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Kann man es zu bunt treiben?
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An der Zuger Fasnacht gibts viel zu lachen. Einigen bleibt das Lachen allerdings im Halse stecken. (Bild: Emanuel Ammon / AURA)

Närrische Satire an der Zuger Fasnacht Kann man es zu bunt treiben?

7 min Lesezeit 29.01.2016, 05:00 Uhr

Satirische Elemente gehören zur Fasnacht wie das Brot zur Bratwurst. Während des närrischen Treibens wird verspottet, verhöhnt und werden Leute durch den Kakao gezogen. Einigen geht die Narrenfreiheit allerdings zu weit. Zu Recht?

«Nicht lustig. Geschmacklos. Unangebracht.» Es gab viele kritische Stimmen an der letztjährigen Zuger Fasnacht, als in Menzingen die nachgebaute MS Rigi auf vier Rädern durch das Dorf tuckerte. Oder infolge der Spässchen an der Schnitzelbank in Neuheim. Das verbindende Thema damals: Die Zuger Landammannfeier beziehungsweise die «Sex-Affäre» um Jolanda Spiess-Hegglin und Markus Hürlimann (zentral+ berichtete). Es sei nicht toll, dass man sich über eine potenzielle Gewalttat lustig macht, echauffierten sich damals einige Zaungäste.

Andere wiederum waren begeistert. «Genau dafür ist doch die Fasnacht da. Das darf man auf jeden Fall bringen», hiess es hie und da. Das sah auch Wagenbauer Beat Betschart so: «Viele kritisieren, dass wir das Thema auch noch am Umzug herumschleppen», sagte er damals gegenüber dem «Blick». «Aber wir denken, wir können den Umzugsteilnehmern das Thema auf lustige Art zeigen.»

Beat Betschart vor seinem Umzugswagen an der Fasnacht 2015 in Menzingen im Interview mit dem Blick. (Screenshot Youtube)

Beat Betschart vor seinem Umzugswagen an der Fasnacht 2015 in Menzingen im Interview mit dem Blick. (Screenshot Youtube)

Bunt gemischtes Allerlei

Das war 2015. Die diesjährige Ausgabe steht bereits in den Startlöchern. Und auch dieses Jahr werden sich wieder einige Fasnachtsgäste vor den Kopf gestossen fühlen, das ist so sicher wie der Konfettiregen, der dieser Tage vom Himmel fallen wird. Es sei deshalb die Frage erlaubt: Wie weit darf die Fasnacht gehen? Herrscht während der «fünften Jahreszeit» absolute Narrenfreiheit, oder sind dem bunten Treiben Grenzen gesetzt?

«Eine gewisse Narrenfreiheit soll und darf an der Fasnacht bestehen.»

Reto Herger, Präsident Fasnachtsgesellschaft Baar

«Fasnacht ist alles mögliche. Fasnacht ist Fantasie, Farbe, Musik und ausgelassene Stimmung», sagt Jascha Hager, der Präsident der Zuger Chesslete. An der Fasnacht, sagt er, mache man sich gern über «Obrigkeiten» lustig und persifliere zum Beispiel das Königsgetue früherer Zeiten. «An der Fasnacht steht die Welt kopf. Fasnacht ist ein Ventil für alles mögliche.» Damit ist für Hager klar, dass Fasnacht sehr wohl auch Satire ist. «Früher war es einer der wenigen Momente, an denen Satire ohne ernsthafte Konsequenzen möglich war. Schliesslich war man maskiert.» Das ist man auch heute noch. Und nach wie vor wird über das gespottet, was Politiker und andere «öffentliche Personen» während des Jahres «verbrochen» haben.

Satire als bunt gemischtes Allerlei und überspitzte Darstellung von aktuellen Themen habe an einer Fasnacht sicherlich auch Platz, findet Reto Herger, Präsident der Fasnachtsgesellschaft Baar. Die satirischen Elemente würden vor allem von Wagenbauern und Schnitzelbankgruppen gepflegt. «Fasnacht ist aber nicht mit Satire gleichzusetzen. Vielmehr ist sie Brauchtum, Kultur und Tradition.» Auch an der Fasnacht gebe es Grenzen. Die Grundsätze von Anstand und die Berücksichtigung von Gesetzen gälten auch dort. «Eine gewisse Narrenfreiheit soll und darf an einer Fasnacht aber bestehen», sagt Herger. «Man soll Themen mit einem Augenzwinkern auf die Schippe nehmen dürfen.»

