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Kammermusik bei Speisefett
  • Kultur
Was steckt hinter dem Speisefett? Für ein Mal: Kammermusik. (Bild: fam )

Zuger Sommerklänge über den Gleisen Kammermusik bei Speisefett

5 min Lesezeit 13.07.2015, 09:50 Uhr

Konzerte, wo noch nie eins war: Das Zuger Festival Sommerklänge macht sich auf, die hintersten Zuger Winkel für die Kunst zu erobern. Dieses Mal kommt es dem Rätsel um einen schon etwas ranzigen Schriftzug auf die Spur.

«Orris Speisefett», der Name hat sich in die Gehirne der Zuger eingebrannt, einfach nur deshalb, weil er schon seit mehr als hundert Jahren am grossen Backsteingebäude beim Oekihof hängt. Und stolz sein Produkt über den Gleisen verkündet.

Speisefett. Passt an diesem Tag zum Lebensgefühl. Die Zinnen der Untermühle brüten in der Hitze. Und drinnen fächern sich ältere Damen Luft zu. Normalerweise ist hier eine Wagenladung von Kreativarbeitern daran, die Welt neu zu erfinden, Architekten, Grafiker, Fotografen, Künstler. «Vor zwei Tagen war alles noch mit Computern verstellt», sagt Madeleine Nussbaumer vom Zuger Kammermusik-Festival Sommerklänge. «Ich dachte schon, das gibt noch was. Aber sie haben uns gesagt, keine Angst, am Freitag um sechs Uhr abends ist alles weg.»

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«Wir finden immer wieder neue Orte»

Sommerklänge ist der Hausbesetzer unter den Festivals, schmuggelt sich seit 15 Jahren in wunderschöne oder seltsame Gebäude. Solche, die man sonst nie von innen sieht. Schon nach dem zweiten Festival hat man die Gründerin Madeleine Nussbaumer gefragt, ob man denn überhaupt noch neue Gebäude finden könne, man habe doch jetzt schon alle bespielt. «Aber wir finden immer wieder neue», sagt Nussbaumer und lacht.

«Es gibt so viele spezielle Gebäude, in die man sonst niemals hineinkann, geschweige denn, ein Konzert darin geniessen», sagt sie und zeigt aus dem Fenster auf die Gleis-Landschaft, in der die Scheinwerfer der stillgelegten Züge wie Fata Morganen in der Hitze flimmern. «Wann können Sie sonst von oben auf die Gleise schauen», fragt Nussbaumer. «Das macht den Reiz der Sommerklänge aus.»

Und an diesem Sonntag hat sich das Festival des «Schlosses» am Bahnhof angenommen. Die Systemmöbel des Ateliers sind unter Planen sauber an die Wand geschoben, auf den Metallstegen draussen gibt’s Apéro, das Duo an Flügel und Violine spielt sich gerade ein. Sie werden dem Architekturbüro heute verschiedene musikalische Kleider verpassen, und eines passt besonders gut. Aber erst ist die Geschichte dran. Denn bei Sommerklänge geht’s nicht nur um die Musik. Sondern auch um den Raum, den sie beschallt.

Die zweite automatische Mühle der Schweiz

Georg Frey, der ehemalige Denkmalpfleger des Kantons Zug, steht auf der Tribüne, und richtet in den Köpfen der Zuhörer erst mal Ordnung ein: Der Raum, in dem man hier nun zum ersten Mal in Konzertbestuhlung schwitzt, wegen der geschlossenen Fenster, dieser Raum ist ein Stück der Wurzeln, aus denen der Zuger Boom entstanden ist. Hier wurde 1889 die zweite vollautomatische Mühle der Schweiz gebaut. Als die Zugverbindung von Zürich nach Italien eröffnet wurde, haben Zuger Unternehmer nicht gezögert. Ein Jahr nach der Eröffnung der Linie war die Mühle in Betrieb. Von zwei Müllern mit Hang zum Historismus gebaut, und mit einer tiefen Liebe zu Zinnen. Zusammen mit einem Metzger und einem Apotheker.

