Jetzt Community-Mitglied werden und profitieren!
Kanonendonner über der Stadt: Herrgott nochmal!
  • Gesellschaft
  • Glosse
Die Fahnenträger. (Bild: Christine Weber)

Ein Bericht von der Front aus Luzern Kanonendonner über der Stadt: Herrgott nochmal!

3 min Lesezeit 26.05.2016, 12:59 Uhr

Seit ein paar Jahren wohne ich an der Ecke Bernstrasse/Kanonenstrasse. Das passt: Schliesslich bin ich aus dem reformierten Bern nach Luzern emigriert. Und hier an der Kanonenstrasse wird mir jedes Jahr eine wortwörtlich geballte Ladung katholischen Brauchtums um die Ohren gehauen. Darum folgt hier ein Bericht von der Front. 

Es ist Fronleichnam. Einer der vielen Feiertage, die es nur in katholischen Gefilden gibt. In der Stadt Luzern ist das nicht irgendein Fronleichnamsfest mit Prozessionen und Gottesdiensten wie andernorts, sondern das Fronleichnamsfest der Herrgottskanoniere.  

Jedes Jahr schleppen sie ihre Kanonen an meinem Schlafzimmerfenster vorbei.

Unterstütze Zentralplus

Die Herren dieser Bruderschaft umrahmen den Feiertag akustisch. Und zwar laut. Jedes Jahr schleppen sie ihre Kanonen an meinem Schlafzimmerfenster vorbei die Kanonenstrasse bis zum Gütsch hoch. Von dort feuern sie morgens um sieben 12 Salutschüsse über die Stadt und wecken damit vermutlich eher die schlummernde Bevölkerung, als den Herrgott.

 

Requisiten der Kanoniere

Requisiten der Kanoniere

(Bild: cwe)

Mich persönlich wecken die Schüsse nicht. Der Lärm von getunten Schlitten und knallenden Vergasern an der Ecke Bern-/Kanonenstrasse stellt die Salutschüsse locker in den Schatten: Wer hier wohnt, schläft mit Ohrenpfropfen. Kein Wunder also, habe ich den seltsamen Brauch der Herrgottskanoniere lange Zeit verschlafen. Aufmerksam wurde ich erst eines Fronleichnamtages, als ich gegen Mittag zum Fenster hinaus schaute.

«Was für ein trauriges Bild!», entfuhr es mir.

Ich traute meinen Augen nicht, was da bei strömendem Regen vorbeizog: Eine kleine Truppe Soldaten in alten Uniformen, teils marschierend und teils auf klatschnassen Pferden sitzend. Dicht auf den Fersen folgte dem durchnässten Häufchen eine Kanone, die mit Seilen von einem Traktor in Schach gehalten wurde, damit sie nicht unkontrolliert über die Kreuzung rollte. «Was für ein trauriges Bild!», entfuhr es mir. Was hat es auf sich mit diesem seltsamen Umzug aus der Vergangenheit? Mein katholischer Freundeskreis klärte mich dann über den Brauch der Herrgottskanoniere auf. 

 

Ich habe mich getäuscht: Ohne Ohrenpfropfen wäre ich jetzt taub.

Heute bin ich vor Ort. Yvette Estermann und rund hundert andere Leute auch. Die etwa 40 Soldaten der Bruderschaft stehen stramm hinter den Kanonen. Die ersten Sonnenstrahlen funkeln auf dem See und den Kanonenrohren. Das Panorama ist grossartig, es ist mucksmäuschenstill. Punkt sieben Uhr schreiten die Soldaten zur Tat und feuern aus vollen Rohren. Wumm, wumm, wumm. Zwölf Salutschüsse donnern über die Stadt. Ich habe mich getäuscht: Ohne Ohrenpfropfen wäre ich jetzt taub.

Darum stehe ich jetzt hier auf dem Gütsch und bin gerührt. Wer hätte das gedacht? Ich jedenfalls nicht. 

Die Herrgottskanoniere

Die Bruderschaft der Herrgottskanoniere ist eine Vereinigung aus dem Jahr 1580. Die aktiven und ehemaligen Soldaten feuern bei der Aussichtsplattform Gütsch aus alten Kanonen an Fronleichnam jeweils 12 Salven ab – für jeden Apostel einen Schuss. Im Anschluss findet ein Gottesdienst statt. Für die katholischen Kantone in der Zentralschweiz ist Fronleichnam ein Feiertag.

Dann hebt der Pfarrer zur Predigt an. Die Stimmung ist feierlich, gemeinsam wird gebetet und gesungen. Dazwischen Trommelwirbel und Trompetenfanfaren. Ich bin gerührt. Nicht unbedingt wegen diesem katholischen Brauch, sondern weil ich zurückkatapultiert werde in meine reformierte Kindheit in der Millitärstadt Thun. Hier bestaunte ich als kleiner Knopf bei Militärparaden meinen Vater, der stolz und salutierend auf einem Panzer an mir vorbei rollte. Begleitet von Trommelwirbeln und Trompetenfanfaren.

Sowas vergisst man nicht. Auch dann nicht, wenn 35 Jahre Punk und Freejazz dazwischen liegen. Und darum stehe ich jetzt hier auf dem Gütsch und bin gerührt an Fronleichnam der Herrgottskanoniere. Wer hätte das gedacht? Ich jedenfalls nicht. 

Deine Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, musst Du auf zentralplus eingeloggt sein. Bitte logge dich ein oder registriere dich jetzt und profitiere von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Deine Meinung ist gefragt!

0 Kommentare