«Fasnacht ist systemerhaltend.»

Guido Keel, Medienwissenschaftler

Verschwimmende Grenzen

Was ist Satire?

In der Online-Enzyklopädie «Wikipedia» wird Satire folgendermassen definiert: «Satire ist in der älteren Bedeutung des Begriffs eine Spottdichtung, die Zustände oder Missstände in sprachlich überspitzter und verspottender Form thematisiert. Im heutigen Sprachgebrauch versteht man darunter aber meist einen künstlerisch gestalteten Prosatext, in dem Personen, Ereignisse oder Zustände verspottet oder angeprangert werden.

Das Wort Satire entstammt dem lateinischen Wort satira, das wiederum aus satura lanx hervorgeht und «mit Früchten gefüllte Schale» bedeutet. Im übertragenen Sinn lässt es sich mit «bunt gemischtes Allerlei» übersetzen.

Guido Keel, Dozent am Institut für Angewandte Medienwissenschaft in Winterthur, ist Experte in Sachen Satire. Er sagt: «Es gibt Überschneidungen zwischen Fasnacht und Satire. Bei beiden ist der Humor ein wichtiges Element. Die Satire zeichnet sich aber dadurch aus, dass sie erstens lustig ist, indem sie übertreibt, verfremdet und überspitzt. Zweitens tut sie dies nicht zum Selbstzweck, sondern immer, um einen Missstand in der Gesellschaft, in der Politik oder wo auch immer anzuprangern.»

Dieses zweite Elememt sei essenziell für die Satire, sagt er. Ohne Kritik an einem Missstand oder an Mächtigen ist es nicht Satire. Fasnacht habe die Funktion, an drei oder fünf Tagen im Jahr die gesellschaftlichen Regeln auf den Kopf zu stellen, Konventionen zu brechen, damit diese dann die restliche Zeit des Jahres wieder gelten. «Fasnacht kann man demnach eher als systemerhaltend betrachten, während die Satire die bestehenden Verhältnisse anprangert», so der Medienwissenschaftler.

«Solange man sich darüber lustig macht, was sich Personen des öffentlichen Interesses geleistet haben, ist alles erlaubt.»

Jascha Hager, Präsident Vereinigung Zuger Chesslete

In der Umsetzung könne es dann allerdings sehr wohl zu Überlappungen kommen: «Die Satire macht sich über einen Politiker lustig, weil sie anprangern will, was dieser falsch macht. Die Fasnacht macht sich auch über den Politiker lustig, aber nicht, um ihn anzuprangern, sondern vielmehr, um gegen die Konvention zu verstossen, dass man vor wichtigen Personen Respekt hat und nicht über sie lacht», erklärt Keel. Kurz: Der Satiriker und der Fasnächtler machen sich über den Politiker lustig, aber mit unterschiedlichen Motiven.

Eine Gratwanderung

«Solange man sich darüber lustig macht, was sich Personen des öffentlichen Interesses während des Jahres geleistet haben, ist alles erlaubt», findet Chesslete-Chef Jascha Hager. «Sobald es persönlich wird, habe ich allerdings Mühe damit.» Im Fall des Zuger Sex-Skandals müsse man festhalten, dass es von Anfang an eine Gratwanderung war und die Grenze zum Privaten überschritten wurde. «Allerdings wohl auch von Frau Spiess-Hegglin selber», fügt der Fasnächtler hinzu.

«Was für den einen «öffentlich» ist und verspottet werden darf, ist für jemand anderen eine Verletzung der Privatsphäre.»

Jascha Hager, Zuger Chesslete

Gesunder Menschenverstand, Anstand und Würde müssten auch an der Fasnacht erhalten bleiben. Die Grenze von öffentlichem Tun und privatem Sein ist aber oft unklar. Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. «Was für den einen öffentlich ist und verspottet werden darf, ist für jemand anderen eine Verletzung der Privatsphäre», so Hager. Guido Keel verweist zudem auf ethische Grenzen, die immer wieder gesellschaftlich neu verhandelt und definiert werden: «Was vor fünfzig Jahren vielleicht undenkbar war, ist heute akzeptiert – und umgekehrt. Hier gibt es keine zentrale Instanz, die das regelt. Aber es gibt einen mehr oder weniger klaren gesellschaftlichen Konsens darüber, was noch guter Geschmack ist und was nicht mehr lustig ist.»