Sommerklänge

Die nächsten Sommerklänge erklingen am Sonntag, 19. Juli in der Kapelle des Missionshauses in Immensee. «Der Sänger Matthew Rose ist das Higlight der diesjährigen Sommerklänge», sagt Madeleine Nussbaumer, die künstlerische Leiterin des Festivals. Infos zum Festival gibt's hier.

Es ist derselbe Müller dabei, der auch das Felber-Gebäude auf der anderen Seite des Bahnhofs gebaut hat, Backsteine – und ebenfalls Zinnen – gelb und schön. Hat den Bauboom ebenfalls überlebt. «Das 19. Jahrhundert war das Jahrhundert der Mechanik. Der Eisenbahn und der Logistik», sagt Frey, «man muss sich vorstellen, das Getreide kam aus Italien mit dem Zug, wurde vor dem Haus an der Rampe ausgeladen, verarbeitet, und mit zwanzig Fuhrwerken an die Bäcker ausgeliefert.» Später dann das Speisefett, an dieselben Bäcker, für Süsswaren. Und dann passierte etwas, was für Zug etwas vorzeichenhafte Bedeutung hat: Der Betrieb sattelte um, von Getreide auf Erdöl. Die Rohstoffe haben hier eine lange Geschichte.

Mozart passt nicht

Und dann sitzt man hier, hundert Jahre später, und hört Kammermusik aus mehreren Jahrhunderten. Die Zuger Violinistin Esther Hoppe und der Pianist Aleksandar Madžar jagen sich durch zwei fröhliche Sätze einer Mozart-Sonate, und durch einen düsteren. Der Raum klingt nicht wie ein Konzertsaal, obwohl der Flügel erste Klasse ist, aus dem Tessin von einem Ein-Mann-Flügel-Vermieter hergebracht, hochgeschleppt und gestimmt, die Zürcher wären doppelt so teuer und nicht frisch gestimmt, sagt Nussbaumer, die Tessiner Flügel haben Tradition bei Sommerklänge.

Der Raum schmiert in den Mitten ganz wenig, er war ja Speisefett- und Erdöllager. Aber Hoppe und Madžar spielen sich die feinen Bälle zu, legen das Stück in den Raum, und schauen, wies passt. Mozart passt nicht – Stücke und Raum machen keine Verbindung. Sehr schöne Kammermusik an speziellem Ort, nichts weiter. Zweiter Versuch: Sergej Prokofiev (1891-1953).

Die Gleise spielen mit

Und da passierts. Das Piano verschleiert, die Geige wird weicher und leise, die Harmonien dramatisch, machen den Raum zum Schwarzweiss-Film, Jahrhundertwende in Zug, Aufbruchstimmung, Industrie und Vorkriegszeit, und da donnert plötzlich der Interregio in den Bahnhof, die Wagen schlagen auf die Gleise wie ein übergrosses Herz, reissen unter der Musik die Tiefe auf, als hätten die Gleise in dem Moment beschlossen, mitzuspielen, die Fenster ebenso und der Boden, der rüttelt.

Die Musik ist atemlos aber präzise, Hoppe und Madžar spielen gut. Der Raum verzeiht nicht das kleinste Kratzen auf der Geige, muss er aber auch nicht, Hoppe spielt gross, schwingt sich auf, Madžar kann mithalten. Das Publikum ist am Schluss so begeistert, dass die älteren Damen und Herren anfangen, mit den Füssen auf den Boden zu stampfen. So geht das zu und her bei Sommerklänge.

Esther Hoppe und Aleksandar Madžar in der Untermüli.

Esther Hoppe und Aleksandar Madžar in der Untermüli.

(Bild: zvg (Heinz Morf / Sommerklänge))

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