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Kaffeesatz lesen mit dem Finanzdirektor
  • Politik
Der Kanton sei ein Dampfer, sagt Peter Hegglin, das Gesamtbild sei wichtig. (Bild: Annette Iten )

Weshalb sind die Zuger Prognosen so ungenau? Kaffeesatz lesen mit dem Finanzdirektor

4 min Lesezeit 1 Kommentar 02.05.2015, 13:50 Uhr

Um rund 91 Millionen Franken hatte sich Finanzdirektor Peter Hegglin letztes Jahr beim Steuerertrag verschätzt: In die falsche Richtung. Die Ungenauigkeit bei den Ertragsprognosen hat offenbar System: Seit seinem Amtsantritt gehen Budget und Rechnung massiv auseinander. Hegglin hat dazu eine erfrischende Erklärung.

zentral+: Herr Hegglin, wenn man die beiden Kurven betrachtet, muss man den Eindruck bekommen: Seit Ihrer Wahl 2003 gehen Aufwand und Ertrag in der Kantonsrechnung auseinander. Offenbar stimmt doch da etwas mit Ihrer Budgetierung nicht. Wie erklären Sie sich das?

Peter Hegglin: In einer Erfolgsrechnung haben Aufwand und Ertrag immer einen Zusammenhang. Den Aufwand hatten wir seit meiner Wahl immer gut im Griff, da gab es wenig Abweichungen. Grosse Abweichungen zu den budgetierten Werten gab es jedoch beim Ertrag, und zwar in beide Richtungen. Zwischen 2005 und 2010 hatten wir hohe Überschüsse. Und seit 2013 sind wir im negativen Bereich. Aber es gibt konkrete Gründe für beides.

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zentral+: Welche Gründe?

Hegglin: Die Überschüsse von 2005 etwa, da hat die Nationalbank Gewinne aus dem Goldverkauf ausgeschüttet. Das hat uns 123,4 Millionen Franken in die Kasse gespült, ohne dass wir das hätten budgetieren können. Gleichzeitig war die Wirtschafslage sehr gut und brachte höhere Steuererträge. Dann ist der Sondereffekt im Jahr 2011 gekommen, mit dem Börsengang einer Gesellschaft, der uns unerwartete und nicht budgetierbare Erträge brachte [Gemeint ist der Börsengang der Glencore, Anm. der Red.]. Seit 2012 haben wir keine solchen Sondereffekte mehr, die Wirtschaftskrise hat uns eingeholt, die Steuererträge sind weniger gestiegen als erwartet. Mit Konjunkturzyklen ist zu rechnen, dafür haben wir in den guten Jahren ein Polster aufgebaut, das wir jetzt ausgleichend wieder abbauen. Der Kanton muss keine Bank sein, wir müssen nicht so viel Geld liquid haben, wie das heute mit rund einer Milliarde Franken der Fall ist.

zentral+: Aber trotzdem, das Bild ist doch deutlich. Vor Ihrem Antritt waren Aufwand und Ertrag eng beieinander, das sind sie heute nicht mehr. Was ist der Unterschied zur Amtsperiode Ihrer Vorgängerin?

Hegglin: Die Weltwirtschaft spielt verrückt (lacht). Die Auswirkungen sind grösser und unberechenbarer geworden. Die Aufwandsseite haben wir immer sehr treffsicher budgetiert, die Budgetierung der Ertragsseite ist schwieriger geworden. Aufgrund der grossen Überschüsse hätten wir eigentlich die Steuern in den guten Jahren noch mehr senken müssen. Das haben wir nicht getan und stattdessen Reserven für die schlechten Jahre aufgebaut. Das ist vorsichtige Finanzpolitik und hat sich bewährt.

«Genau sein, nur um genau zu sein, das bringt nichts»

Peter Hegglin, Finanzdirektor des Kantons Zug

zentral+: Tatsächlich hat man doch schlicht nicht gewusst was kommt: Ihre Prognosen sind nicht sehr treffsicher, besonders auf der Ertragsseite. Da schiessen sie zwischen minus 20 (2003) und plus 17 Prozent (2005) am Ziel vorbei. Im letzten Jahr lagen Sie um -6,8 Prozent daneben. Sie haben sich um 91,1 Millionen Franken verschätzt. Wieso so ungenau?