Während der Fasnacht gelten diesbezüglich etwas andere Regeln. Aber auch dort gibt es ein Empfinden. Wenn dagegen verstossen wird, fühlt man sich in seinen eigenen Ansichten und Werten verletzt. Die Sanktion beim Verstoss gegen den guten Geschmack ist dann nicht eine Busse, sondern ein Naserümpfen oder die kollektive Äusserung, dass das «nicht mehr lustig» sei. «Satire muss nicht verletzend sein», betont der Baarer Reto Herger. «Sollte sie es sein, ist Satire sogar eher schlecht.» Letztlich sei die Wahrnehmung subjektiv. Herger ist aber der Meinung, dass das satirische Augenzwinkern an der Fasnacht mit einem gewissen «Augenmass» verstanden werden sollte.

Auch in Allenwinden/Baar war die Zuger Landammannfeier an der Fasnacht 2015 ein Thema.

Auch in Allenwinden/Baar war die Zuger Landammannfeier an der Fasnacht 2015 ein Thema.

(Bild: zvg)

Selbstverantwortung

Es gibt keine offizielle fasnächtliche Instanz, die über das satirische Treiben wacht. Es liege in den Händen der jeweiligen Fasnachtsgesellschaft, die Sujets der Wagenbaugruppen zu prüfen und diese zum Umzug zuzulassen, erklärt Reto Herger. In Baar achte man zwar darauf, dass keine politische oder kommerzielle Werbung an den Umzügen mitfahre. Auf satirische Darstellungen in Form von Schnitzelbänken oder Satiremagazine hat die Fasnachtsgesellschaft aber keinen Einfluss.

Das sei auch gut so, findet Jascha Hager. Denn die Wagenbauer seien meist sehr verantwortungsbewusste Menschen, die sich gut überlegen, welches Sujet sie umsetzen. «Provokation ist erlaubt. Wenn es den Leuten nicht gefällt, dann werden die Wagenbauer das merken. So reguliert sich das wohl von selber.» Reto Herger verweist auf einen Auszug aus dem Reglementum der Baarer Räbefasnacht: «Seie notieret, festgehalten und festgenagelt, dass ein allzu fleissiges Reglementieren nie viel zur Hebung der Fröhlichkeit beigetragen hat.»

In Baar habe man indessen kaum kritische Stimmen vernommen. Im Gegenteil: «Wir wurden daraufhin angesprochen, dass gewisse Sujets nicht gezeigt werden, und gefragt, ob wir hier eine Zensur vornehmen würden», erzählt Herger.

«Ein bisschen mehr Gelassenheit wäre sicher angebracht.»

Guido Keel, Medienwissenschaftler

Gelassene Ausgelassenheit

Das Problem der Satire und damit auch von fasnächtlichen Darstellungen liegt auch darin begründet, dass es nicht immer einfach ist, diese zu verstehen. Satire erfordert Vorwissen über die Situation und den Kontext. Nur damit könne man richtig «decodieren», was genau kritisiert wird, erklärt der Medienwissenschaftler.

Letztlich, so Keel, bedinge Satire eine gewisse Gelassenheit. Satire zielt gegen die Mächtigen, und die müssen eben auch aushalten, dass mit der Macht die Kritik kommt. «Von Satirikern weiss ich, dass die Betroffenen aber häufig kein Problem damit haben, sondern viel eher die Anhänger der Kritisierten. Sie haben das Gefühl, dass ihr Vorbild, ihr Anführer oder ihr Interessenvertreter ungebührlich in den Dreck gezogen wird. Da wäre manchmal ein bisschen mehr Gelassenheit sicher angebracht.»

Die Gelassenheit der Satire, die Ausgelassenheit der Fasnacht. Wie beschwichtigt man aber jene, die sich auf den Schlips getreten fühlen? Zielführend sei es wohl, so Guido Keel, wenn man darauf verweise, dass Humor eben ein Stück weit Geschmacksache ist. «Insofern gibt es keine Alternative zur guten Miene zum als böse empfundenen Spiel.» Auch Jascha Hager verweist auf die Streitbarkeit über den Geschmack. In fasnächtlicher Manier fügt er hinzu: «Kritiker sollen ihren Leserbrief erst am Aschermittwoch schreiben.»

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