinal zwischen Basel und Sion vergangenen Frühling. Sein ehrgeiziges Ziel sei die Leitung eines Gruppenspiels in der Champions League. Auf die Frage, ob er gerne an einer Weltmeisterschaft pfeifen würde, antwortet der 36-Jährige bescheiden: «Ich glaube nicht, dass ich dies erreichen werde, aber träumen darf man ja immer.»

FCL-Spieler Tomi Juric sieht von Schiedsrichter Stephan Klossner die gelbe Karte.

FCL-Spieler Tomi Juric sieht von Schiedsrichter Stephan Klossner die gelbe Karte.

(Bild: Martin Meienberger/freshfocus)

Im Schnitt pfeift er ein Spiel pro Woche, etwa 50 Spiele im Jahr. Neben dem Schiedsrichtern arbeitet Stephan Klossner, welcher einen Doktorabschluss in Biologie besitzt, 65 Prozent an der Kantonsschule Willisau als Lehrer. Er sei froh um die kognitive Herausforderung. Doch auch in der Schule könne er seine Leidenschaft nicht ganz ruhen lassen, meint er. «Die Pausen werden manchmal genutzt, um mit den Schülern über Fussballregeln zu diskutieren.»

Die Differenz zwischen Spieler und Schiedsrichter

Während die Spielleiter hierzulande noch als Anwalt (Adrien Jaccottet), HR-Fachmann (Alain Bieri), Bautechniker (Nikolaj Hänni) oder eben als Lehrer (Sandro Schärer und Stephan Klossner) die Hälfte ihres Einkommens generieren, profitieren Fussballspieler von einer besseren Entlöhnung. Doch wer denkt, dass dieser Lohnunterschied Neid hervorruft, täuscht sich. Er finde einen Unterschied gerecht, meint Stephan Klossner. «Werbetechnisch sind Fussballer viel interessanter. Wir Schiedsrichter haben völlig andere Aufgaben als die Spieler.»

«Ein interessierter Fussballfan kennt auch den Spielleiter.»

Während Fussballspieler sich ganz dem Spiel widmen, seien die Hauptaufgaben eines Schiedsrichters korrektes Entscheiden und souveränes Auftreten. Die Emotionen können auf dem Fussballplatz mal hochkochen und gelegentlich wird nach einem Spiel ein Handshake verweigert. Im Grossen und Ganzen verhalten sich die Spieler wie auch Trainer ihm gegenüber aber respektvoll, man begegnet sich auf Augenhöhe.

Videobeweise würde er begrüssen

Wer denkt, dass ein Schiedsrichter vor einem Spiel nur die Trillerpfeife einpacken muss, irrt sich gewaltig. «Viele Leute wissen nicht, was hinter dem Schiedsrichtersein steckt», meint Klossner. Im Sommer geht’s mit den Kollegen ins Trainingslager. «Wir absolvierten einen Leistungscheck bei Swiss Olympics.» Doch nicht nur auf konditioneller Basis wird etwa zehn Stunden wöchentlich trainiert. Jedes Spiel wird mit ehemaligen Schiedsrichtern in einem mindestens halbstündigen Gespräch analysiert.

Einer von sieben Schweizer Fifa-Schiedsrichtern

Jedes Land hat eine gewisse Anzahl an Fifa-Schiedsrichtern. Diese haben die Möglichkeit, internationale Spiele zu leiten. Die Schweiz hat sieben Plätze zur Verfügung. Diese werden derzeit durch Sascha Amhof, Alain Bieri, Nikolaj Hänni, Adrien Jaccottet, Stephan Klossner, Fedayi San und Sandro Schärer besetzt. 

Neben Diskussionen mit Experten wird auch mit Videostudium gearbeitet: «Im Schnitt dauert das Studium zur Vor- und Nachbereitung eines Spiels vier Stunden. Auf einzelne Spieler stellen wir uns speziell ein. Wir informieren uns beispielsweise, wer viele Fouls begeht und wer gerne eine Schwalbe macht.» Den fragenden Blick beantwortet der Biologe mit einem Lächeln: «Namen nenne ich natürlich keine.» Zu einem gut funktionierenden Videobeweis während Spielen würde Klossner nicht Nein sagen: «Dadurch würden wir weniger Fehler machen, was erstrebenswert ist.»

Nicht nur auf taktischer und physischer Ebene wird gearbeitet, sondern auch der Sportpsychologe wird gelegentlich konsultiert. Ferien gibt es wenig, im Sommer zwei Wochen, danach beginnen Testspiele. Sogar, wenn er ein Fussballspiel schaut, kann Stephan Klossner den Match kaum geniessen. Er überlege sich immer, wie er als Spielleiter entscheiden würde, betrachte und überdenke das Stellungsspiel eines Schiedsrichters – erst danach kommen die packenden Fussballszenen.

Man kennt sie, nimmt sie aber nicht wahr

Das Spiel ist emotional, die Atmosphäre geladen. Der Spielleiter entscheidet: kein Penalty! Es war doch eine klare Sache. Ich und meine Nebenmänner haben es genau gesehen! Wir werden wütend.

Unser Fokus liegt auf dem Schiedsrichter, dem Mann mit dem souveränen Auftreten. Dem Mann, der das Spiel in den Händen hat. Trotzdem weiss keiner, wer er ist. Den besten Schiedsrichter kennt man nicht? «Nein», meint Stephan Klossner. «Ein interessierter Fussballfan kennt auch den Spielleiter. Er nimmt den guten Schiedsrichter nur nicht wahr.»

Ein überlegtes Zitat von einem sympathischen Herrn. Dem Schiedsrichter, der selbst nicht Fan eines Vereins ist, jedoch von der Nationalmannschaft. Dem Schiedsrichter, der sich als Ziel steckt, einmal in der Champions League einzulaufen.

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