Hegglin: Wir machen das Menschenmögliche, um gute Prognosen zu erstellen. Wir versuchen mit den grossen natürlichen und juristischen Steuerzahlern frühzeitig im Gespräch zu sein, stützen uns auf eigene Erfahrungszahlen und Empfehlungen von wissenschaftlichen Instituten ab. Aber eine hundertprozentige Genauigkeit wird es nicht geben, am Schluss ist es ein wenig Kaffeesatz lesen. In den letzten Jahren lagen auch etablierte Wirtschaftsinstitute mit ihren Prognosen nicht immer richtig. Und bei der Ausgabenseite, und das finde ich doch sehr wichtig, sind wir sehr genau.

zentral+: Gibt es denn einen Benchmark für die Prognosen von Finanzdirektoren? Müssen Sie sich mit jemandem messen?

Hegglin: Es gibt die Idheap-Studien, diese erachte ich nicht als aussagekräftig.

«Am Schluss ist es Kaffeesatz lesen»

Peter Hegglin, Finanzdirektor Kanton Zug

zentral+: In diesen Idheap-Studien schliesst der Kanton Zug nicht besonders gut ab. Im Zehnjahresdurchschnitt liegt Zug vor Obwalden auf dem fünftschlechtesten Platz. Ist schlicht zu wenig Know-how da?

Hegglin: Ich denke schon, dass wir das Know How haben. Man kann es schlicht nicht genauer abschätzen.

zentral+: Offenbar kann man das ja doch, wie die anderen Kantone zeigen. Der Kanton Zürich hat im Jahr 2010 einen Experten zugezogen, der die Prognosen einer Prüfung unterzog, weil man mit der Ungenauigkeit nicht mehr zufrieden war. Wäre eine externe Überprüfung für Zug nicht auch interessant?

Hegglin: Das hatten wir ja, mit dem Finanzhaushaltsmodell von BAK Basel. Das hat sich jetzt aber als nicht sehr zuverlässig herausgestellt, und wir prüfen, ob wir den Vertrag fortführen wollen. Und ich glaube, das ist schlicht die falsche Frage: Die blosse Genauigkeit bei der Budgeterreichung ist nicht zielführend. Genau sein, nur um genau zu sein, das bringt nichts.

zentral+: Was dann?

Hegglin: Das Gesamtbild ist wichtig. Der Kanton ist wie ein Dampfer, wenn man nicht überreagiert und nicht alles falsch macht, dann bleibt man im stabilen Fahrwasser. Und wir sind immer noch stabil, wir haben eine robuste Bilanz mit einem hohen Eigenkapital, nur die Steuererträge sind nicht da, wo wir es uns erwartet haben.

zentral+: Das klingt jetzt aber etwas anders als bei der Ankündigung des Entlastungspakets.

Hegglin: Da haben wir ein strukturelles Problem, das haben wir erkannt, und das gehen wir mit dem Entlastungspaket an. In Bezug auf das grössere Bild aber, von 2003 bis heute, ist es halt so: Im Moment erleben wir den Ausgleich für die sehr guten Jahre. Mit dem Entlastungsprogramm schaffen wir, ohne zu übertreiben, wieder eine langfristig ausgeglichene Staatsrechnung.

 

 

Im Jahr nach Peter Hegglins Amtsantritt gehen die Kurven «Aufwand» und «Ertrag» auseinander.

Im Jahr nach Peter Hegglins Amtsantritt gehen die Kurven «Aufwand» und «Ertrag» auseinander.

(Bild: zvg)

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1 Kommentare
  1. Werner Frei, 03.05.2015, 13:47 Uhr

    Unser Herr Finanzdirektor hat korrekt erkannt, dass der Kanton ein strukturelles Problem bei den Steuereinnahmen hat. Chapeau! Korrigieren will er es aber nur auf der Ausgabenseite mit dem “opfersymetralen” Entlastungspaket! Die Tiefsteuerpolitik will er jedoch weiterführen, weitere Fluchtkapitalhortung fördern und pauschalbesteuerte Fiskusflüchtlinge und Briefkastenholdings hier ansiedeln und damit die NFA-Zahlungen des Kantons – immerhin ungewollt vermutlich – in die Höhe treiben. Das Defizit wird noch grösser und die nationalkonservativen Liberalen werden noch mehr Sparen wollen. Weiter so bis keine Unterschicht und kein Mittelstand mehr hier leben kann und die Superreichen und Briefkastenasylanten den Stadttunnelunterhalt dann endlich selbst bezahlen müssen, Herr Hegglin? Oder sollen das dann unsere Eidgenossen via umgekehrte NFA-Zahlungen übernehmen, weil wir uns ressourcenschwach gespart haben? Clever ausgedacht, meine Hochachtung!